Niemals endende Bildergeschichte
Kein Forum ohne Karikaturenthread
#1
Geschrieben: 03. Januar 2010, 13:56
Gerade die Veränderung der Reaktion vor und nach dem 11.9.2001 wie sie im Kommentar skizziert wird, sollte, finde ich, zu (Um)Denken geben.
Viel Vergnügen.
#2
Geschrieben: 04. Januar 2010, 12:37
Diese Karikaturen haben ihre Daseinsberechtigung, wenn der Zeichner meint sie zeichnen zu müssen... und wenn die den dritten Weltkrieg auslösen... Journalisten, Zeicher, Zeitungsverleger sind keine Politiker und sind nicht verpflichtet jemanden nett und freundlich in den Arsch zu kriechen. Wenn die Politik und Diplomatie mit der Schlichtung überfordert ist, dann ist das halt ein Armutszeugnis für die Politik und legt nur die eh vorhanden Spannungen offen. Die Karikaturen sind damit nur sowas wie ein Kontrastmittel. Ich meine wer fühlt sich denn bitte schon von dem Quatsch ernsthaft angegriffen? Diese Typen sind doch vom selben Schlag wie die welche den ganzen Tag aus dem Fenster gucken und Falschparker aufschreiben...
Hm, ja das wars schon an Gedanken dazu. Wird eh alles nur künstlich hochgebauscht. Zumal Psychos die einem wegen jedem Scheiß umbringen wollen gibt es global betrachtet sicher genügend... das ist nen denkbar schlechter Indikator dafür.
#3
Geschrieben: 04. Januar 2010, 13:37
Ich kann das Recht auf Meinungsäußerung nachvollziehen, mit dem gekontert wird. Aber ich empfinde es auch als eine moralische und verantwortliche Frage der Medien, wie sie mit dem Islam umgehen. Und ich meine den Islam selbst. Hätten "die Medien", also vornehmlich die, die sich auf islamistische Bedrohungen stürzen und die gekonnt und angstmachend publizieren, neben ebendiesen Schreckensszenarien und Mohammed-Karikaturen auch die Geschichten von dem Großteil der friedlichen Muslime veröffentlicht, von Leuten, die als Muslime tagtäglich in ihren Ländern gegen Terrorbedrohungen ankämpfen müssen, von Mädchen, die in Afghanistan zur Schule gehen wollen, obwohl sie muslimisch sind und so weiter, dann wäre die Veröffentlichung der Karikaturen evtl. nicht als Angriff auf den gesamten Islam aufgefaßt worden.
Würden Medien differenzierter berichten, wären vielleicht nicht die Terrorbedrohungen weniger, wohl aber die Akzeptanz der gemäßigten Muslime in Europa höher und das sollte ein erklärtes Ziel aller Mitglieder unserer Gesellschaft sein, die sich für ein gemeinsames Miteinander aussprechen.
Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind hohe Güter und sie sind es wert, verteidigt zu werden, aber ebensoviel zählt die Verantwortung, wie mit diesen umzugehen ist. Wenn nur antiislamische Artikel abgedruckt werden und zuletzt Karikaturen von einem nicht minder geistig Verwirrten publiziert, der in einer Arroganz erklärt: "Unsere materiell überlegene westliche Welt wird ihn (den Zusammenstoß der Kulturen) gewinnen.", dann ist das zwar das gute Recht des Mediums, macht es aber nicht einen Deut besser als den islamistischen Haßprediger.
Klar darf nicht eingeknickt werden, aber eben auch nicht der Bequemlichkeit halber oder der Auflage wegen auf eine differenzierte Betrachtung verzichtet werden. Und die fehlt, subjektiv empfunden, zu 90%.
Jetzt von der islamischen Welt eine Distanzierung abzuverlangen, ist wie, von allen Deutschen eine Distanzierung zu Neonazi-Anschlägen zu erwarten.
Wir außerdem müssen keine Debatte über die Sinnlosigkeit jeglicher Religion führen, ich bin mir dieser bewußt. Aber das bringt nichts, solange der Großteil der Menschheit davon noch nicht überzeugt ist. Das war jetzt rein prophylaktisch. Extremistische Idioten sollten verboten werden. Das gilt für den islamistischen Selbsmordattentäter ebenso wie für den Pro-Leben-Spinner, der abtreibende Mütter umbringen würde.
Der Unterschied zu beiden ist nur, daß letztgenannter meistens in Staaten auftritt, deren Rechtssystem sich schon von der Religion abgespalten hat.
#4
Geschrieben: 15. Januar 2010, 22:05
#5
Geschrieben: 16. Januar 2010, 20:27
Hecki schrieb am 15. Januar 2010, 22:05:
der artikel spiegelt sehr schön das problem der metadiskussion wieder: sie will nicht unterscheiden zwischen ideologie und kultur. islamismus ist eine ideologie, kulturell und religiös legitimiert zwar, aber dies auch nur für den fundamentalisten nachvollziehbar. islam als religion oder die verschiedenen kulturellen milieus in der sogenannten "islamischen welt" sind nicht vergleichbar mit dem sehr engen, sehr partikularistischen und äußerst politischen fundamentalismus. inkomensurabel. äpfel und birnen.
mir fehlt diese minimalleistung der analyse vor allem dort, wo sie eigentlich zum handwerk gehört. wenn journalisten wie broder und co von vertretern ihrer eigenen zunft als verteidiger der menschenwürde und westlicher werte gefeiert werden, dann ist genau diese vereinnahmung des universelen menschenrechts als explizit westlicher wert schon absurd. noch krasser, wenn man den hintergrund bedenkt, der diese würdigungen jeweils begründet. das ausrufen eines vermeintlichen debattennotstandes angesichts der kritik an unsauberer verallgemeinerungen von muslimen als islamisten oder der ausrufung von kulturkämpfen ist ein totschlagargument. es bewirkt genau das, was vorgeblich kritisiert wird: äußerungen werden disqualifiziert, wenn sie sich gegen bestimmte vorannahmen richten. ich kenne das eigentlich in diesem ausmaß nur noch aus der rechtsextremen szene. die ähnlichkeit ist aber nicht zufällig, sondern systematisch. gemeinsames merkmal ist tatsächlich ein fundamentalistisches weltbild. eine erkenntnis, die aber leider erfolgreich als schwachsinn gebranntmarkt wird. fundamentalismus ist schließlich den anderen vorbehalten. jenen, die 400 leute per attentat töten wollen und damit (sinngemäß) die feige bande von gutmenschen und weltfremden intellektuellen derart einschüchtere, daß diese lieber fremde werte gutheiße, als die eigenen zu wahren.
natürlich ist pressefreiheit ein hohes gut. es muß möglich sein (und ist es auch), islamkritische bis hin zu islamschmähende (der übergang dürfte fließend sein) beiträge zu bringen. der staat trägt nicht die verantwortung dafür, darf nicht eingreifen, hat dieses recht zu schützen. das alles steht sonderbarerweise nicht zur debatte und trotzdem wird das wort pressefreiheit (alternativ meinungsfreiheit) immer wieder bemüht. es wird völlig unbrauchbar gegen die gesellschaft in anschlag gebracht. von mir aus, soll es so sein. wir (im sinne von ganz deutschland oder auch ganz europa) können ja gern darüber streiten, wie viel gewicht die meinung eines feuilletonisten vor dem hintergrund öffentlicher meinungsbilder und inoffizieller verlagsstrategien haben sollte. aber dann bitte auch unter berücksichtigung des rechts auf das "offene wort" derer, die broder und co für scharfmacher halten, für unsägliche populisten und demagogen, für ideologisch motivierte agitatoren und selbstverliebte spinner mit ner fixen idee.
gut, ich will mich nicht weiter über die presse aufregen. zum eigentlichen thema ist meine meinung, daß die karrikaturen größtenteils harmlos, die reaktionen darauf größtenteils überzogen waren. daß aber beides, karikaturen und auch reaktionen als marginalien zu großen affairen aufgebauscht wurden, mit dem ziel, ein argument für den angeblichen kampf der kulturen zu haben. für die islamisten im "islamischen kulturkreis" ist das ziemlich gut belegt. der weg von der veröffentlichung in dänemark bis hin zu den demos im nahen osten war lang und begleitet von agitation. der weg zurück war hingegen erschreckenderweise recht kurz. das sollte uns eigentlich am meisten zu denken geben: wir sind trotz aufklärung und liberalismus nach 9/11 schon so mürbe, daß wir alles fressen, was uns ne meinungsseite im spiegel hinrotzt. es reicht ein bild von ner brennenden flagge und die spekulation über kommende attentate, um uns für den kampf der kulturen zu rekrutieren, der nichts weiter ist als ein gegenseitiges bällezuwerfen der fundamentalistischen ideologen auf beiden seiten.
es ist eine selbsterfüllende prophezeihung im doppelten sinne. wir sind sensibilisiert für zeichen des islams und fühlen uns zunehmend überfremdet. und aus dieser haltung heraus kategorisieren wir unsere mitbürger viel stärker nach dem merkmal der mutmaßlichen kulturzugehörigkeit. junge männer mit dem kulturellen hintergrund nahöstlicher weltgegenden werden zu tickenden zeitbomben ernannt. es prangt von den schlagzeilen der blätter in der ganzen republik. kein derartig prominentes wort von den kriminologischen erkenntnissen, den eigentlichen risikofaktoren aus sozialem umfeld, bildungsstand und zukunftsaussicht. die integration wird zum scheitern verurteilt indem die integration als gescheitert ausgerufen wird.
nicht weniger ärgerlich ist die relation zwischen einzelfall und schlußfolgerung. wenn in den siebzigern die linksextremistische raf im namen des volkes mordete, dann haben auf der rechten seite auch nicht wenige reflexartig jeden linken, alternativen oder sonstwie subkulturellen in dieses lager gesteckt. und natürlich sollte die analogie auch dahingehend ausgeschöpft werden, daß es sich diese kollektivverdächtigen selbst nicht gerade einfach mit der frage nach sympathie oder ablehnung des linken "revolutionären" terrors gemacht haben. die gleichsetzung ist trotzdem falsch. sie ist falsch, weil sie komplizierte zusammenhänge auf stammtischniveau runterbricht. ohne rechtfertigende formel. nur auf vorurteil aufbauend und vermittelt über verzerrte darstellung und demagogische apelle an instinkte.
wir europäer kennen den terror. anders als die amerikaner. ich als europäer bin verdammt nochmal stolz darauf, in einer demokratischen gesellschaft zu leben, die totalitarismus und terrorismus ausgehalten hat. ich bin fassungslos, wie diese leistung zurückgedreht wird von selbsternannten verteidigern der westlichen kultur, deren hauptsächliche tätigkeit darin besteht, europas kulturellen pluralismus abzuschaffen indem europa gegen vermeintlich uneuropäische gesellschaften abgegrenzt wird. man könnte auch sagen, der westliche geist europas soll rein gehalten werden vor dem östlichen. wem dieses fazit zu weit geht, den bitte ich, mir zu erklären, warum die debatte so gut wie nie um den europäischen islam, die reaktionen von islamischen europäern oder ähnliches geht, sondern überwiegend vom nahen osten die rede ist. warum wird das aufgeklärte europa ständig in bezug auf länder, "wo die völker scheinbar grundlos aufeinanderschlagen", gesetzt? warum sind die "weltweiten freiheitsbedrohungen" thema, wenn ein irrer moslem in dänemark mit ner axt in ein haus einbricht?
#6 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 01. Februar 2010, 12:15
Mir ist das schon bei unserer letzten Debatte aufgefallen, das du in meinen Augen eine etwas falsche Vorstellung von Journalismus hast. Journalismus wird niemals so funktionieren, wie du dir das offensichtlich wünschst-als quasi gedruckte akademische Hörsaaldebatte, wo man alle Argumente und Gegenargumente bis in die kleinste Verfitzelung gegenüberstellen muss, um dann abzuwägen und zu einer weisen, ausgewogenen Entscheidung zu kommen. Journalismus ist in erster Linie ein Broterwerb, und Verlagshäuser sind Wirtschaftsunternehmen, die ihr Produkt verkaufen wollen.
Ich muss nicht in EINER Zeitung das komplette Meinungsspektrum vorfinden. Zeitungen schreiben schließlich für ihr Klientel. Mir ist es wichtig, in der MEDIENLANDSCHAFT meines Landes das komplette Meinungsspektrum von Junge Welt bis Junge Freiheit vorzufinden. Journalisten dürfen auch mal dass, was Akademiker nicht dürfen. Polemisieren, Simplifizieren, oder auch einfach nur unterhalten. Wenn ich mich in meiner Intelligenz als Leser beleidigt fühle, steht es mir ja jederzeit frei, eine Abstimmung mit der Geldbörse zu treffen und mir ein anderes Produkt zu kaufen.
Also, ich für mein Teil bin froh, wenigstens noch abundzu Stimmen wie die von Henryk M. Broder vernehmen zu können.
Bei diesem Problem gibt es halt zwei völlig konträre Sichtweisen, die der Alarmisten und die der Beschwichtiger, und ich bin nicht der Meinung, dass die Stimmen der Alarmisten lauter tönen als die der Beschwichtiger.
Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass in der Debatte nicht zwischen Islamismus und Islam unterschieden wird. In jeder Talkshow, die ich verfolge, wird erstmal dieser Unterschied betont, wird erstmal zehnmal darauf hingewiesen, dass man hier nicht eine ganze Religion unter Generalverdacht stellen will, bevor man zur Diskussion kommt.
Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass man Broder und Co. nicht öffentlich als Demagogen bezeichnen darfst, natürlich darfst du dass. Schau dir doch mal im SPIEGEL-Forum mal an, wie der Mann dort beschimpft wird. Ich kann nur noch mal wiederholen, dass ich solche Provoschnauzen als wichtig empfinde, um unbequeme Diskussionen anzustoßen, welche die meisten aus Gründen der Political Correctness und, viel wichtiger und viel schlimmer noch, aus Gründen der Angst nicht führen wollen.
Unsere Kabarettisten und Karikaturisten, die oft kein Problem damit haben, die eigenen Politiker, den Papst, die eigene Religion kübelweise mit stellenweise richtig bösartiger, unredlicher Polemik zu überziehen, würden nie auch nur ein Wort oder eine Zeichnung über das Thema Islam verlieren, einfach weil sie Angst um ihr Leben haben müssten, während sie wissen, dass es sie nichts, aber auch absolut gar nichts kostet, die eigenen Autoritäten zu verhöhnen und zu verspotten, und oft sehr viel wohlfeilen, billigen Applaus einbringt.
Ich bin sehr wohl für einen Dialog mit der islamischen Welt, aber ich bin nicht dafür, diesen Dialog aus einer freiwillig eingenommenen Position der Schwäche heraus zu führen, wofür die Beschwichtiger plädieren. Ich will nicht den Eindruck haben, dass mich bei einem Dialog mein Gegenüber als naiv, schwach und manipulierbar betrachtet. So wie du offensichtlich bei Broder Aggressionen bekommst, so bekomme ich bei diesen Dampfplauderen wie Günther Grass oder Ströbele Aggressionen, denen immer als erstes einfällt, dass man ja als Zeichen des guten Willens eine Kirche in eine Moschee umgestalten könnte, oder einen islamischen Feiertag als offiziellen Feiertag in Deutschland einführen sollte, und denen nie auffällt, dass die andere Seite nie auch nur einen Millimeter zurückweicht, nie auch nur eine aufrichtige Botschaft der Entspannung aussendet.
Zu dem Minarettverbot in der Schweiz zum Beispiel kann man stehen, wie man will, aber mich empören die martialischen Kommentare dazu zum Beispiel aus der Türkei ... Denn wir sollten nicht vergessen, dass es in der Türkei unmöglich ist, Kirchen zu bauen, dass noch vor kurzem 3 christlichen Missionaren die Kehlen durchgeschnitten wurden, und dass der Türkische Kanzler, in Deutschland, in Köln, sich im Fußballstadion vor zehntausenden Türken hinstellt und sie davor warnt, sich in Deutschland zu assimilieren, weil "Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist" (Erdogan)
Wenn im Westen Muslime durch Nazis oder ähnliche Verrückte umgebracht werden, kannst du dir sicher sein, dass in allen größeren Städten zehntausende von Menschen dagegen protestieren, so wie viele Millionen zum Beispiel gegen den Golfkrieg protestiert haben. Wo sind vergleichbare Demonstrationen in der islamischen Welt, wenn es umgedreht läuft? Dass ist für mich ein entscheidender Unterschied.
Ein anderer entscheidender Unterschied ist für mich, dass unsere politischen und religiösen Führer eigentlich immer darum bemüht sind, die Bälle flachzuhalten, versöhnliche Töne anzuschlagen, während die religiösen und politischen Führer der islamischen Welt oft genug die Konflikte anheizen und bewusst den Mob auf der Straße aktivieren und instrumentalisieren.
Ein gutes Beispiel ist dazu der Karikaturenstreit. Diese dänische Regionalzeitung hatte vielleicht die Bedeutung der 'mitteldeutschen Zeitung', ein kleines Licht in der dänischen Presselandschaft, unsichtbar in der europäischen Presselandschaft. Diese Karikaturen waren an Harmlosigkeit, verglichen mit Karikaturen von Georg W. Bush oder Papst Benedikt, nicht zu überbieten, und trotzdem wurde von hochrangigen Männern der islamischen Welt die Entscheidung getroffen, den eigenen Mob auf die Straße zu schicken, obwohl sie wussten, dass das Menschenleben fordert. Denn diese gewalttätigen Demonstrationen in der islamischen Welt waren kein Ausdruck spontaner Empörung, sondern sie waren von 'oben' orchestriert. Ich fand es beschämend, wie die Dänen allein gelassen wurden, und ich fand es empörend, wie sich im tragischen Fall der in einem Dresdner Gerichtssaals ermordeten Ägypterin ein Iranischer Minister vor die Kameras stellt und erzählt, dass die Deutsche Regierung einen bezahlten Killer geschickt hat. Wieviel Verachtung muss man für sein eigenes Volk empfinden, wenn man sich traut, ihm solch einen Schwachsinn vorzusetzen, um von den selbstverursachten Problemen abzulenken!
Der wichtigste Unterschied ist aber, dass man bei uns selbst kontroverse Meinungen innerhalb eines breitem (Europa) bis sehr breitem Spektrum (USA) in aller Öffentlichkeit verbreiten kann, während in der islamischen Welt eine abweichende Meinung oft genug als todeswürdiges Verbrechen betrachtet wird. So wie jetzt im Iran geschehen, wo Demonstranten tatsächlich hingerichtet wurden.
Ich kann die Verachtung nicht verstehen, die einige westliche Intellektuelle für die eigenen Grundwerte wie Meinungsfreiheit aufbringen, und ich würde mir auch so manches Mal wünschen, dass diese Leute einmal selbst in solch einem repressiven, für querdenkende Geister potentiell lebensbedrohenden Gesellschaftssystem leben, bevor sich wieder an die Schreibmaschine setzen und ihren (meiner persönlichen, unbedeutenden Meinung nach) naiven Gutmenschenquark verbreiten. Oder, um es mit einem oftbenutzten Bonmot auf den Punkt zu bringen: Ich verachte, was sie sagen, aber ich finde es unglaublich wichtig, dass sie es frei sagen dürfen. Und dasselbe solltest du, lieber Bogarnil, auch Leuten wie Henryk M. Broder zugestehen, auch wenn du seine Artikel als 'hingerotzten Dreck eines Spinners' empfindest :-)
Bearbeitet von Fanal, 01. Februar 2010, 12:19,
#7
Geschrieben: 01. Februar 2010, 15:21
mir ist klar, daß journalismus oft ein beruf ist, bei dem es letztendlich um geldverdienen geht. dennoch ist es auch ein handwerk und hat zuguterletzt auch schon allein aus dem grundgesetz heraus eine sonderstellung. es ist also ein beruf, aber eben ähnlich wie bei ärzten, soldaten, priestern oder anwälten/richtern kein beruf wie jeder andere.
auch wenn es nicht explizit im gg steht, ist journalismus die berühmte "vierte säule" der demokratie. deswegen haben journalisten besondere rechte und auch besondere verantwortung. weil sich der staat nicht einmischen darf, steht hier nicht das wort pflicht. eine konsequenz der besonderen rechte von journalisten ist übrigens die schwammigkeit des berufsbildes. nichtkommerzieller journalismus genießt die gleichen rechte (und trägt die gleiche verantwortung) wie kommerzieller. insofern ist die aussage, daß man journalismus als simplen broterwerb verstehen könne, nur sehr eingeschränkt gültig.
was das handwerk angeht, hat sich die deutsche presse einem eigenen verhaltenskodex verpflichtet, der sehr streng ist, aber nicht repressiv sanktionierbar. die vierte säule der demokratie steht und fällt mit dem verhalten der verlage, medien und journalisten. ein grundpotential an tendenziösität und schlampigkeit ist auszuhalten, vor allem wegen des angesprochenen pluralismus. das entschuldigt aber nicht den einzelfall. ich möchte mal (auch um den unsinnigen vorwurf der verakademisierung auszuräumen) einen vergleich zum bauwesen ziehen: wenn einzelne arbeiter oder firmen schlampig arbeiten, dann wird davon nicht gleich eine ganze stadt einfallen. trotzdem sind die entstehenden schäden im einzelfall gravierend. und wenn sich das erkennbar häuft, dann wird der ruf der ganzen branche in frage gestellt. genau das passiert gerade im journalismus. wir erleben seit ein paar jahren eine weltweite krise, zum teil wegen der konkurrenz neuer medien (internet), zum teil auch wegen des spardrucks in folge von börsengängen. redaktionen werden zusammengestrichen, korrespondenten werden entlassen. zur idealistischen sorgfaltspflicht kommt jetzt eigentlich auch noch die ökonomisch motivierte. es ist fakt, daß ein wachsender teil der artikel nicht mehr auf eigene recherche aufbaut. wenn wir als konsumenten diese artikel hinnehmen, dann ist es mittelfristig vorbei mit dem journalismus. dann haben wir nur noch geblubber, von dem man nicht weiß, ob es stimmt oder uns nur ne meinung aufdrücken will. deswegen bin ich so kritisch eingestellt, wenn ich als fachmann dinge erkenne, die ihr als laien nicht erkennen könnt. ich hoffe ganz einfach, daß ich als laie von fachleuten über den unsinn anderer artikel genauso aufgeklärt werde (sonst habe ich nämlich gar keine basis, um mit dem geldbeutel abstimmen zu können). von journalisten jedenfalls erwarte ich, daß sie die schnittstelle zwischen ereignis und leser sind. sie sollen nicht verfälschen, sondern mich unterrichten. sie sollen nicht verklären, sondern mir erklären, was ich nicht verstehe. und dieser anspruch ist dort am größten, wo die medien in der eigendarstellung objektiv, neutral und recherchekompetent sind. der spiegel ist so ein medium.
zum thema an sich:
Fanal schrieb am 01. Februar 2010, 12:15:
Bei diesem Problem gibt es halt zwei völlig konträre Sichtweisen, die der Alarmisten und die der Beschwichtiger, und ich bin nicht der Meinung, dass die Stimmen der Alarmisten lauter tönen als die der Beschwichtiger.
ich finde, es gibt hier eigentlich drei sichtweisen: die der kritischen debatte auf der einen seite und dann die beiden von dir angesprochenen extreme. ich halte nichts von alarmismus und ich halte nichts von beschwichtigung. meine kritik bezieht sich eigentlich darauf, daß die kritische debatte von den extremen rändern her polarisiert wird. da das offensichtlich gut funktioniert, hast du meinen vorherigen beitrag auch falsch aufgefaßt, wie die beiden folgenden zitate zeigen:
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nun genug zum mißverständlichen. kommen wir zum eigentlichen kern:
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das ist in der tat ein problem. es hat seine ursache im extremismus islamistischer fundamentalisten. wer dieses problem leugnet ist in der tat ein unsachlicher beschwichtiger. was mich allerdings massiv stört, ist die konstruktion einer mitschuld jener stimmen, die sich einer freund-feind-kategorisierung verwehren. nur weil eine überschaubare anzahl extremisten zu terroristischen mitteln greift, um mißliebige äußerungen mundtot zu machen, sind damit diese äußerungen nicht automatisch vor kritik abzuschirmen. das ist falsch verstandene solidarität. und es ist umso schlimmer, daß diese falsche solidarität sich dann noch tendenziell gegen die kultur richtet, für die die extremisten behaupten sprechen zu dürfen. damit akzeptiert man fundamentalisten als legitime vertreter ganzer volksgruppen/schichten/kulturen. schon allein deswegen bin ich gegen den solidaritätsreflex. die einzelne tat ist zu verurteilen, der anlaß der tat ist als schwachsinn zu behandeln. nur diese haltung ist wirkliche unbeugsamkeit gegenüber dem islamistischen terror.
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lassen wir mal die beschwichtiger außen vor. wer ist in deinem dialog die andere seite?
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das ist so ein beispiel für das ausweichen auf außereuropäische felder, wenn es eigentlich um die innereuropäische debatte geht. wobei man natürlich die türkei als aspirant auf eu-mitgliedschaft und die schweiz als irgendwie kulturell und geographisch dazugehörig in europas dunstkreis einsortieren könnte. also geschenkt. schauen wir mal, was wir über die türkei wissen:
1. sie ist ähnlich laizistisch wie frankreich (vermutlich sogar noch radikaler). wenn also in der türkei der bau von kirchen verboten sein sollte, dann im gleichen maße wie der bau von moscheen. wenn "unmöglich" meint, daß die gesellschaft vor ort sich dagegen wehrt, daß in der nachbarschaft bald kirchenglocken läuten, dann haben wir im grunde genommen die gleiche situation wie bei den moscheebauvorhaben in köln oder berlin. natürlich ist die türkische bevölkerung überwiegend sunnitisch, wie auch die franzosen überwiegend katholisch sind. 'wir sollten aber auch nicht vergessen', daß vorbehalte im ehemaligen osmanischen reich nicht nur religiöser natur sein müssen, sondern auch aus der erfahrung des europäischen imperialismus via vorgeschobener schutzherrschaft über christliche minderheiten resultieren können. das wäre natürlich trotzdem quatsch, aber allein daß wir in der regel nichtmal auf die idee kommen, die befindlichkeiten vor ort in relation zur kulturellen entwicklung und politischen verfassung zu betrachten, sondern seit 9/11 alles mit "muslim" abhaken, zeigt unseren mangel an objektivität auf. die menschen in köln, die gegen die moschee demonstrierten, waren mit sicherheit auch nicht durch die bank christlich motiviert. genausowenig, wie das schweizer minarettverbot auf frömmigkeit zurückzuführen sein dürfte.
2. christlichen missionaren wurden die kehlen durchgeschnitten. ich will das gar nicht erst kleinreden. genausowenig, wie ich den angriff auf den dänischen karikaturisten verharmlosen möchte. ich will aber jetzt auch nicht jeden fremdenfeindlichen mord rauskramen, der hier in deutschland (oder europa) verübt wurde. mir geht es darum, klarzustellen, daß solche sachen passieren, weil latente xenophobe einstellungen von fundamentalisten hochgepeitscht werden. ich hatte geschrieben, daß das für die islamisten im karikaturenstreit sehr gut belegt ist. das beispiel der ermordeten missionare ist ein weiterer beleg. bitte schließen wir nicht vom extremismus auf die allgemeine befindlichkeit! denn genau so funktioniert dieserart demagogie.
3. der türkische präsident ist eher ein hardliner und außerdem populist. um seine äußerung nachvollziehen zu können, muß man außerdem wissen, daß er auf die stimmen der exiltürken angewiesen ist, da seine partei innenpolitisch in der krise steckt. der grund dieser krise ist zum einen die kurdenfrage (daher der stark nationalistische unterton) und zum anderen der konflikt zwischen laizistischer staatstradition und politischem islam ("gemäßigter islamismus" - das islamische pendant zum politischen katholizismus in deutschland). gerade letzteres sollte man sich auf der zunge zergehen lassen. ich habe die "wahlkampfrede" damals auch mit großer verärgerung zur kenntnis genommen. insbesondere, da sie vor dem hintergrund der moschee-proteste und dem damals noch ungeklärtem brand eines überwiegend von türken bewohnten hauses vermutlich großen beifall fand oder wenigstens nicht so hart hinterfragt wurde. da haben wir es wieder. ich bin regelmäßig genauso verärgert über äußerungen von öttinger oder koch. es ist das gleiche. das kann ich nur immer wieder unterstreichen! es ist sogar bis ins argument hinein identisch: "assimilation ist ein verbrechen" auf der einen und "die deutsche/westliche kultur bewahren" auf der anderen seite.
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das stimmt so nicht. du kannst nicht merkel gegen die hisbollah aufrechnen. entweder koch gegen hisbollah oder merkel gegen mubarak. so wird ein schuh draus. außerdem:
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sie sind spinner, weil sie sich bereits in einer solchen gesellschaft wähnen. und es ist "dreck" (nicht meine wortwahl), weil es unsauber recherchiert und unsauber geschlußfolgert ist.
#8 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 01. Februar 2010, 15:52
ok, in den mir jetzt zur verfügung stehenden 15 Minuten ein Punkt:
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Ein kleines Beispiel. Eine Exfreundin von mir, Philosophie- und Lehramtstudentin, ist mir ihrer Klasse in die Leipziger Moschee, zu diesem berüchtigten Leipziger Iman, um sich ein eigenes Bild zu machen, um sich mit den Leuten zu unterhalten ... und das Ende vom Lied war, dass der Typ die von Anfang an nur beschimpfte. Wie borniert sie sind, wie aufgehetzt von der Presse, mit was für einem falschem Islambild sie gekommen sind, um dann gleich den üblichen Monolog darüber zu führen, dass, um fünf Ecken gedacht, eigentlich immer die üblichen Verdächtigen USA/Israel oder gleich der ganze westen an sich an allem Elend der Welt schuld sind. Und das, obwohl die Studenten zu ihm gekommen sind, um ein offenes, konstruktives Gerspräch zu führen, und noch bevor die Studenten sich überhaupt selbst äußern konnten. Wie will man mit Leuten diskutieren, die sich jeden früh als erstes fragen, von wem sie sich heute in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen können? Die als erstes auf der klaviatur der weitverbreiteten Schuldgefühle unter westlichen Intellektuellen herumklimpern müssen?
Ich habe auch auf Montage oft mit Türken zu tun gehabt, gute Arbeiter ... mit unglaublich niedrigen Siedepunkt, wenn man Wörter wie Konstantinopel oder Armenier in den Mund nimmt. Ein türkischer Kollege erzählte mir allen Ernstes, das er gestern eine Reportage im türkischen TV sah, wo er weinen musste, als er sah, was die ARMENIER damals den TÜRKEN antaten. Von anderen konnte ich mir anhören, dass wir deutschen Männer keine Ehre habe etc.
Das ist auf meiner Ebene die andere Seite, und damit habe ich nicht unbedingt gute Erfahrungen gemacht.
PS: Warum schreibst du eigentlich alles Klein ... ?? Ich finde das anstrengend für die Augen ...
#9
Geschrieben: 01. Februar 2010, 16:24
Fanal schrieb am 01. Februar 2010, 15:52:
Ein kleines Beispiel. Eine Exfreundin von mir, Philosophie- und Lehramtstudentin, ist mir ihrer Klasse in die Leipziger Moschee, zu diesem berüchtigten Leipziger Iman, um sich ein eigenes Bild zu machen, um sich mit den Leuten zu unterhalten ... und das Ende vom Lied war, dass der Typ die von Anfang an nur beschimpfte. Wie borniert sie sind, wie aufgehetzt von der Presse, mit was für einem falschem Islambild sie gekommen sind, um dann gleich den üblichen Monolog darüber zu führen, dass, um fünf Ecken gedacht, eigentlich immer die üblichen Verdächtigen USA/Israel oder gleich der ganze westen an sich an allem Elend der Welt schuld sind. Und das, obwohl die Studenten zu ihm gekommen sind, um ein offenes, konstruktives Gerspräch zu führen, und noch bevor die Studenten sich überhaupt selbst äußern konnten. Wie will man mit Leuten diskutieren, die sich jeden früh als erstes fragen, von wem sie sich heute in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen können? Die als erstes auf der klaviatur der weitverbreiteten Schuldgefühle unter westlichen Intellektuellen herumklimpern müssen?
Ich habe auch auf Montage oft mit Türken zu tun gehabt, gute Arbeiter ... mit unglaublich niedrigen Siedepunkt, wenn man Wörter wie Konstantinopel oder Armenier in den Mund nimmt. Ein türkischer Kollege erzählte mir allen Ernstes, das er gestern eine Reportage im türkischen TV sah, wo er weinen musste, als er sah, was die ARMENIER damals den TÜRKEN antaten. Von anderen konnte ich mir anhören, dass wir deutschen Männer keine Ehre habe etc.
Das ist auf meiner Ebene die andere Seite, und damit habe ich nicht unbedingt gute Erfahrungen gemacht.
es ist ja nachvollziehbar, dass du aufgrund deiner erfahrungen ein negatives bild entwickelt hast. dir sollte aber auch klar sein, dass darauf basierende verallgemeinerung einfach nicht zulässig sind. du kannst vielleicht aussagen über diese menschen machen, aber eben nicht darüber hinaus. ich hoffe zumindest inständig, dass die bevölkerung der lieblingsurlaubsziele der deutschen nicht von dem verhalten einzelner touristen auf alle deutschen schließt...
#10 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 01. Februar 2010, 18:48
An Chiardhuibh schrieb am 01. Februar 2010, 16:24:
Um Gottes Willen, ich würde nie von Einzelerlebnissen auf ein 80 Millionen-Volk verallgemeinern. Mein ursprünglicher Beitrag hat auch nicht davon gehandelt, ich habe einfach nur auf eine von Bogarnils Fragen geantwortet.
#11
Geschrieben: 02. Februar 2010, 01:57
was ich damit sagen möchte: ich glaube, daß das alles so war, wie du beschreibst. aber ich glaube nicht, daß das alles war.
was du beschreibst ist verbohrtes stammtischniveau. und wenn an chiardhuibh deutsche touristen ins spiel bringt, dann trifft sie damit meiner meinung nach genau das spiegelbildliche phänomen. nehmen wir mal eine krasse minderheitsgruppe: sextouristen in thailand. vor ort bestimmen die das bild deutschlands. ob uns das gefällt oder nicht. wenn du dir das mal vor augen hältst, dann wirst du hoffentlich irgend ein gefühl von ohnmacht und ungerechtigkeit empfinden. um dieses gefühl geht es mir, wenn ich "beschwichtigend" das paranoide geblubber der radikalen meinungsmacher kritisiere. es geht nicht nur um "akademische" wahrheitsfindung, sondern knallhart pragmatisch um den erhalt unserer gesellschaft. sie ist zu schützen vor den angriffen der extremisten. terroristen bekämpft die polizei. demagogen hingegen kann der staat nicht bekämpfen. das ist unsere aufgabe, da bin ich (moralisch gesehen) ganz konservativ republikanisch eingestellt. es gibt eine verantwortung des einzelnen für die gesellschaft, bloß ist die nicht als zwangsdienst übersetzbar. es ist viel einfacher. man muß bloß aufhören, die bürger aus kulturchauvinistischen überlegungen heraus systematisch auszugrenzen. das fängt bei jedem einzelnen an. und immer wieder.
eine einfache formel haben wir im ersten semester politikwissenschaft mit auf den weg bekommen: all-sätze sind quatsch. allsätze sind sätze, die eigenschaften einzelner auf eine gruppe übertragen. die amis sind verrückt, die deutschen sind pünktlich, die iren sind trinker oder eben die araber hassen den westlichen lebensstil.
#12 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 02. Februar 2010, 18:46
bogarnil limdal schrieb am 02. Februar 2010, 01:57:
Das nehme ich dir als deine Einstellung ebenfalls ab, aber ich denke halt anders. Ich schätze Henryk M. Broders Artikel sehr und sehe es keinesfalls als paranoides Geblubber eines radikalen Meinungsmachers. Lassen wir es dabei bewenden
Übrigens, im neuen SPIEGEL ist auf Seite 124 ein hochinteressantes Interview mit dem amerikanischen Politologen Vali Nasr, sollte man hier unbedingt posten, ich weiß bloß nicht, ob es auf SPIEGEL-Online kommt ...
Nächste Woche Bandprobe ... ?? ;-)
#13
Geschrieben: 03. Februar 2010, 12:21
ich rege mich da genauso über die falsche übersetzung von englisch "administration" zu deutsch "administration". da wird aus der obama-regierung die obama-verwaltung. mag pillepalle sein, aber es ist was grundlegend anderes. wenn die journalisten sowas ständig falsch machen, verwundert es auch nicht, wenn sie andere ähnlich klingende oder institutionell nah beieinanderliegende zusammenhänge durcheinanderschmeißen. daß die türkei ein muslimisch geprägtes land ist, ist korrekt. daß die türkei ein muslimisches land sei, ist falsch. auch ist unser verständnis vom islam völlig oberflächlich. ich vermisse eine genaue zuordnung, wenn von islamischen persönlichkeiten die rede ist. wenn deutschen lutheranern im ausland aussagen der rassistischen katholischen piusbruderschaft untergejubelt würden, dann empfänden wir das wohl zurecht als verleumdung. beim islam unterscheiden wir aber nicht, obwohl es da zwei große (teilweise zerstrittene) konfessionen mit jeweils mehreren unterschiedlichen internen schulen gibt, daneben noch parallele minderheitenströmungen. für jede dieser ausprägungen gibt es dann noch regional geschichtet unterschiedlich gewachsene traditionen, zusammenhängend mit den machtverhältnissen und elitenbildungen der letzten jahrhunderte. kurzum ist alles genauso unübersichtlich wie im christentum. in der zeitung steht aber äußerst selten, wer da genau den dänen den heiligen krieg erklärt hat. "irgend so ein moslem halt, die sind doch ohnehin alle gleich."
zur themenauswahl: da ist es weniger mangelnde sorgfalt, als die fehlende spektakularität. ein lesenswerter rückblick der "initiative nachrichtenaufklärung" auf vernachlässigte themen des jahres 2009 listet unter anderem die berichterstattung über zivile konfliktlösung auf, die im schatten von krieg steht. das paßt jetzt vielleicht inhaltlich nur am rande, beschreibt aber den gleichen effekt. man lese den mit "vernachlässigung" überschriebenen absatz:
Zitat
Als Ursache für diese Vernachlässigung nennen Experten vor allem die fehlende Dramatik ziviler Konfliktbearbeitung. Krieg trägt „Event-Charakter“, der Medien unter Berücksichtigung der Nachrichtenfaktoren Dramatik und Skandalisierung entgegenkommt. Die Berichterstattung über lang andauernde Vermittlungsversuche ziviler Akteure und deren Versuche zur Überwindung der komplexen Konfliktursachen setzt hingegen bedingt tiefer gehende Recherche und langfristige Konfliktbeobachtung voraus. Das Wirken ziviler Konfliktbearbeitung ist zudem kaum konkret messbar und weniger offensichtlich als das Ergebnis militärischer Intervention. [hervorhebungen von mir]
lesenswert sind auch die drei kommentare, insbesondere von m. gleich und dr. a. houdret.
vor diesem hintergrund möchte ich mal die (halbrethorische) frage stellen, wer gestern oder heute in irgend einem medium was über die gründung der menschenrechtskommission arabischer frauen in tunesien gehört hat.
#14
Geschrieben: 05. Februar 2010, 02:10
#15 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 05. Februar 2010, 18:44
bogarnil limdal schrieb am 05. Februar 2010, 02:10:
Naja, dieser Artikel verkörpert halt die andere Denkschule. Ist ok, eine Ernst zu nehmende Meinung, aber verstockt wie ich bin bleibe ich trotzdem bei meiner eigenen
Eines darfst du nicht vergessen. Es sind Leute wie Theo van Gogh oder Pim Fontayn, die umgebracht wurden. Leute wie Ayaan Hirsi Ali, die in die USA emigrieren mussten. Es sind Leute wie Broder und Co, die mit dem Tod bedroht werden. Nicht dieser TAZ-Autor, nicht die SZ-Feuilletonisten etc.
Und wenn dein Autor die Macht der Fakten, der Demoskopie beschwört, dann hätte er auch gleich ein paar Zahlen und Fakten bringen können, um die Zahlen von Broder und Co. zu entkräften.
Habe keine Zeit, ausführlicher zu werden. Wenn in einer Woche das Nasr-Interview nicht online ist, werde ich nochmal in die Tasten hauen. Aber bei Nasr kommen wir beide sicher auf einen gemeinsamen Nenner ...
Viele hier verbringen doch Stunden im Netz, Facebook etc... ladet doch mal ein paar Muslime hier zu einer Diskussion ein
#16
Geschrieben: 05. Februar 2010, 22:34
Fanal schrieb am 05. Februar 2010, 18:44:
ich weiß nicht, ob es wirklich so hilfreich ist so sehr zu polarisieren, wie du es tust. es drängt sich mir irgendwie der eindruck auf, als reichte die existenz zweier gegeteiliger meinungen aus, die nur jede hinreichend von bestimmten medien unterstützt werden muss, damit beide ihre daseinsberechtigung haben. also, solange jemand ebenso vehement das gegenteil vertritt, ist alles ok. durch diese formale rechtfertigungsstrategie untergräbt man meiner meinung nach tatsächliche argumente.
ansonsten ist mir hier und in der pressediskussion aufgefallen, dass sich muslime eigentlich grundsätzlich in einer rechtfertigungssituation befinden. der diskurs verläuft nicht auf augenhöhe, sondern stets als eine art verhör, wobei sich muslime auch noch immer von den taten der islamisten distanzieren müssen. vielleicht ist es ja auch die nähe zwischen den wörtern islam und islamist und die (intuitive) ferne zwischen islam und moslem, die dieses vorurteil noch befeuert. mir fehlen in der diskussion zumindest oft die gleichberechtigten wortmeldungen derer um die es eigentlich geht.
das gesamte thema scheint mir zumindest alles andere als geeignet für eine klassische schwarz-weiß-analyse. wir brauchen einfach mehr handwerklich gute studien und viel, viel weniger populismus.
#17 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 05. Februar 2010, 23:18
An Chiardhuibh schrieb am 05. Februar 2010, 22:34:
ansonsten ist mir hier und in der pressediskussion aufgefallen, dass sich muslime eigentlich grundsätzlich in einer rechtfertigungssituation befinden. der diskurs verläuft nicht auf augenhöhe, sondern stets als eine art verhör, wobei sich muslime auch noch immer von den taten der islamisten distanzieren müssen. vielleicht ist es ja auch die nähe zwischen den wörtern islam und islamist und die (intuitive) ferne zwischen islam und moslem, die dieses vorurteil noch befeuert. mir fehlen in der diskussion zumindest oft die gleichberechtigten wortmeldungen derer um die es eigentlich geht.
das gesamte thema scheint mir zumindest alles andere als geeignet für eine klassische schwarz-weiß-analyse. wir brauchen einfach mehr handwerklich gute studien und viel, viel weniger populismus.
Sorry, An, ich sage einfach nur meine Meinung. Wenn euch das zu polarisierend ist, dann spare ich mir lieber diese Zeit, denn davon habe ich eh viel zu wenig
#18
Geschrieben: 06. Februar 2010, 01:27
Fanal schrieb am 05. Februar 2010, 18:44:
wie gesagt, ich sehe nicht zwei denkschulen, sondern ein sachliches spektrum unterschiedlicher meinungen in der mitte und extremismus/demagogie an den rändern. der von mir verlinkte artikel spricht mir insofern aus der seele, als er die kompetenz der leitartikler broder und co infrage stellt. mag sein, daß sie bedroht werden, für das, was sie sagen. aber das werden sie von extremisten und nicht von ihren sachlichen kritikern. daß sie bedroht werden, heißt weder, daß sie mit ihren einschätzungen recht haben, noch, daß ihre kritiker die islamistischen extremisten indirekt unterstützen. beide fehlschlüsse werden aber von broder und co ständig öffentlich vorgetragen und vergiften die debatte.
Zitat
ja, das wäre in der tat schön gewesen. sein argument ist allerdings, daß broder und co studien ignorieren. das kann ich, soweit mir zusammenhänge aus der politikwissenschaft und angrenzenden disziplinen her bekannt sind, durchaus bestätigen. ich habe mehrere meiner prüfungungen zu nahost-themen absolviert: in soziologie habe ich u.a. europas erweiterungsdynamik in einer vergleichenden studie eu-nordafrika- & eu-osteuropa-beziehung mit schwerpunkt ägypten und ukraine untersucht. das thema habe ich gewählt, weil ich im hauptstudium politikwissenschaft bereits umfangreich zum zerfall der imperien und entstehung moderner nationalstaaten gearbeitet hatte, und dabei sehr viel material und hintergrundwissen mitbrachte. meine studien hier umfaßten vor allem den vergleich der beiden gescheiterten multinationalen imperien habsburger kaiserreich und osmanisches reich mit blick auf die parallelität ethnischer, religiöser und politischer folgekonflikte (z.b. jugoslawischer bürgerkrieg, nahostkonflikt), weiterhin die fragile staatsgründungen und das abgleiten in diktaturen in mittel- und osteuropa sowie dem nahen osten, schlußendlich den etappenweisen zusammenbruch des osmanischen reiches mit fokus auf europas rolle. in politikwissenschaften habe ich hierzu dann ebenfalls eine prüfung abgelegt.
was mir bei all der forschung aufgefallen ist: liest man die europäischen studien, kann man den eindruck bekommen, daß die region des nahen ostens praktisch durch europäische partnerschaft bzw. außenbeziehung determiniert ist. liest man die amerikanischen studien, sieht es hingegen so aus, als wäre die region nach zusammenbrechen des osmanischen reiches hauptsächlich durch den kalten krieg determiniert und in jüngster zeit durch nachwirkende beziehungen zu den usa. dankenswerterweise hatte ich einen algerischen dozenten, der mir relativ früh im hauptstudium literatur aus dem eigenen fundus zum lesen mitgegeben hatte. es ist erstaunlich, wie selbstverständlich oft selbst in der wissenschaft eine region analysiert wird, ohne auf expertise von dort zurückzugreifen. euro- bzw. us-zentrismus nennt man das. man muß alle drei seiten betrachtet haben, um die situation zu erfassen. orientalisten dürften da von vorteil sein, weil sie die texte im original lesen können. deswegen würde ich mich bei weitem nicht als nahost-, geschweige denn als islamexperte sehen, lediglich als überdurchschnittlich gut informiert.
das ist mein blickwinkel. um broders thesen über den islamismus auf augenhöhe zu begegnen, muß ich mein haupt sehr weit senken. das sage ich ohne häme oder arroganz. es ist einfach so. für mich ist das ärgerliches taschenspielergetrickse vor tragischem hintergrund. das schlimme ist ja, daß die meisten der demagogen ihre eigenen halbwahrheiten selber glauben. gerade intellektuelle sind wohl anfällig dafür, verifizierung und falsifizierung unter den tisch fallen zu lassen, da sie es gewohnt sind, zu fast allem aus dem stand eine kompetente meinung abgeben zu können. das wird ja auch von ihnen erwartet, was die angelegenheit noch schwieriger macht.
Zitat
hmm. ehrlich gesagt schäme ich mich ein bißchen für diese diskussion an sich. ich habe keine muslimischen freunde, nur ganz wenige sehr weitläufig bekannte. bei denen möchte ich jetzt nicht urplötzlich auf der matte stehen und fragen, was sie als moslem hierzu sagen. das ist so, als würde man zu juden gehen und fragen, was sie als juden zum antisemitismus sagen. noam chomsky ist da so ein beispiel. er gilt als vorzeigejude der israelkritik. genau das ist aber der auch im artikel angesprochene "rassismus der antirassisten". chomsky ist israelkritiker und als solcher ernst zu nehmen. daß er zufällig auch jude ist, hat damit nichts zu tun. es wertet seine kritik weder auf noch ab. das gleiche gilt für broder. dem wirft ein teil seiner kritiker ja auch vor, als jude parteiisch zu sprechen. mir persönlich ist völlig wurst, welchem hintergrund seine überzeugungen entspringen. sie sind sehr oft unsachlich, unlogisch oder gar vollkommen offensichtlich falsch - darum geht es.
#19
Geschrieben: 24. Juni 2010, 17:44
bogarnil limdal schrieb am 06. Februar 2010, 01:27:
oder aber verfälschen.
dann kommen mitunter noch huhn-ei-paradoxa ins spiel: was war zuerst da, das die recherchesorgfalt eintrübende vorurteil oder die vorurteilserzeugende schlampige recherche?
#20
Geschrieben: 20. Januar 2011, 00:01
bogarnil limdal schrieb am 01. Februar 2010, 15:21:
Zitat
das ist so ein beispiel für das ausweichen auf außereuropäische felder, wenn es eigentlich um die innereuropäische debatte geht. wobei man natürlich die türkei als aspirant auf eu-mitgliedschaft und die schweiz als irgendwie kulturell und geographisch dazugehörig in europas dunstkreis einsortieren könnte. also geschenkt. schauen wir mal, was wir über die türkei wissen:
1. sie ist ähnlich laizistisch wie frankreich (vermutlich sogar noch radikaler). wenn also in der türkei der bau von kirchen verboten sein sollte, dann im gleichen maße wie der bau von moscheen. wenn "unmöglich" meint, daß die gesellschaft vor ort sich dagegen wehrt, daß in der nachbarschaft bald kirchenglocken läuten, dann haben wir im grunde genommen die gleiche situation wie bei den moscheebauvorhaben in köln oder berlin. natürlich ist die türkische bevölkerung überwiegend sunnitisch, wie auch die franzosen überwiegend katholisch sind. 'wir sollten aber auch nicht vergessen', daß vorbehalte im ehemaligen osmanischen reich nicht nur religiöser natur sein müssen, sondern auch aus der erfahrung des europäischen imperialismus via vorgeschobener schutzherrschaft über christliche minderheiten resultieren können. das wäre natürlich trotzdem quatsch, aber allein daß wir in der regel nichtmal auf die idee kommen, die befindlichkeiten vor ort in relation zur kulturellen entwicklung und politischen verfassung zu betrachten, sondern seit 9/11 alles mit "muslim" abhaken, zeigt unseren mangel an objektivität auf. die menschen in köln, die gegen die moschee demonstrierten, waren mit sicherheit auch nicht durch die bank christlich motiviert. genausowenig, wie das schweizer minarettverbot auf frömmigkeit zurückzuführen sein dürfte.
2. christlichen missionaren wurden die kehlen durchgeschnitten. ich will das gar nicht erst kleinreden. genausowenig, wie ich den angriff auf den dänischen karikaturisten verharmlosen möchte. ich will aber jetzt auch nicht jeden fremdenfeindlichen mord rauskramen, der hier in deutschland (oder europa) verübt wurde. mir geht es darum, klarzustellen, daß solche sachen passieren, weil latente xenophobe einstellungen von fundamentalisten hochgepeitscht werden. ich hatte geschrieben, daß das für die islamisten im karikaturenstreit sehr gut belegt ist. das beispiel der ermordeten missionare ist ein weiterer beleg. bitte schließen wir nicht vom extremismus auf die allgemeine befindlichkeit! denn genau so funktioniert dieserart demagogie.
offenbar gehen die morde an den missionaren wie auch der mord am katholischen bischof nicht auf das konto islamistischer fanatiker, sondern einer kriminellen terrororganisation ultranationalistischer extremisten. sieh an, sieh an. ich hätte es selbst nicht für wahrscheinlich gehalten, auch wenn ich diese möglichkeit schon damals nicht ausschließen wollte (siehe oben). was lernen wir daraus?
die zu ziehende lehre ist, daß spekulation niemals die basis für ein abschließendes bild sein darf, sondern zweifel immer angebracht ist. die späte rehabilitierung der ganzen moslems, die ohnehin nichts damit zu tun hatten (auch unter der annahme einer islamistischen täterschaft nicht!) findet nur am rande statt, der nachrichtenwert ist zu gering und im kollektiven gedächtnis ist die sache wohl auf ewig als mord von moslems an christen abgespeichert. die türkei ist ja außerdem für viele fälschlicherweise ein islamischer staat - da ist auch für die zukunft der fehlschluß vom türkischen ultranationalismus auf islamischer fanatismus geradezu vorprogrammiert (wie schon bei der nationalistischen erdogan-rede, die hartnäckig als islamistisch mißverstanden wird).
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