Aufgelesen
Was lest ihr gerade und warum?
Eröffnet von An Chiardhuibh, 13.09.09, 15:41
226 Antworten zu diesem Thema
#203
Geschrieben: 03. August 2011, 19:32
Rennie schrieb am 02. August 2011, 22:10:
So, zweiter teil ist gelesen. ganz schön vorhersehbar das ende. aber okay, ich les den dritten teil trotzdem (aber nur, weil er dazu gehört)
so schlimm? ich finde das tempo und die zuspitzungen immer genial. das nimmt immer eine dynamik an die absolut klasse ist. aber vielleicht bin ich auch nur leicht zu beeindrucken
#207
Geschrieben: 10. August 2011, 02:07
Dostojewski - Schuld und Sühne... Warum? Ja, warum sollte man sowas eigentlich lesen? Die ersten hundert Seiten hadert der Protagonist mit einem Mord, bevor er ihn begeht und danach auch. Wofür, das lassen wir mal außer Acht, immerhin bringt er es nicht mal fertig, nach vollendetem Werk auch den Zweck dessen zu bewerkstelligen, nämlich den Raub des Vermögens der erschlagenen Frau. Gefühlte 1000 Seiten lang fällt er in Ohnmacht, rappelt sich wieder auf, um erneut, tief schockiert von sich selbst, das Bewußtsein zu verlieren. Kurz bevor einem das zum Hals heraushängt, erfolgt eine abrupte Wendung. Der Wiederauferstandene beginnt mit den Leuten katz und Maus zu spielen, weist den fallbearbeitenden Polizisten auf die kleinsten Einzelheiten des Falles hin, auf das Versteck der - so kopflos mitgenommenen und sehr geringen - Beute und es beginnt eine Psychostudie der involvierten Charaktere. Nebenbei wird sehr plastisch das damalige Petersburger Leben mit all seinen Facetten geschildert, insbesondere die schlimmen sozialen Verhältnisse. Schwer ist das allzu überschwengliche Pathos in allem, in jedem Brief, der kurze Mitteilungen auf 5 Seiten ziehen kann oder in jedem Gedankengang, der -kurz abgehandelt einen Satz - über 3 Seiten gezogen wird. Aber wir lieben ja Sprache und stilistische Mittel, sodaß uns das ja mehr als Freude bereitet, wenn denn die Übersetzung klug genug gewesen wäre, wenigstens Wortwiederholungen zu vermeiden. So ist das mitunder keine leichte Kost. hinzu kommt die russische Eigenart, alle 3 Namen der Handelnden komplett auszusprechen, und wir reden hier von ca. 5 Silben pro Name, die allesamt irgendwie gleich klingen, oder wollt ihr mir erzählen, daß man Sosimow und Sametow oder Alexandrowna und Aldatjowna nach 10 Seiten noch unterscheiden kann, wenn man vorher 3 (Vor)namen liest, die identisch sind? Selbst die Koseformen sind hier weniger hilfreich, da sie eher verkomplizieren. Eine Nastasja wird Nastasjuschka und so weiter. Fazit ist: der Russe ist gewöhnungsbedürftig, braucht eine gewisse sturheit, um rein- als auch weiterzukommen (und die hab' ich), aber macht dann schon sehr Spaß. Allerdings für Kurzweil isses nix. ;-) Als Nachgang habe ich mir dann 2 Bücher von T.C. Boyle zugelegt.
#208
Geschrieben: 10. August 2011, 02:48
Haha. Es erging mir mit den Dämonen ganz genau so. Obwohl es nach Seite 300 oder so dann sogar etwas spannend wurde. Fairerweise muss ich aber sagen, dass die deutlich kürzeren Novellen, die ich von Dostojewski kenne, weitaus erfrischender und schmackhafter waren.
#209
Geschrieben: 12. August 2011, 14:14
zählt "der idiot" als kurzwerk? mir kam er jedenfalls so vor, obwohl mich die namensverwirrung ganz genauso ereilte, wie der silastische waffenteufel es geschildert hat. vielleicht hatte ich mich aber auch nur in trance gelesen, denn an die handlung kann ich mir nur noch schemenhaft erinnern.
#210
Geschrieben: 14. August 2011, 17:32
Kurz nach dem Tod von André Müller erschien das Buch „Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe! Letzte Gespräch und Begegnungen“. Das Buch vereint so unterschiedliche Leute wie M. Reich-Ranicki oder Dolly Buster, mit P. Handke oder Karl Lagerfeld: Sie alle gaben Müller Antworten auf Fragen, die oft genug als Antworten daher kamen, so dass die Befragten ihrerseits Fragen stellten. Viele der Gespräche standen schon auf Müllers Homepage und waren (nicht allein für angehende Journalisten) kostenfrei runterzuladen. In dem Buch ist auch das lange Gespräch mit Müllers Mutter ist dabei. Allein dieses Gespräch rechtfertigt den Kauf des Buches. Wer mal so richtig den Kanal voll hat von dem pausenlosen Gesappel in Rundfunk und Fernsehen, wer sie nicht mehr sehen kann, die so flachbrüstigen wie aufgeblähten Interviews in den Zeitungen und Zeitschriften, dem empfehle ich täglich eine Prise Müller.
Vor Jahren, als der Bezahlsender Premiere in sogenannten Zeitfenstern täglich seine Raffgier für eine knappe halbe Stunde sausen ließ und jedem Zuschauer den Zugang zum Sender erlaubte, gab es die Sendung 0137. Da plauderte ein noch unbekannter Roger Willemsen, übrigens heute schon Glückwunsch zum morgigen Geburtstag, lieber Herr W., mit einem schamlos angetrunkenen André Müller. Als dieser auf seine so eigene Gesprächskunst angesprochen wurde, sagte er sinngemäß, dass ihn sein Gegenüber gar nicht interessiere. Viel lieber rede er von sich. Diese Ehrlichkeit machte mich sprachlos. Im Januar 2011, wenige Monate vor seinem Tod, griff Müller den Gedanken in einem Zeitungsgespräch wieder auf: „… am liebsten ist es mir, er (der Befragte) spricht meine Sätze“.
Vor Jahren, als der Bezahlsender Premiere in sogenannten Zeitfenstern täglich seine Raffgier für eine knappe halbe Stunde sausen ließ und jedem Zuschauer den Zugang zum Sender erlaubte, gab es die Sendung 0137. Da plauderte ein noch unbekannter Roger Willemsen, übrigens heute schon Glückwunsch zum morgigen Geburtstag, lieber Herr W., mit einem schamlos angetrunkenen André Müller. Als dieser auf seine so eigene Gesprächskunst angesprochen wurde, sagte er sinngemäß, dass ihn sein Gegenüber gar nicht interessiere. Viel lieber rede er von sich. Diese Ehrlichkeit machte mich sprachlos. Im Januar 2011, wenige Monate vor seinem Tod, griff Müller den Gedanken in einem Zeitungsgespräch wieder auf: „… am liebsten ist es mir, er (der Befragte) spricht meine Sätze“.
#211
Geschrieben: 15. August 2011, 01:20
bogarnil limdal schrieb am 12. August 2011, 14:14:
zählt "der idiot" als kurzwerk? mir kam er jedenfalls so vor, obwohl mich die namensverwirrung ganz genauso ereilte, wie der silastische waffenteufel es geschildert hat. vielleicht hatte ich mich aber auch nur in trance gelesen, denn an die handlung kann ich mir nur noch schemenhaft erinnern.
Nee, das Ding hat mindestens 900 Seiten und liest sich recht zäh, wenn man nicht auf antiquierte Sprache steht.
Ich hab mich als Jugendliche mal durchgequält.
#213
Geschrieben: 28. August 2011, 10:58
Spottdrossel schrieb am 28. August 2011, 10:56:
Ich quäle mich derzeit durch Glennkill.
Hatte mir tatsächlich mehr Unterhaltung versprochen. Wahrscheinlich ist mit meinem Geschmack etwas nicht in Ordnung.
Hatte mir tatsächlich mehr Unterhaltung versprochen. Wahrscheinlich ist mit meinem Geschmack etwas nicht in Ordnung.
naja, am anfang dauerts ein bisschen. man muss sich auf die andere perspektive einlassen können. das hat bei mir auch ein bisschen gedauert. wie viel hast du denn schon gelesen? den zweiten teil habe ich neulich gelesen und fand ihn noch besser.
#216
Geschrieben: 30. August 2011, 17:42
Also, ich bin jetzt mit Raskolnikov fertig. Der Typ hat echt meine volle Verachtung. Zuerst diese maßlose Selbstüberschätzung und dann die Heulerei weil er das erkannte und nun im Selbstmitleid zerfließt, doch nicht so genial zu sein. Aber ich muss trotzdem sagen, dass ich entgegen meiner anfänglichen Skepsis froh darüber bin, mich durch den Wälzer durchgekämpft zu haben. Zu guter Letzt war er doch sehr spannend und auch wenn er mir unsympathisch war, wurden Raskolnikovs innere Kämpfe absolut beeindruckend dargestellt. Ich bin sogar ein Wenig betrübt, dass alles letztlich so unspektakulär zu Ende geht. Ein Wenig werde ich ihn wohl vermissen, den ningelnden, egomanischen Russen. Da ich momentan im Krankenhaus herumsitze undn Zeit habe, wurde auch der Boyle schon angelesen. Das ist natürlich etwas gänzlich anderes. Ich bin ja für den Tip unendlich dankbar. Auch der kann sich ewig über etwas auslassen, zum Beispiel widmete er sich eine komplette Seite lang Dreck, aber im Gegensatz zu Dostojewski war das amüsant, kurzweilig und angenehm zu lesen, trotz dass der Stil nicht simpel ist. Witzig war allerdings die Tatsache, dass der Protagonist irgendwann auf einem Polizeirevier direkt den Vergleich mit Raskolnikov anführte. Da war er dann doch wieder, der Russe.
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