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Piraten-Partei
Das nächste postmoderne Ding oder doch nur Hype?


11 Antworten zu diesem Thema

#1 bogarnil limdal

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Geschrieben: 19. September 2009, 02:57

die piratenpartei scheint ja auch hier im forum begeisterung zu entfachen. grund genug für mich, die sache mal genauer zu durchleuchten. ich habe mir in den letzten tagen sehr viele gedanken darüber gemacht, welchen platz diese partei im politischen system deutschlands einnimmt, ob ihre politikziele wirklich neu oder exklusiv sind, welche chancen die partei langfristig hat und welche chancen diese partei für deutschland mit sich bringt.

ich hoffe, wir können diesen thread neutral pflegen. d.h. weder bashing noch wahlkampf (und beides nicht nur in bezug auf die piraten, sondern auf alle parteien).

zu dem oben skizzierten themenkomplex habe ich folgende diskussionswürdige these:

die piraten betreten die arena funktional zu früh und organisatorisch zu spät

schaut man sich die etablierten parteien und die groben wahlkampfthemen seit bestand der brd an, so fällt auf, daß es seit den 80iger jahren raum für postmoderne themen gibt, diese aber in einer art warteschleife hängen. nach wie vor sind die klassischen themen "arbeit" und "soziale sicherheit" wahlentscheidend und die ideologische einordnung politischer akteure auf der rechts-links-skala dominierend. konkret heißt letzteres: christlich-konservativ oder sozialdemokratisch. solange in diesen rahmen gedacht wird, beschränkt sich auch der wahlkampf auf themen der politischen moderne wie arbeitslosigkeit/vollbeschäftigung oder staatsquote/umverteilung. der deutsche wohlfahrtsstaat ist gemessen an den politikstilen konservativ, d.h. es dominieren lösungen, die das volumen der beschäftigen verringern und diese maßnahmen mit staatlichen leistungen absichern. das führt dazu, daß sich die beiden volksparteien in einem engen rahmen bewegen, die gleichen themen abdecken und im prinzip ähnliche lösungsansätze verfolgen. man streitet sich um detailfragen (wobei hier nicht der falsche eindruck geweckt werden soll, daß diese details unwesentlich seien).

neben den beiden volksparteien gibt es momentan drei etablierte kleinere parteien: die fdp, die grünen und die linkspartei. letztere können wir als externen linken flügel der spd vernachlässigen, da sie genau die gleichen kernthemen und -strategien verfolgt (vollbeschäftigung, umverteilung nach gleichheitsgrundsatz). die fdp ist ein interessanter sonderfall, da sie für ein system steht, das nicht typisch europäisch ist (mit ausnahme großbrittaniens), sondern eher amerikanisch liberal. ihr klassisches kernthema ist freiheit gegenüber staatlicher bevormundung, was für die betrachtung hier wichtig ist. die grünen wiederum sind die erste postmoderne partei, d.h. ihre kernthemen umwelt und pazifismus lassen sich nicht mehr auf der rechts-links-skala darstellen.

wo stehen die piraten? auf der rechts-links-skala ist der ruf nach datenschutz ebenfalls schwer einzuordnen. die piraten sind eindeutig eine postmoderne partei. die schnittmenge zur fdp und zu den grünen ist allerdings gewaltig. meiner einschätzung nach dürften sie in erster linie dort ihre wählerstimmen abgreifen. die stimmen bleiben also im postmodernen lager. die fdp profitiert von strategischen wählern aus dem konservativen lager und die grünen von strategischen spd-anhängern, weswegen deren zu erwartenden wahlerfolge nicht gleichbedeutend mit einer postmodernen revolution sind. entscheidender indikator ist der wahlkampf, d.h. die dominierenden themen. wer abseits von pandoras erbe den wahlkampf verfolgt, wird feststellen, daß weder das thema datenschutz noch das auslandsengagement der bundeswehr oder ökologie im mittelpunkt steht, sondern nachwievor arbeit und soziale sicherheit (weiterführend natürlich stabile wirtschaft). selbst der kampf um die atomkraft wird von ökonomischen argumenten bestimmt (denn eigentlich war der ausstieg beschlossen und wird nun wieder zur diskussion gestellt).

wenn die piraten das kleine postmoderne lager diversifizieren, dann heißt das momentan, daß die chance auf parlamentarischen einfluß insgesamt sinkt. solange überkommene themen der moderne die öffentliche diskussion nahezu komplett vereinnahmen, sind postmoderne impulse in der öffentlichen debatte aus sicht jener parteien begrüßenswert. das wird natürlich insbesondere durch die gründung einer neuen partei erreicht. meiner meinung nach wiegt dieser kurzfristige schub allerdings nicht den "schaden" auf, der durch den lagerinternen wettbewerb entsteht (siehe der zerfall des sozialdemokratischen lagers in spd und linkspartei). gerade die positionierung der piraten als neue und exklusive partei ist ein wahlkampf gegen inhaltlich gleiche bestrebungen der grünen und der fdp. diese werden als ineffizient und kompromißbereit wahrgenommen, was aber eigentlich nur deren fortgeschrittene organisation und deren effektiven einfluß im politischen betrieb widerspiegelt.

die piraten sind organisatorisch zu spät, weil sie sich im wesentlichen aus bürgern rekrutieren, die bislang zwar politisch interessiert waren, sich jedoch nicht in parteien engagieren wollten. das enge profil der partei macht sie zu einer interessenpartei. diese interessen wurden bislang zwar bereits von grün und fdp vertreten, jedoch angesichts der politischen konstellation in deutschland selbstredend nur mit suboptimalem erfolg. in jüngster zeit waren die angriffe auf diese interessen jedoch so gravierend, daß sich eine neue mobilität ergab, die eben nicht in unterstützung der interessenvertreter, sondern in einer hype-bewegung manifestierte. ich finde das sehr interessant und bin mir noch nicht wirklich über die ursache dessen klar, vermute aber den mangelnden sex-appeal etablierter parteien dahinter.

die piraten sind andererseits funktional zu früh, weil die diversifizierung des postmodernen lagers irgendwann einmal auch ein mehr an stimmen bringen wird. die grünen haben sich als partei durchgesetzt, weil die themen abrüstung und umweltschutz weder von den damals etablierten parteien, noch von der sozialistischen apo zufriedenstellend abgedeckt wurden. frieden und abrüstung war damals aber auch mehr oder weniger programm der etablierten, nur eben nicht im gesamtkontext so umsetzbar, wie es die grüne wählerschaft wollte. hier hatte die partei in den 80igern wirklich den etablierten kontinuierlich stimmen entzogen. grundsätzlich ist das auch irgendwann für die themen datenschutz und geistiges eigentum denkbar. ich erwarte das sogar, weil ich nicht daran glaube, daß das thema vollbeschäftigung/arbeitslosigkeit in zwanzig jahren noch dominant sein wird. die priaten hätten als partei eine funktionale daseinsberechtigung, wenn daneben eine oder mehrere pazifistische und/oder ökologische partei(en) stünde(n) und alle zusammen rechnerisch eine chance auf koalitionsbildung hätten. das setzt voraus, daß die deutschen keine anderen probleme haben :-)

trotzdem möchte ich nicht unterschlagen, daß die piraten-partei erfolgreich eine diskussion über ihre themen schürt und sicher auch einige nichtwähler mobilisiert.

#2 Kerberos

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Geschrieben: 19. September 2009, 15:15

Sehr schöner Beitrag :-)

Nach kurzem Suchen hab ich gerade einmal einen Versuch, eine ähnliche verorteten Begriffsreihung wie die deine aufzuzeichnen, gefunden. Ein SPD Mitglied meint dort kurz und prägnant im Twitterstil "Die Piratenpartei ist die erste postmoderne, postideologische, postfeministische Partei" #hui

Die Medien überschlagen sich im Moment im Versuch einer Verortung der Piratenpartei ihren Leseren nahezubringen. Die Taz fragte letztens nach dem Begriff der Freiheit den die Piraten vertreten. Die Piraten sind im klassischen Links-Rechts Kosmos nicht verortet - soviel war klar. Unter dem Artikel gibt es Kommentare von Piratenanhängern, welche sich über die heiße Luft des Artikels beschwehren und meinen die Piratenpartei sie weder links noch rechts sie sei vorne, und das sind sie wahrlich. Die Piraten haben einen Mitgliederzuwachs von min. 100 Personen pro Tag, diese Statistik erfährt tagtäglich in Ihrem Wiki eine neue Korektur. Ein Wiki!!! Andere Parteien würden hier star vor Angst, angesichts der Freiheit eines Wikis werden. Ein neuer Umgang mit dem Risiko? Jenseits eines für den Rechtstaat gegen den Rechtsstaat ringenden Schäubles? Jenseits eines von der SPD präventiv ausgegrenzten Taus? Um zu erkennen, dass Schäuble und seine Mitstreiter auch bei guten Willen in einer Destruktionshaltung zu sich selbst agieren, dazu muss man kein Hellseher sein.

Jedes Piratenmitglied kann in diesem Wiki schreiben. Es gibt jedoch Regeln, so das ein Thema erst im Forum besprochen werden muss, bevor es in das Wiki wandert und damit zugleich auf der ganzen Welt einsehbar ist. Das Forum wurde in Arbeitsgruppen aufgeteilt und diese Struktur vermittelt eine Realtion von Ihren Zielen/Wünschen - Aussenpolitik, Demokratie, Energie&Infrastruktur, Innenpolitik, Männer (sarkastisch - AG Gleichberechtigung), Wirtschaft, usw... Das Wiki und auch alle anderen Möglichkeiten die sie Ihre Mitgliedern und auch nur Interessierten geben verursacht einen extrem starken Mitmacheffekt und zugleich ist das die Freiheit, welche die wohlgeordente Taz in der nichts dem Zufall überlassen wird, einfach nicht erkennt. Es ist die Freiheit von Wikipedia, You Tube oder Facebook... kein politische Freiheit sonderen eine soziologische Freiheit. Aber die Qualitätskontrolle des Wikis wird nicht nur online betrieben, sondern es wird auch offline diskutiert. In kleinen Ortsverbänden die sich Crews nennen, geht es wieder weiter zum Vorstand, der die Themen nun in die klassischen Medien und damit den politischen Kontext transportiert.

Ich tippe mal ca. 50% der Piraten haben einen Hochschulabschluß oder sind zumindest auf dem Weg dorthin. In ihrem Studium hat man ihnen eingeimpft empirisch zu arbeiten, und genau das werden sie nun nicht müde zu betonen. Keine großen Theorien sind mit der Partei verknüpft, sondern lediglich die dringlichen Bedürfnisse ihrer Mitglieder und Wähler. Auf dem ersten Blick machen sie einen sehr zusammengewürfelten Eindruck sie wissen selbst nicht so genau warum sie genau dort zusammentreffen. Doch, wenn man durch ihr Forum streift, wird schnell klar den Konsens den sie alle haben ist, das vorgefertigte Wahrheiten abgelehnt werden. Allgemein wird den Piraten vorgeworfen, sie würden an dieser Haltung schnell wieder zerbrechen. Sie seinen eben ein Hype. Ich glaube dagegen, das es ihre größte Stärke ist. Der Fokus der Piraten liegt auf der Welt, wie sie augenblicklich ist und fust nicht auf einer a priori entwickelten Idee. Die Freiheit des Einzelnen zu wahren, ist hier die einzigste Primärforderung von der alles abhängt, eine egositische Forderung. Die Taz erkennt diese Freiheit eher als Chaos. Aber das Chaos funktioniert. Keine andere Partei hat im Wahlkampf soviel Öffentlichkeit wie sie bekommen, vielleicht waren SPD und CDU auf den großen Titelblättern der Tageszeitungen. Die Piraten dagegen bekommen ihr Titelblatt in der (digitalen) Gesellschaft, in den Blogs, Videoportalen und Sozialen Netzwerken. Im "Mitmachweb" regiert auschließlich diese Partei. Auch wenn ich jetz dick auftrage ;) "Ein Gespenst geht um in Europa und das sind im Moment wir."- so ein You Tube Kommentar unter ihrem Wahlspot. Ein Zitat aus dem Remix zu einer alten Welt der Gruppe "P.A.L.", der diesen Drang nach Wahrnehmung und den Hohn der neuen Welt darauf und das Durchschauen der ideolgisch konstanierten Parteien meines Erachten sehr treffend ausdrückt.

Und die Piraten gehen durch Europa. Kaum ein Land in Europa in dem es bisher keine Piratenpartei Gründungen gibt. Karte Ich halte die Piraten somit weniger im Kern für eine politische Bewegung, sondern für eine soziologische, welche in den jeweiligen Ländern in die Politik drängt. Es sind die Menschen die sich auch im Netz ausleben. Die sich über Twitter zu Flashmobs treffen oder einfach nur mittels Messanger mit Freunden verabreden. Wer das alles als Hype bezeichnet, der ist wirklich von gestern - Generation Kugelschreiber eben.

Natürlich muss man beachten das die Postmoderne zwar in der Gesellschaft unterbewusst seit langem Ausdruck findet, sei es in der Kunst oder Architektur, doch muss man sagen das der Großteil der Gesellschaft nachwievor in der Moderne verhaftet ist. Klimawandel, Terror, Energiekrise alle diese abstrakten Risiken werden als unmittelbahre Gefahren begriffen. Das Fehlen eines greifbare Fundaments als Stütze der Welt, sei es auch nur in einer Theorie erdacht, erschafft bei jehnen Angst. Sie sind aus der Ruhe geraten. Der stabilisierende Ost-Westkonflikt und der Drang der alten Welt nach einem neuen großen stabilisierenden Konflikt treibt die Menschen auch abseits der Politik zum hinterfragen dieses (meines Erachtens dämlichen) Konzeptes.

Die Grünen sind nun eine Partei welche die Natur als Grundlage allen Seins betrachten. Eine ganzheitliche Wahrnehmung, welche die Bedeutung der vorher lediglich als Mittel zum Zweck betrachten Umwelt in Frage stellt. Sicher ebenfalls ein poststrukuralistischer Ansatz. Der Unterschied zu der Piratenpartei ist aber der Ausdruck. Die Grünen haben sich mit aller Kraft gegen die Moderne gestemmt, haben sich eine kleinen Platz in der Gesellschaft erkämpft. Sie sind auf die Straße gegangen und haben mit Eiern auf Politiker geworfen um sich Gehör zu verschaffen. Letztlich begreift sie der CDU Wähler aber als links. Bei den Piraten ist es nicht so, sie fallen durch das Raster. Aus Sicht der Politker ist es eine liberale Bürgerrechtspartei die der FDP das Wasser abgräbt. So einfach ist es aber nicht. Die Piratenpartei organiesiert sich in einer neuen Sprache, im Netz ganz unbewusst, sie haben ganz andere Möglichkeiten. Diese Sprache schlägt gerade ein wie eine Bombe. Sicher ist das hier viel Wahlkampfhype, nur gibt es unter dem Hype eine Struktur etwas was die Mitglieder über den Erfolg oder Misserfolg bei den Wahlen zusammenhält. Mitmachweb halt...

Ok soviel zu meiner Piratenbegeisterung... :)

Zitat

die piraten sind organisatorisch zu spät, weil sie sich im wesentlichen aus bürgern rekrutieren, die bislang zwar politisch interessiert waren, sich jedoch nicht in parteien engagieren wollten. das enge profil der partei macht sie zu einer interessenpartei. diese interessen wurden bislang zwar bereits von grün und fdp vertreten, jedoch angesichts der politischen konstellation in deutschland selbstredend nur mit suboptimalem erfolg. in jüngster zeit waren die angriffe auf diese interessen jedoch so gravierend, daß sich eine neue mobilität ergab, die eben nicht in unterstützung der interessenvertreter, sondern in einer hype-bewegung manifestierte. ich finde das sehr interessant und bin mir noch nicht wirklich über die ursache dessen klar, vermute aber den mangelnden sex-appeal etablierter parteien dahinter.

Eine zeitlich Betrachtung fällt mir schwer. Ich denke aber das die Piraten hier durch neue Möglichkeit begeistern die in den bisherigen Parteien gar nicht tragbar währen. Ein großes Konzept das sie nun am Start haben ist die Liquid Democracy. Da würden doch selbst einige Grüne mit Kopfschütteln antworten. Das Bewusstsein des Internets als etwas neues kommt auch erst jetzt wo es in Frage gestellt wird in den Köpfen der Menschen an.

Zitat

die piraten sind andererseits funktional zu früh, weil die diversifizierung des postmodernen lagers irgendwann einmal auch ein mehr an stimmen bringen wird. die grünen haben sich als partei durchgesetzt, weil die themen abrüstung und umweltschutz weder von den damals etablierten parteien, noch von der sozialistischen apo zufriedenstellend abgedeckt wurden. frieden und abrüstung war damals aber auch mehr oder weniger programm der etablierten, nur eben nicht im gesamtkontext so umsetzbar, wie es die grüne wählerschaft wollte. hier hatte die partei in den 80igern wirklich den etablierten kontinuierlich stimmen entzogen. grundsätzlich ist das auch irgendwann für die themen datenschutz und geistiges eigentum denkbar. ich erwarte das sogar, weil ich nicht daran glaube, daß das thema vollbeschäftigung/arbeitslosigkeit in zwanzig jahren noch dominant sein wird. die priaten hätten als partei eine funktionale daseinsberechtigung, wenn daneben eine oder mehrere pazifistische und/oder ökologische partei(en) stünde(n) und alle zusammen rechnerisch eine chance auf koalitionsbildung hätten. das setzt voraus, daß die deutschen keine anderen probleme haben :-)

Wie oben schon angedeutet halte ich die Piraten lediglich im Kern der derzeigen Begrifflichkeit für ein Bürgerrechtspartei. Vielmehr tranzendiert hier das Bewusstsein des Neuen. Die Grünen haben dieses künstlische Feedback nicht gehabt. Hier war es nur ein Wandel der Wahrnehmung. Die Piraten aber kommen aus dem Internet... :-)

#3 Kerberos

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Geschrieben: 20. September 2009, 22:11

Die beiden Links finde ich ganz nützlich für jehne die sich noch kein rechtes Bild machen können.

Hier hat ein Blogger mal auf ein Diagram zur politischen Verortung der Piraten hingewiesen das ganze im Kontrast zu den anderen Parteien. Die Grünen sehe ich aber ehrlich gesagt viel Humanistischer als die SPD. SPD ist eher der Arbeiterführer der die Massen bewegt der einzelne manifestiert sich eher an das Große und Bedeutsame.(Müntefering oder auch Lafontaine) Grüne sind dagegen nach meiner Auffassung eher exentrisch und selbstbezogen, trotzdem aber sozial und damit näher am Individum eben. (Ströbele oder auch Fischer)

Klick

Die FAZ sieht hier gleich eine große Revolution, naja ich würde es dann doch eher als simple Reflektion beschreiben. Die Piraten sind ja nicht wirklich die großen Veränderer, sondern eher die Bewahrer der Lebenswirklichkeit. Aber ansonsten der beste Versuch einer Beschreibung bisher in den Gazetten. Mal kein herumreiten auf Copyrights und noch in Arbeit befindliches Parteiprogramm.

FAZ

#4 bogarnil limdal

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Geschrieben: 21. September 2009, 14:06

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 19. September 2009, 15:15:

Eine zeitlich Betrachtung fällt mir schwer. Ich denke aber das die Piraten hier durch neue Möglichkeit begeistern die in den bisherigen Parteien gar nicht tragbar währen. Ein großes Konzept das sie nun am Start haben ist die Liquid Democracy. Da würden doch selbst einige Grüne mit Kopfschütteln antworten. Das Bewusstsein des Internets als etwas neues kommt auch erst jetzt wo es in Frage gestellt wird in den Köpfen der Menschen an.

das konzept scheint mir mit der heißen nadel gestrickt. es ist zweifelsohne interessant und ich möchte vor allem die öffentliche diskussion anerkennen. dennoch sehe ich hier ein altes prinzip wirken: revolutionäre begeisterung im eigenen erfahrungshorizont. das schließt dann sogar die innerparteiliche diskussion mit ein. für mich zeigen die piraten eigentlich, daß die neuen medien zunehmend die alten ablösen, ohne daß sich am kern des politischen betriebs etwas ändert. das mag vielleicht verwundern, weswegen ich das besser begründe:

1. das konzept baut auf struktur und nicht auf entscheidung auf. zwar dreht es sich im wesentlichen um die verteilung von einfluß der individuen auf entscheidungen und konzentriert das gerechtigkeitsverständnis auf einflußmaximierung des einzelnen. das ist aber lediglich der inhalt, nicht das konzept. letzteres ist der versuch einer übertragung von wissenschaftlicher verwaltungsoptimierung/datenverarbeitung auf politische anteilnahme.

2. für sich selbst genommen ist punkt eins noch nicht problematisch. schwierig wird es, wenn hindernisse auftreten. die strukturellen phänomene wie ungleiche stimmgewichte sind dabei noch gar nicht so brisant, weil sie ja durchaus diskutiert werden. was mich eher aufhorchen läßt, ist die veranschlagung von grundprämissen wie "vernunftbegabte wähler" oder "kryptographiegrundkenntnissen". hier werden kategorien aufgespannt, die bereits jetzt schon deutlich in eine altbekannte richtung zeigen, nämlich die existenz von sonderwissen. denn vernünftig ist der wähler folgerichtig dann, wenn er zum konzept paßt. und die notwendigkeit von grundkenntnissen irgend einer art, die noch kein gewachsener kanon sind, bedürfen einer implementierung.

3. dem mögliche einwand, daß das konzept wissenschaftlich erprobt werden soll, möchte ich lieber gleich begegnen: der test innerhalb der weitgehend einigen partei zudem noch unter erwartungshaltung kann lediglich die völlige untauglichkeit belegen, nämlich wenn es dort scheitert. ein erfolgreicher testlauf der entscheidungsfindung via liquid democracy innerhalb der partei ist lediglich ein beweis für die möglichkeit einer tauglichkeit. und hier kommt die wissenschaftlichkeit der piraten ins spiel, die keineswegs ein neues phänomen ist, sondern ungefähr so alt wie die politischen parteien der moderne selbst. bedeutsam wurde es mit dem wissenschaftlichen kommunismus und hier liegt im wesentlichen auch die gefahr: damals waren es überwiegend wirtschaftswissenschaftler, heute sind es überwiegend verwaltungswissenschaftler, die das mutmaßlich beste für die gesellschaft wollen. das eröffnet wie immer eine skala von optimierung bis perfektion. optimierung heißt, die erkenntnisse in das bestehende system einzubringen. perfektion heißt, das bestehende system an die erkenntnisse anzugleichen.

damit haben wir die wichtigsten zutaten für eine totalitäre ideologische bewegung. damit will ich NICHT sagen, daß die piraten eine totalitäre bewegung sind. ich will allerdings durchaus widersprechen, daß sich die piraten von ideologie losgelöst haben. wobei ideologie an sich auch nicht schlimm ist. ich gehe davon aus, daß die piraten kein anthropologisches projekt planen, um den menschen vernunft und kryptographische grundkenntnisse einzutrichtern, und auch nicht den umsturz des parteieinsystems betreiben. wenn das erfreulicherweise so bleibt, dann heißt es warten, bis die gesellschaft reif für die piratenkonzepte ist.


Zitat

Wie oben schon angedeutet halte ich die Piraten lediglich im Kern der derzeigen Begrifflichkeit für ein Bürgerrechtspartei. Vielmehr tranzendiert hier das Bewusstsein des Neuen. Die Grünen haben dieses künstlische Feedback nicht gehabt. Hier war es nur ein Wandel der Wahrnehmung. Die Piraten aber kommen aus dem Internet... :-)

das ist die typische revolutionsrhetorik aller zeiten. natürlich haben die grünen nicht das heute mögliche feedback gehabt. aber sie haben quasi die gesamte sozialistische und kommunistische apo der 70iger jahre innerhalb eines kurzen zeitraums leergesaugt. und damals wird es bestimmt auch geheißen haben, daß die grünen das "neue" repräsentieren, obwohl feminismus, pazifismus und ökologie genauso alt sind, wie die korrespondierenden probleme, und schon immer vertreter im etablierten system hatten.

letztlich gibt es eigentlich nur einen faktor, der entscheidet, ob die piraten eine existenzberechtigung als politische partei haben: das wahlergebnis. wenn es die piraten schaffen, eine politische kraft zu werden und zu bleiben und dabei entweder stimmen aus allen lagern abziehen oder aber die grünen in die bedeutungslosigkeit abdrängen, dann ist ihre politische zeit angebrochen.


Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 20. September 2009, 22:11:

Hier hat ein Blogger mal auf ein Diagram zur politischen Verortung der Piraten hingewiesen das ganze im Kontrast zu den anderen Parteien. Die Grünen sehe ich aber ehrlich gesagt viel Humanistischer als die SPD. SPD ist eher der Arbeiterführer der die Massen bewegt der einzelne manifestiert sich eher an das Große und Bedeutsame.(Müntefering oder auch Lafontaine) Grüne sind dagegen nach meiner Auffassung eher exentrisch und selbstbezogen, trotzdem aber sozial und damit näher am Individum eben. (Ströbele oder auch Fischer)

Klick

diese graphische einordnung halte ich für kompletten murks. ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. es sollte doch zumindest auffallen, daß die spd mit ihrer sozialistischen tradition niemals näher am individualistischen konzept sein kann, als die grünen. das gleiche gilt für das verhältnis cdu/csu und fdp. auch das verhältnis cdu-csu ist nicht richtig. die npd gehört ganz in die rechte ecke, oder wenigstens (weil "progressiv" ja sonstwie definiert sein kann) in die mitte der rechten hälfte der unteren seite des dreiecks. usw.

der bloger hat die graphik ja nicht selbst erstellt, sondern aus der piratenwiki übernommen. es handelt sich hier um eine selbstdarstellung der piraten und um eine abgrenzung zu angeblichen anderen einstellungen. der bloger feiert das hingegen als beleg, daß die piraten die einzige humanistische partei seien (weil sie als einzige im abschnitt libertär/progressiv stehen und sie ein kringel mit der bezeichnung humanistisch einrahmt). mal ganz davon abgesehen, daß ich humanistisch als individualismusmaximierende kategorie auf der skala individualismus-kollektivismus (es sei denn, man legt die marxistisch-leninistische lesart des begriffs zugrunde) verorten würde.

was mir ganz allgemein auffällt, sowohl in der eigenbetrachtung der partei als auch in der öffentlichen diskussion, ist die fixierung auf das parteisystem statt auf die abgeordneten als wichtigste elemente des parlamentarismus. die graphik ist ein höhepunkt dieser haltung. mag sein, daß die parteien sich anhand ihrer programme und traditionellen wertekompetenzen einschätzen lassen, wichtig ist aber vor allem die haltung einzelner politiker. gibt es dazu eigentlich material über die piraten?

#5 Kerberos

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Geschrieben: 23. September 2009, 05:07

Also um mal einen Schwachpunkt dieser Liquid Demokratie ganz klar zu benennen ist, dass sie eine IT-Lösung präferieren. Das setzt voraus das ich genau jeden entscheiden Schritt der zu meiner Wahl führt überblicken kann. Wenn ich einen Computer nutze kann ich es aber nicht. Es währe möglich das mein Computer mit Malware infiziert ist und damit ist einer Manipulation Tür und Tor geöffnet. Ich war schon immer gegen den Einsatz von Wahlcomputern und daran kann auch die Piratenpartei nichts ändern. Ich kann mir jedoch vorstellen das dieses Konzept durchaus Impulse anregt, um den Bürger auch über Volksentscheide stärker in die Politik zu Integrieren.

Hier ist eine Pressekonferenz bei der sie ihr konzipiertes Ministerum und die Liquid Democracy vorstellen (ganz sehenswert, da dort Ansichten päsentiert werden die sonst keine Öffentlichkeit haben): You Tube

Zitat

was mir ganz allgemein auffällt, sowohl in der eigenbetrachtung der partei als auch in der öffentlichen diskussion, ist die fixierung auf das parteisystem statt auf die abgeordneten als wichtigste elemente des parlamentarismus. die graphik ist ein höhepunkt dieser haltung. mag sein, daß die parteien sich anhand ihrer programme und traditionellen wertekompetenzen einschätzen lassen, wichtig ist aber vor allem die haltung einzelner politiker. gibt es dazu eigentlich material über die piraten?

Ich sag mal der im Moment herrausragenste Pirat sollte Jens Seipenbusch sein.

#6 Kerberos

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Geschrieben: 25. September 2009, 21:39

Hier mal ein piratiges Zeichen gegen Rechtsextremismus: Club88

#7 Tara

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Geschrieben: 26. September 2009, 08:42

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 25. September 2009, 21:39:

Hier mal ein piratiges Zeichen gegen Rechtsextremismus: Club88

Ganz schön unglücklich. Sieht wie eine Solidaritätsbekundung aus.

#8 Kerberos

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Geschrieben: 27. September 2009, 02:08

Braucht die Welt die Piratenpartei oder die Ankunft der zweiten postmateriellen Internationale

Bearbeitet von Kerberos, 27. September 2009, 11:41,
Yelgrun hatte Bedecken zum Kopieren des Artikels, daher jetzt nur eine Verlinkung


#9 Tara

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Geschrieben: 27. September 2009, 09:03

Ein sehr schöner Artikel und mir kommt folgender Gedanke: Wenn man den oberen Ansatz folgt, dann muss sich die Piratenpartei für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen, um den postmaterialistischen Weg konsequent weiter zu gehen.

Sollten sie dieses tun, dann sind sie die ersten Partei, die das wirklich ernsthaft einfordert, während in den anderen alten Parteien noch darum gestritten wird und die alten Strukturen sich zu stark dagegen wehren.

Dann haben sie ein zweites großes politisches Feld für sich eingenommen und werden einen enorm großen, noch größeren, Zulauf haben. Jeder der für das bedingungslose Grundeinkommen ist, wird dann die PIRATEN wählen. Und somit wäre die 5% Hürde locker genommen.

Bei fast 10 000 Mitgliedern inzwischen denke ich nicht mehr dass die Partei nach der Wahl in sich zusammenbrechen wird. Ich denke die Selbstfindung wird bitter aber in Angriff genommen werden. Und spätestens in zwei Jahren bei einer Neuwahl des Bundestages :) oder aber bei der Wahl in Berlin wird die Partei dann in die Parlamente einziehen. Wenn sie dieses Feld besetzen. Was sie bestimmt tun werden, denn es ist eine logische Weiterentwicklung ... folgt man dem oberen Artikel

Bearbeitet von Yelgrun, 27. September 2009, 09:07,


#10 Kerberos

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Geschrieben: 27. September 2009, 11:46

Ich tippe mal ganz optimistisch Piratenpartei bei 4.2%

Nach der Bundestagswahl werden sie wohl nochmal einen großen Mitgliederzuwachs verkraften müssen. Da wünsche ihnen lieber ein gutes Ergebnis aber eben ohne Einzug in den Bundestag. Das wird ein ausreichendes Signal an FDP/SPD das sie sich nun mit aller Kraft gegen die Schäublepläne stemmen müssen.

#11 Kerberos

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Geschrieben: 28. September 2009, 03:58

Magdeburg --> 3,3% B)

#12 Kerberos

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Geschrieben: 01. Oktober 2009, 04:15

Ein Buch über die Piratenpartei: http://ebooks.contumax.de/nb (also PDF zum kostenlos runterladen)





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