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Historischer Bezug bei Straßennamen u.ä.
Von Hitleralleen und Karl-Marx-Universitäten


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13 Antworten zu diesem Thema

#1 Rabenfutter

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Geschrieben: 28. August 2009, 00:59

Mehrere Dinge möchte ich gern an dieser Stelle diskutieren lassen.

1) Inwieweit stellt die Umbenennung von Straßen nach historischen und / oder zeitgenössisch-politischen Gegebenheiten eine Geschichtskosmetik dar? Wann opfert man auch negativ besetzte Würdigungen an öffentlichen Orten der Be- bis Überwältigung von Erinnernswertem? Wo setzt man die Grenze zwischen Erhaltenswertem und Korrekturpflichtigem?

Braucht Deutschland noch Hindenburgstraßen und Hindenburgdämme, wenn die meisten anderen Machthaber der 30er und 40er Jahre von den Straßenschildern getilgt wurden?

2) Wann erreicht die Umbenennung im Sinne der Sühne, des Gedenkens und der Achtung vor dem Gewesenen selbstironische Züge?
Beispiel hierfür sei die Konstellation von KZ-Orten auf dem Leipziger Stadtplan:

Auschwitzer Straße

Buchenwaldstraße und Dachauer Straße

Alle liegen inmitten blumig benannter Wege.

3) Beim Er-Öffnen eines neuen Themas sollten "Themen Titel" und "Themen Beschreibung" besser zusammengeschrieben werden.
Danke.

#2 phriedrich

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Geschrieben: 28. August 2009, 09:20

Die von dir genannten Beispiele hier in Leipzig sind ja wirklich etwas befremdlich. Finde ich in einer reinen Wohngegend, die noch dazu etwas abgelegen ist und bei der man keinen thematischen Bezug herstellen kann, ziemlich unpassend. Das wirkt wie verschämt am Stadtrand versteckt. Wenn man das Gedenken und die Mahnung hochhalten will, sind zentrale Straßen und Plätze doch wesentlich besser geeignet, zumal es dort auch häufiger einen echten Bezug gibt. Beispielsweiße an der Ecke Gottsched-/Zentralstraße, an der mal eine Synagoge stand.

Ansonsten dienen große Namen wohl vor allem der Identitätsstiftung, nun ja … Hindenburg.


Zu 3.: Hab ich erledigt.

#3 Rabenfutter

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Geschrieben: 28. August 2009, 10:09

Beitrag anzeigenphriedrich schrieb am 28. August 2009, 09:20:

Die von dir genannten Beispiele hier in Leipzig sind ja wirklich etwas befremdlich. Finde ich in einer reinen Wohngegend, die noch dazu etwas abgelegen ist und bei der man keinen thematischen Bezug herstellen kann, ziemlich unpassend. Das wirkt wie verschämt am Stadtrand versteckt. Wenn man das Gedenken und die Mahnung hochhalten will, sind zentrale Straßen und Plätze doch wesentlich besser geeignet, zumal es dort auch häufiger einen echten Bezug gibt.

Leider konnte ich im Netz bislang nicht eruieren, wann genau diese Umbenennung hier erfolgt ist und warum gerade da und im Austausch wogegen.
Gibt es da gute Quelle jenseits des Amtes selbst?

#4 phriedrich

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Geschrieben: 28. August 2009, 10:35

Bei der Buchenwaldstraße scheinen mir – nach Ansicht des Satellitenbildes – die Anlage und viele Häuser aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu stammen. Weiter „vorn“, zur Hauptstraße hin, sehen sie aus wie 30er-Jahre, hinten folgen auch einige die aus den 90ern stammen könnten.

Jedenfalls legt das nahe, dass die Straße in dieser Gegend schon immer „passend” zur gegenwärtigen Lage benannt wurden, vielleicht ursprünglich nach Kriegshelden des Ersten Weltkriegs oder so ähnlich, später dann nach Arbeiterführern und nun eben so …

#5 silastischer waffenteufel

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Geschrieben: 29. August 2009, 11:03

Das einzige, was ich fand, sind neue Umbenennungen, wobei auch nie wirklich Erwähnung findet, warum beispielsweise ein Birkhahnsteig in einen Auerhahnsteig umbenannt werden muß (vom befremdliche "Steig" inmitten der Leipziger Tieflandsbucht mal abgesehen).

Allerdings die Beispiele, die von Dir gebracht wurden, sind in der Tat recht -nunja- seltsam und ich glaube, man kommt in diesen Fällen nicht wirklich online weiter.
Die einzige vernünftige Möglichkeit, etwas über jene Straßenbezeichnungen herauszufinden, sehe ich darin, real im Stadtarchiv nachzufragen also dort. Ich sehe übrigens keinen, der besser geeignet wäre, einen triftigen Grund für dessen Benutzung zu finden.

Zur ersten Frage jedoch:
Woher willst Du wissen, daß die Korrektur nicht eine Korrektur einer Korrektur einer Korrektur darstellt?
Nehmen wir mal den Augustusplatz, der mal in Karl-Marx-Platz umkorrigiert wurde und dann nun doch wieder zurückkorrigiert (Wobei sicherlich die Idee des Primus inter pares heutzutage aktueller denn je ist, auch wenn jeder in irgendeiner Art versucht, der Primus zu sein.).

#6 Rabenfutter

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Geschrieben: 25. Mai 2011, 08:42

Amstetten ist wieder mal in der Presse.
Nicht als Heimat von Familienschänder Fritzl, sondern als eine weitere Stadt, die Adolf die Ehrenbürgerschaft posthum entzieht. Ja, 66 Jahre nach den ersten Städten, die das taten.

Solche Ehrungen waren zwischen 1932 und 1945 nicht unüblich, danach für das nächste Regime auch nicht. Hitler, Göring, Hindenburg bekamen allenorts Straßen, Gebäude, Institutionen nach sich benannt, den Kultfiguren des Sozialismus erging es nicht anders. Nur wurden die roten Idole viel schneller rückgeehrt, als die Wende kam. Stalin oder Otto Grotewohl sind kaum noch gewürdigt.
Bei den vielen Ehrenbürgerschaften für Großnazis des Dritten Reiches gilt an sich die Höchstpersönlichkeit als Ansatzpunkt, wer also tot ist, verliert die Würde automatisch. Dennoch haben von den über 4000 betroffenen Städten einige hundert nach WK II die Ehrung posthum zurückgenommen, teils für alle Nazis, teils nur für einzelne: Neuruppin ist immer noch Hindenburgstadt, nicht aber Hitlerstadt.

Zum Einen also: Die Bereinigung erfolgt inkonsequent, sowohl in der Verteilung über das Land, in der Auswahl der zu entehrenden Personen und in der Latenz zwischen Befreiung und Bereinigung. Ist das historische Pflichthygiene? Vergangenheitsbewußtsein oder Vergangenheitüberwältigung?

Und zudem: Sühneehrungen kommen hinzu. Benennungen nach Widerstandskämpfern etwa, wofür im Osten bevorzugt frühere oder spätere Kommunistenführer herangezogen wurden, die also vom Opfer mindestens zum passiven Sympathisanten des neuen Systems wurden. Zudem gibt es Dinge wie die Auschwitzstraße, die Buchenwaldstraße und die Dachauer Straße, alle im Leipziger Norden. Ist das noch takt- und geschmackvoll oder nur historisch bizarr?

Ich bin gespannt.

#7 berührung

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Geschrieben: 25. Mai 2011, 10:56

Vielleicht ist es manchmal auch ganz schön, wenn man zu seinen Fehlern stehen kann. Zumindest finde ich das authentischer, als im Nachhinein so zu tun, als hätte in Deutschland nie jemand mit den Nazis oder Stalinisten sympathisiert. Oder sich auf die Seite der Opfer zu schlagen, wenn das Schlimmste bereits überstanden ist. naja.

#8 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 25. Mai 2011, 12:12

Die Praxis der Straßenbennenung ist schon ein spannendes Feld. Oft dienen Sie allein der Orientierung - die Merseburger Straße führt den Reisenden eben nach Merserburg, die Leipziger nach Leipzig und der Bahnhof muss einfach irgendwo in der Nähe der Bahnhofsstraße sein, außer das jeweilige Dorf ist vor Jahren bereits von den Karten der Deutschen Bahn verschwunden. Ich habe noch nie so richtig darüber nachgedacht, warum Straßen eigentlich auch nach Personen benannt sind. Vielleicht gab es einfach irgendwann nicht mehr genug Städte oder aber man hatte schlichtweg das Bedürfnis neben schnöden Denkmälern eine weitere Mögichkeit zu finden Menschen zu ehren. Einem Powerpointvortrag zur Geschichte der Straßenschider würde ich schon gerne mal lauschen.
Aber nun zum eigentlichen Thema, der Flurbereinigung. Die Vorstellung man könnte die Schilder auch als Art Erinnerungsschild betrachten, finde ich originell, aber nicht wirklich sinnvoll. Von den meisten werden sie einfach nicht als solche wahrgenommen, sondern eben als Ehrung und da ist es in manchen Fällen einfach befremdlich den einen oder anderen Namen zu lesen. Solange Straßennamen u.a. auch diese Funktion haben (wie es z.B. auch in der neuen Renftstraße in Leipzig der Fall ist), sollte man da ruhig zum Radiergummi greifen und in der Zukunft vielleicht einfach vorsichtig mit der Namenswahl sein. Lieber ein paar mehr Hauptstraßen als Merkelstraßen.

In Lindenau wird mit unbeliebten Straßenschildern übrigens kreativ umgegangen:

Eingefügtes Bild

#9 flaschenpost.sitebob

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Geschrieben: 25. Mai 2011, 19:16

Straßennamen finde ich spannend. Da ist die geschichtliche Zuordnung, wenn es denn eine gibt. Und es lässt küchenpsychologische Rückschlüsse auf die Bewohner der jeweiligen Straße zu. Warum wohnen die dort? Oder: Oha, der/die hat Geld, sich dort eine Wohnung zu leisten. Ich bin überzeugt, dass die schriftliche Bewerbung von einem, der in der Sonnenstraße wohnt, mehr Anklang findet, als von jenem Kandidaten, der in der Winterstraße sein Domizil hat.
Ein älterer Kollege von mir hatte die ungute Angewohnheit, in den unpassendsten Momenten mit den Straßennamen aus der Hitlerzeit zu schocken. Nach der 'Wende' dachte ich noch lange in Leninstraße, Thälmannstraße für Prager Straße und Eisenbahnstraße.
Als ich heiratete, konnte ich mich nicht recht für einen Familiennamen entscheiden. Also nahm ich zu meinem Namen noch den meiner damaligen Frau dazu. Ich konnte einfach nicht genug bekommen. Außerdem brachte meine damalige Frau einen geschichtsträchtigen Namen mit. Und das fand ich schon recht reizvoll. Fremde Federn un so. Ihr Großvater, der den Namen in die Familie ‚einschleppte‘, war elf Jahre in Leipzig Oberbürgermeister. Sein Bruder wurde dagegen im Januar 1945 vom sogenannten Volksgerichtshof (!!) zum Tod verurteilt. Eine nach ihm benannte Straße gibt es heute noch in Leipzig. Die Einrichtungen und Anlagen, die sich zu DDR-Zeiten mit seinem Namen schmückten, tragen heute andere Namen. Oder existieren nicht mehr. Dagegen erinnern diverse Geschichtsbücher sich eher verschämt an den einstigen OBM (unter dessen Schirmherrschaft die Sprengung der Unikirche fiel).
Nach meiner Scheidung denke ich immer mal wieder darüber nach, meinen Zweitnamen abzulegen. Der Geschichte wegen, der ganz persönlichen wohlgemerkt.

#10 Rabenfutter

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Geschrieben: 26. Mai 2011, 19:50

Gut, zur Flurbenennung pflichte ich bei: Lieber weniger Politiker und mehr approbierte gute Künstler. Ludwig-Erhard-Straßen sind unwürdig, die Auswahl der Helge-Hahnemann-Straße in Berlin auf andere Weise aber auch - ein siffiger Trampelpfad hinter dem Tacheles...

Und Flurbereinigung: Korrigieren oder 100 Jahre zur Hitlerallee stehen?

#11 berührung

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Geschrieben: 27. Mai 2011, 01:41

Ah, wenn Du so direkt fragst, ist es vielleicht doch besser sich da anderes zu orientieren. Die Vorstellung in einer Hitlerallee wohnen zu müssen erfüllt mich nicht grade mit Freude. Besonders wenn ich daran denke, wie oft ich meine Adresse dann doch irgendwo angebe.

Zitat

Zudem gibt es Dinge wie die Auschwitzstraße, die Buchenwaldstraße und die Dachauer Straße, alle im Leipziger Norden. Ist das noch takt- und geschmackvoll oder nur historisch bizarr?

Na man könnte sich vielleicht darauf beschränken, an die Lager zu erinnern, die auch tatsächlich mit der Stadt, also in diesem Fall Leipzig, in Verbindung gebracht werden können. Und das wäre dann maximal noch Buchenwald.

#12 Rabenfutter

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Geschrieben: 30. Mai 2011, 22:17

Herrje, bin ich blöd oder dement?
Das Thema gab es schon mal vor 1,5 Jahren.
Von mir.
Hilft mir jemand?

#13 Spottdrossel

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Geschrieben: 30. Mai 2011, 22:23

Beitrag anzeigenRabenfutter schrieb am 30. Mai 2011, 22:17:

Herrje, bin ich blöd oder dement?
Das Thema gab es schon mal vor 1,5 Jahren.
Von mir.
Hilft mir jemand?

Guttenberging by yourself ist nicht schlimm. :lol:

Edit: Naja, ein wenig anders ist das Thema schon.

Bearbeitet von Spottdrossel, 30. Mai 2011, 22:30,


#14 flaschenpost.sitebob

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Geschrieben: 04. Juni 2011, 13:46

Am 18. Mai 2011 beschloss die Leipziger Ratsversammlung einige Neu- und Umbenennungen von Straßen. Auffallend dabei ist die zahlreiche Verwendung von Familiennamen. So soll es einen Schatzweg (David Schatz, einstiger Architekt), einen Popitzweg (Hermann Popitz, ehemaliger Jurist) und auch einen Brunsweg (Marianne Bruns, 1994 verstorbene Schriftstellerin) geben. Aber auch einen Mattheuerbogen und einen Tübkebogen soll es geben. Leichtes Kopfschütteln verursachte bei mir die Nachricht, dass der Schletterplatz in Gaudigplatz umbenannt werden soll. Eine Begründung lautet: Die 150. Wiederkehr seines Geburtstages. Sollte dies Schule machen, dann wird in zwei Jahren z.B. aus der Oststraße eine Ulbrichtstraße. Schließlich feiert Walter U. 2013 seinen 120. Geburtstag. (Chemnitzer Stadträte sehen bei dieser Frage keinen Handlungsbedarf. In ihrer Stadt gibt es schon lange eine Ulbrichtstraße.)
Gegen die Neu- und Umbenennungen von Straßen in Leipzig kann binnen, so das Amtsblatt heute, Widerspruch eingelegt werden.





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