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Waschmaschinen Blues

Verfasst von Sirkka, 14 September 2010 · 28 Ansichten


Der Anfang vom Ende
Man glaubt es kaum, dennoch ist es wahr: Im Zeitalter der modernen Technik verließ mich das wohl wichtigste technische Gerät - meine Waschmaschine. Gut, die saubere Wäsche reicht noch 1-2 Wochen, doch dann sieht es mau aus, genau so mau, wie auf meinem Konto - sprich eine neue Waschmaschine ist in absehbarer Zeit nicht in Sicht. Und ohne frische Wäsche, das geht gar nicht. Ich könnte die Waschmaschine meiner Mutter benutzen, doch dann müsste ich sie ja besuchen. Das würde ihr gefallen, mir aber nicht. Ostern, Geburtstage und Weihnachten genügen vollkommen. Ihre Tiraden kann ich schon auswendig. Danke, kein Bedarf.

Nun bleibt mir wohl nichts weiter übrig als einen Waschsalon aufzusuchen. Gesagt getan, ich machte mich auf und fand sogar einen gleich um die Ecke. Der erste Schock traf mich als ich die Preisübersicht sah: 4 Euro pro Wäscheladung. Das wird auf Dauer teuer. Oh je, ein wenig heruntergekommen wirkte das spärliche Inventar auf mich. Nun, vielleicht bin ich auch nur einer der komischen Menschen, die sich nicht auf Holzbänken verewigen und ihren Dreck in den Mülleimer werfen. Aber ich bin ja hier nicht als Putze angestellt. Ich will meine Wäsche waschen und nicht hier einziehen. (Was ich übrigens niemandem empfehlen kann.)

Ausserdem ist die Bank am Fenster auch schon an Otto vergeben. Otto ist ein gebeutelter Mann aus der sozialen Unterschicht. Aber er wäscht seine Wäsche - auch wenn man es nicht riecht. Aber vielleicht ist es auch nur seine Bierflasche, die er stets bei sich trägt, die so mieft. Aber er ist höflich und pöbelt mich nicht an. Im Gegensatz zu dem komischen Typen mit der Kapuze über dem Kopf und den fast ganz herunterhängenden Jeans. Der hat ein Problem. Ich weiß allerdings nicht welches und möchte es auch nicht wissen.


Anleitung zum öffentlichen Wäsche waschen
Nun, ich konzentriere mich wieder auf mein eigentliches Vorhaben - Wäsche waschen: Und auch hier zeigt sich, wer lesen kann ist klar im Vorteil. Auf einer großen Tafel über den riesigen (die Dinger sind wirklich extrem groß) Waschmaschinen ist das Vorgehen kurz handschriftlich erläutert. Also für alle die noch nicht in einem Waschsalon waren und es unbedingt mal vorhaben, so funktioniert es:

1. Handschuhe nicht vergessen, braucht man für den Automaten (siehe 3.)

2. Wäsche in eine leere Maschine stecken (Vorsichtig agieren, nicht dass die Unterhosen für alle sichtbar auf dem Boden landen.) und sich die Nummer merken. Sollte keine Maschine frei sein, macht man sich eine frei. Einige kommen und besetzen die Maschinen und gehen erst mal noch eine Weile schlafen oder einen Happen essen. Das ist genau wie mit den Strandliegen auf Mallorca: Wenn man sein Handtuch drauf legt, annektiert man nicht gleich die ganze Welt. Hier gilt Wäsche raus und in den rumstehenden Wäschekorb werfen, oder eben woanders hin zur Not gibt es da hinten einen Wäscheberg. Immerhin wollen wir auch mal ran. Hier kommen die Handschuhe das erste mal zum Einsatz, sollte die Maschine noch besetzt sein. Handschuhe sind hier eine hygienische Notwendigkeit, man möchte weder Ottos, noch Kapuzentyps Unterhosen mit bloßen Händen anfassen.

3. Hat man eine Maschine besetzt, geht man zu dem widerlich aussehenden Automaten (Schockmoment Nummer Zwei) hinten in der dunklen Ecke. Handschuhe anziehen! Man wählt nun die Taste mit der Nummer der gewählten Maschine und drückt diese. Nun erwartet der dreckige Automat, dass man Vier Euro einwirft, exakt Vier Euro. Er kann nicht wechseln. Wie ein billiger Zuhälter, erst bezahlen, dann das Vergnügen. Es sollte jetzt eigentlich ein Licht angehen, damit man sieht, an welcher Seite das Waschpulver und der Weichspüler vom Automaten ausgespien werden. Leider sind beide beschädigt und so drückt man einfach beide Knöpfe und versucht das heraus rieselnde Pulver aufzufangen, aber egal wie man es dreht: Man steht an der falschen Seite. Schneespuren auf der Erde verkünden, dass dies wohl allen so geht. Der Weichspüler ist alle.

4. Der aufgefangene Rest des Waschpulvers wird nun oben in die Maschine gefüllt, diese geschlossen und dann das Programm gewählt. Am besten entscheidet man für Kochwäsche um alles abzutöten. Dann den Knopf drücken und voila! es geht los. Die Anzeige sagt, dass es circa eine Stunde dauert. Nun ist Warten angesagt.

Während ich warte - vorsorglich habe ich ein Buch mitgenommen - betreten allerhand illustre Gestalten den Salon. Ein Anzug und Hemd Typ sucht verzweifelt seine Wäsche und findet sie ganz unten im Wäscheberg. Er schaut nicht glücklich aus. Er stopft die Wäsche erneut in eine leere Maschine und geht zum Automaten. Sehnsüchtig schaut er auf das weiße Pulver auf der Erde. Er setzt sich neben Otto, seine Maschine fest im Blickfeld. Otto schnarcht friedlich vor sich hin. Kurze Zeit später kommen zwei Studenten um ihre Wäsche zu reinigen. Vielleicht sollten sie auch mal in eine Maschine springen. Zumindest kann man sie eineindeutig der Fachrichtung zuordnen. Zumindest ist ihre Unterhaltung sehr lustig - sie diskutieren über das Abendessen, die Suppe muss ausfallen, denn die Biomöhren sind alle.

Noch Dreißig Minuten... Otto schnarcht immer noch. Ich gehe mir einen Kaffee holen und bin erstaunt, als ich wieder komme: Hochbetrieb im Salon, alle Maschinen laufen und mindestens vier Leute stehen lauernd herum auf eine anhaltende Maschine um sie für sich zu annektieren. Noch Fünf Minuten...

5. Ist der Waschgang fertig, kann man seine Wäsche aus der Maschine holen, man muss schnell sein, sonst schnappt sich jemand anderes die Maschine und die Wäsche war für die Katz...

6. Optional kann man seine Wäsche gegen Aufpreis trocknen. Dazu müssen die Schritte 1-5 analog ausgeführt werden.

7. Die gewaschene Wäsche einpacken und nichts wie raus da! Langsam wird es mulmig.


Die Kippe danach
Geschafft, ich bin der Meute entflohen. Gerade so konnte ich meine Wäsche retten und in meinen Korb werfen, bevor eine dicke Hausfrau sich auf meine Maschine stürzte. Ich muss mir erst einmal eine Kippe anzünden. Tief durchziehen. Das tut gut. Ich merke wie sich der Teer beruhigend auf meine Lungen legt. Ich bin entkommen - mit sauberer Wäsche. Otto winkt mir durch die Scheibe, ich nicke zurück. Tapferer Otto, mitten in der Waschmaschinen-Jäger-Meute. Ich wusste ja schon immer, dass ich im Großstadtdschungel lebe, aber so nah habe ich es noch nie erlebt.












Ich empfinde solche Waschsalons immer als irgendwie mystische Orte. Manchmal sieht man einen in einem Film, und manchmal, wenn man mit wachen Augen durch ein zwielichtiges Viertel einer fremden Stadt läuft, sieht man das Licht und die lungernden Gestalten und man überlegt sich, wer das wohl gerade alles ist.
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Illusion und Realität sind zwei verschiedene Dinge.

Irgendwie hat ein Waschsalon ein gewisses Flair, impliziert durch die Art und Weise, wie es in Filmen dargestellt wird. Doch in der realen Welt nutzen Studenten und Waschmaschinenlose ihn und diese Kliente hat eigentlich wenig davon. Aber man lernt interessante Menschen kennen.

Vielleicht gelingt es ja, eine Sammlung von Salonvideos aufzustellen.
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Wäre mal ne Idee für ein schönes Fotoprojekt: Einen Waschsalon über ein Jahr lang begleiten, vielleicht sogar recht formal von innen mit Blick auch nach draußen und eben den Leuten im Bild.
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Ich glaub der ICE braucht weniger als 2 Stunden bis nach Berlin.

Zum Surren der Maschinen gibt's klassische Musik

Und hier ein Bild
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Tara schrieb am 16. Oktober 2010, 22:37:

Ich glaub der ICE braucht weniger als 2 Stunden bis nach Berlin.

Zum Surren der Maschinen gibt's klassische Musik

Und hier ein Bild

Darüber hatte ich vor geraumer Zeit einmal einen Bericht gesehn... hach, wenn alle so hübsch und sauber wären. Ich muss mal ein Bild von dem in der Nähe des Büros machen.... Der ist BÄÄÄÄÄÄH...
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