Im Rahmen des europäischen Bologna-Prozesses, dessen Ziel es ist, ein einheitliches europäisches Hochschulwesen zu schaffen, wurde vor ein paar Jahren in ganz Deutschland damit begonnen, alle Studiengänge zu reformieren. Die alten Diplom- und Magisterabschlüsse sind nun Auslaufmodelle und wurden von Bachelor und Master abgelöst. Gerade die Bachelorstudiengänge sind jedoch heftig umstritten, gelten als zu verschult und zu vollgepackt mit Stoff.
Die neuen Studiengänge werden seit ihrer Einführung heiß diskutiert, ein zufriedenstellendes Modell scheint noch nicht wirklich gefunden zu sein. Wie beurteilt ihr die Lage? Sind die Studienreformen grundsätzlich falsch angelegt oder bedarf es nur noch einigen Veränderungen, und wenn ja, wie sollten diese aussehen?
Einige interessante Punkte wurden bereits im Thread "Medizinische Ecke IV- Prüfungsangst und Prüfungsausreden" angesprochen. Mausfrau hat dort von ihrem Alltag als Bachelorstudentin berichtet und neben der inhaltlichen Fülle der Prüfungsanforderungen vor allem die fehlenden didaktischen Kompetenzen der Dozenten bemängelt. Eine Situation, die es den heutigen Studenten schwer mache, überhaupt noch Freude an ihrem Studium zu empfinden (zum Beitrag hier lang).
Bogarnil Limdal hat ebenfalls auf die fehlende didaktische Ausbildung hingewiesen und zudem festgestellt, dass die Konfrontation der Lehrenden mit Anfängern die angemessene Vermittlung des Stoffes noch mehr behindere (zum Beitrag hier lang). Mausfrau hat schließlich noch einmal auf die Stoffmenge und -verteilung hingewiesen, die ihrer Meinung nach nicht ideal verteilt ist (zum Beitrag hier lang)
Bachelor und Master
Erfolgsmodell oder Mogelpackung?
Eröffnet von An Chiardhuibh, 13.02.10, 14:18
2 Antworten zu diesem Thema
#2
Geschrieben: 13. Februar 2010, 15:51
ich studiere zwar noch in einem alten studiengang, habe aber durch meine arbeit im fachschaftsrat einiges vom bachelordasein mitbekommen. eine meiner kolleginnen gehörte zu den ersten bachelorstudentinnen an meinem institut und wurde mit einem sehr unsausgereiften lehrplan konfrontiert. damals war es eigentlich gang und gäbe, dass die meisten studenten eben nicht die module erhielten, die sie eigentlich haben wollten, vor allem im wahlpflichtbereich gab es große probleme. ich habe diese studentin eigentlich nur in hektik erlebt. ich glaube soviel zeit wie sie in drei jahren, habe ich vermutlich in meiner gesamten studienzeit von- ähm, naja, mehr als drei jahren- nicht in der bibliothek verbracht. ich bin noch immer beeindruckt, dass sie zusätzlich die arbeit im fachschaftsrat übernommen hat, was gar nicht so ohne ist. ich frage mich auch, wie die studentische vertretung aussehen wird, wenn es nur noch bachelor und masterstudenten gibt. meiner meinung nach wird da ein organ, das ohnehin nicht ausreichend stimmkraft im unigefüge besitzt, noch mehr geschwächt. wer hat schon die zeit sich seitenlange protokolle durchzulesen und in, mehrere stunden bis in die nacht hinein dauernden, studentenratssitzungen aktiv mit hochschulpolitik zu beschäftigen. schlimmer trifft es dann noch jene studenten, die kein bafög bekommen und auch von ihren eltern nicht viel erwarten können. ein bachelorstudium mit einem nebenjob zu verbinden, ist doch eine sehr krasse herausforderung.
ich frage mich außerdem inwieweit nun eigentlich mit der studienreform die bedingungen des bologna-prozesses überhaupt erfüllt worden. ein wichtiges ziel, nämlich das der vergleichbarkeit von studienleistungen, erscheint mir überhaupt nicht erfüllt worden zu sein. ich erinnere mich an eine sitzung im prüfungsausschuss, als darüber nachgedacht wurde, wie die leistungen an einer bestimmten ausländischen uni einzuschätzen seien und ob man sie im institut anerkennen könnte. es lief eigentlich darauf hinaus, dass nach wie vor jede uni- jedes institut sogar- einzeln überprüft werden und die reine formale übereinstimmung nichts über den inhalt aussagt. außerdem gibt es nun auch schon probleme, weil hier gewöhnlich drei jahre für das bachelorstudium angesetzt werden, während es in anderen ländern vier sind. die vereinheitlichung der europäischen studiengänge ist ja ein hehres ziel, aber von der erfüllung scheinen wir noch ein gutes stück weit weg zu sein.
so, und nun noch was positives. mir scheint es zumindest in meinem bereich so zu sein, dass die präsentation der lehrinhalte besser gestaltet ist, als bei uns magisterstudenten. es gibt nun einen logischen aufbau, den man beim selberbasteln des magisterstundenplanes einfach nicht so ohne weiteres hinbekommen hätte. außerdem kamen bei uns noch ein paar wichtige themengebiete hinzu, die während meines studiums nicht angeboten wurden. wir haben außerdem eins, zwei neue, sehr kompetente dozenten dazu bekommen, die didaktisch einiges auf dem kasten haben.
ich frage mich außerdem inwieweit nun eigentlich mit der studienreform die bedingungen des bologna-prozesses überhaupt erfüllt worden. ein wichtiges ziel, nämlich das der vergleichbarkeit von studienleistungen, erscheint mir überhaupt nicht erfüllt worden zu sein. ich erinnere mich an eine sitzung im prüfungsausschuss, als darüber nachgedacht wurde, wie die leistungen an einer bestimmten ausländischen uni einzuschätzen seien und ob man sie im institut anerkennen könnte. es lief eigentlich darauf hinaus, dass nach wie vor jede uni- jedes institut sogar- einzeln überprüft werden und die reine formale übereinstimmung nichts über den inhalt aussagt. außerdem gibt es nun auch schon probleme, weil hier gewöhnlich drei jahre für das bachelorstudium angesetzt werden, während es in anderen ländern vier sind. die vereinheitlichung der europäischen studiengänge ist ja ein hehres ziel, aber von der erfüllung scheinen wir noch ein gutes stück weit weg zu sein.
so, und nun noch was positives. mir scheint es zumindest in meinem bereich so zu sein, dass die präsentation der lehrinhalte besser gestaltet ist, als bei uns magisterstudenten. es gibt nun einen logischen aufbau, den man beim selberbasteln des magisterstundenplanes einfach nicht so ohne weiteres hinbekommen hätte. außerdem kamen bei uns noch ein paar wichtige themengebiete hinzu, die während meines studiums nicht angeboten wurden. wir haben außerdem eins, zwei neue, sehr kompetente dozenten dazu bekommen, die didaktisch einiges auf dem kasten haben.
#3
Geschrieben: 14. Februar 2010, 00:44
aber letzteres ist doch fachabhängig und zudem auch mit einer vernünftigen lehrplanempfehlung umsetzbar. mein fachbereich (politikwissenschaft) ist so breit gewesen, daß schon im diplomgrundstudium die spezialisierung anfing. es gab vorgaben über zu belegende fächer und es gab drei vorgegebene spezialisierungspfade, die man dann sehr frei mit weiteren spezifischen themen gefüttert hat. ich kann mir nicht vorstellen, daß es eine modularisierte form gibt, die alle mir zur verfügung gestandenden möglichkeiten abdeckt. eigentlich müßten das allein gemessen am grundstudium bereits drei verschiedene studiengänge werden (verwaltungswissenschaft, internationale beziehungen, vergleichende politikwissenschaft). was vermutlich komplett unter den tisch fällt ist die konkrete interdisziplinäre verknüpfung. ich finde am bachelorsystem grundsätzlich gut, daß man fachfremde module belegen muß. aber das war bei uns auch so und zwar gezielt eingebunden als wahlpflichtfächer, die mit dem fach in sinnvollem zusammenhang stehen (jura, vwl, soziologie). außerdem wurden auch interdisziplinäre seminare angeboten, die für verschiedene studienfächer offenstanden. nicht zuletzt gab es auch die interdisziplinären kolloquien. schlußendlich hatte ich auch einfach verdammt viel zeit, mich mit interdisziplinären ansätzen zu beschäftigen.
wenn ich heute mit bachelorstudenten fachsimple, dann habe ich regelmäßig den eindruck, daß der stoff wegen der überbordenden menge qualitativ radikal runtergefahren wird. das muß wohl so sein, weil es sonst gar nicht schaffbar ist. aber mich erschreckt z.b. die tatsache, daß man ein ein-semester-modul à 2 semesterwochenstunden zur methodischen sozialforschung mit einer handwerklich kruden und systematisch fehlerhaften empirischen studie bestehen kann (note eins!). ich mache den studenten hier keinen vorwurf - ich habe über zwei semester hinweg parallel zwei verschiedene vorlesungen besuchen müssen ("theorie" der methode empirischer sozialforschung und "praxis" der statistik/mathematik, inklusive eines zusätzlichen tutoriums), und kenne trotzdem nur die grundlagen. meine empirische forschungsarbeit war nicht gerade der hammer, aber sie hat mich u.a. gelehrt, das thema ernst zu nehmen. man muß keine perfekte studie erheben können (es sei denn, man ist soziologe), aber man muß die theorie und praxis kennen. dieses wissen ist wichtig und fehlt den wissenschaftlern von morgen, weil die zeit zur vermittlung fehlt. wie sollen sie statistiken kritisch lesen und potentielle fehler erkennen? hier wird sogar noch falsche sicherheit vermittelt.
das ist nur ein beispiel von vielen. natürlich tut sich hier aber wieder das altbekannte problem auf, daß beispiele nur bedingt aussagekräftig sind. es ist meine erfahrung, ich würde mich freuen, wenn sie nur übergangsphänomene sind. die uhr läßt sich ja leider nicht zurückdrehen. oder doch?
wenn ich heute mit bachelorstudenten fachsimple, dann habe ich regelmäßig den eindruck, daß der stoff wegen der überbordenden menge qualitativ radikal runtergefahren wird. das muß wohl so sein, weil es sonst gar nicht schaffbar ist. aber mich erschreckt z.b. die tatsache, daß man ein ein-semester-modul à 2 semesterwochenstunden zur methodischen sozialforschung mit einer handwerklich kruden und systematisch fehlerhaften empirischen studie bestehen kann (note eins!). ich mache den studenten hier keinen vorwurf - ich habe über zwei semester hinweg parallel zwei verschiedene vorlesungen besuchen müssen ("theorie" der methode empirischer sozialforschung und "praxis" der statistik/mathematik, inklusive eines zusätzlichen tutoriums), und kenne trotzdem nur die grundlagen. meine empirische forschungsarbeit war nicht gerade der hammer, aber sie hat mich u.a. gelehrt, das thema ernst zu nehmen. man muß keine perfekte studie erheben können (es sei denn, man ist soziologe), aber man muß die theorie und praxis kennen. dieses wissen ist wichtig und fehlt den wissenschaftlern von morgen, weil die zeit zur vermittlung fehlt. wie sollen sie statistiken kritisch lesen und potentielle fehler erkennen? hier wird sogar noch falsche sicherheit vermittelt.
das ist nur ein beispiel von vielen. natürlich tut sich hier aber wieder das altbekannte problem auf, daß beispiele nur bedingt aussagekräftig sind. es ist meine erfahrung, ich würde mich freuen, wenn sie nur übergangsphänomene sind. die uhr läßt sich ja leider nicht zurückdrehen. oder doch?
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