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Der Fall Helene Hegemann
Dürfen Autoren voneinander abschreiben?


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11 Antworten zu diesem Thema

#1 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 13. Februar 2010, 16:27

Der Fall der 17-jährigen Helene Hegemann treibt gerade Feuilletonistenschreiber und -leser gleichermaßen um. Die junge Autorin wurde für ihren Debutroman "Axolotl Roadkill" vielfach gelobt. Als die ersten Plagiatsvorwürfe auftauchten, war dies noch nichts ungewöhnliches. Doch dann sprach die Autorin und das überraschte schon. Anstatt die Vorwürfe zu entkräften, gab sie einfach zu abgeschrieben zu haben. Hier ein Zitat aus einem Interview mit Deutschlandradio Kultur, das noch vor Bekanntwerden des Plagiats geführt wurde:

Zitat

Ich hab' ja sowieso grundsätzlich alles von irgendwoher genommen, also beispielsweise aus meinem Umfeld, meinem näheren, aus Zeitschriften, aus Büchern von anderen Autoren. Also ich klaue einfach hauptsächlich - weißt du? -, wenn ich nicht mehr weiterkomme und wenn ich denke, es ist notwendig, um so etwas zusammenzusetzen, was man da erzählen will. Und deswegen klaue ich natürlich auch von mir.

Helene Hegemann hat also offensichtlich geklaut und das Gefundene ihrem eigenen Roman einverleibt. Für diesen ist sie übrigens auch für den Leipziger Buchpreis nominiert, eine Tatsache, die noch mehr Zündstoff für die ohnehin hitzige Debatte liefert. Doch wie umgehen mit solch provokanter Ansage? Helene Hegemann stellt ihr Vorgehen als moderne Art des Schreibens dar. Doch ist sie auch legitim? Muss sich ein Autor heutzutage damit abfinden, dass jemand ohne zu fragen, von ihm abschreibt?

#2 phriedrich

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Geschrieben: 13. Februar 2010, 21:04

Klauen ist ja nicht gleich klauen.

Tatsache ist natürlich, das Kunst ja eigentlich fast nie aus dem Vakuum heraus entsteht, sondern natürlich häufig zitiert, Bezüge herstellt oder remixt und sampled wie man heute sagt.

Ich habe das besagte Werk nun nicht gelesen und auch die Diskussion nur zum Teil verfolgt, aufgefallen ist mir aber mehrfach die Meinung, dass man sich schon bedienen dürfe, aber komplett übernommene Passagen – die es wohl geben soll – doch bitte zu kenzeichnen sein sollen. Was, wenn es so stimmt und wirklich ganze Absätze wörtlich kopiert wurden, wirklich so sein sollte.

Interessant an der Diskussion fand ich noch den Aspekt, dass (scheinbar) besonders genau in den „großen Leitmedien“ das Buch verteidigt wurde, die sonst immer besonders pingelig auf die Einhaltung von Leistungsschutzrechten pochen und nicht müde werden auf die, durchaus auch kritisch zu sehende, Copy'n'Paste- und Linkkultur einzudreschen.

Wenn ich dran denke, liefere ich morgen noch mal ein paar Links dazu nach.

Doch lieber gleich, bevor ich's doch wieder vergesse:

Zunächst zum Thema: http://netzwertig.co...n-grossem-stil/

Und etwas vertiefend zum Thema, „Remix“ ein Buch von Lawrence Lessig, zur Verfügung gestellt unter CreativeCommons: http://www.bloomsbur...c.com/remix.htm

#3 bogarnil limdal

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Geschrieben: 14. Februar 2010, 01:34

ich empfinde das ganze eher als rückzugsgeplänkel der übereuphorischen kritiker. offenbar kann man nicht damit umgehen, daß ein hochgelobtes werk plötzlich geklaut sein soll. zumal die kritiker der kritiker gern unterstellten, daß das lob nur mit der person der siebzehnjährigen in zusammenhang stehe und weniger mit dem werk. daß jetzt in den blogs genau in diese kerbe gehauen wird, bzw. sarkastisch bespöttelt, daß ein unbekannter autor an den feuilletons vorbeigeht, macht das dilemma nur noch stärker. die kurzsichtige lösung liegt in der ausrufung einer neuen äre des schreibens.

das halte ich für quatsch. neu ist das paraphrasieren, samplen, collagieren, zitieren, usw. überhaupt nicht. es ist schon immer gängige kunstform gewesen, wie phriedrich schon schrieb. neu ist allenfalls, daß bei erkennbarer urheberschaft eines anderen das interesse trotzdem beim plagiator bleibt. plagiator schreibe ich bewußt, weil der unterschied zwischen einer referenz und einem plagiat darin liegt, daß eine referenz immer auch eine höhere funktion erfüllt. sei es als bewußtes ausleihen einer stimmung, eines kontextes oder ähnliches, sei es als verbeugung vor dem vorbild. collagen sind erkennbar collagen. samples sind meist erkennbar, mindestens als sample selbst. alles, was kleiner gestückelt wird, verliert sogar juristisch den urheberschutz. ein großflächiges zusammenklauen ohne urheberhinweis hingegen bleibt diebstahl. es ist völlig unerheblich, ob daraus selbst wieder kunst wird oder nicht. insofern ist es sogar okay, das werk weiterhin zu würdigen. mir geht auf den keks, daß die schriftstellerische leistung hier aber nicht ausgenommen wird. wenn sie abgeschrieben hat, weil ihr selbst die worte fehlen, dann ist das ein "epic fail". daß sie das offen zugibt ist ehrenwert. daß die presse das werk trotzdem über den klee lobt, statt sich den quellen zuzuwenden und deren kunst zu würdigen, ist traurig.

#4 Rabenfutter

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Geschrieben: 15. Februar 2010, 17:31

Mir ist unangenehm, daß ihr alle relevanten Argumente bereits auszuschöpfen droht - binnen dreier Beiträge.
Jetzt muss ich schon wieder nachdenken.

#5 bogarnil limdal

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Geschrieben: 19. Februar 2010, 16:12

stoffnachschub zum nachdenken: anatol stefanowitsch räumt auf mit entschuldigenden worthülsen wie bspw. "intertextualität" als angebliche bezeichnung des schreibstils hegemanns.

#6 Kerberos

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Geschrieben: 21. Februar 2010, 18:34

Das ganze ist nichts weiter als gehypter Trash. Hauptindikatoren: fettige Haare, Aussenseiterdasein, allgemein unattraktiv und nun wird auch noch bestandslos abgeschrieben und die Pickel mit pomadigen Worten wie Intertextualität abgedeckt. Spätestens in einem Monat ist da alles an Glanz und Glorie, wenn sie denn je vorhanden war, aufgezehrt und die Autorin verkommt im Aufmerksamkeitsvakuum.

Der eigentliche Fehler der Medien ist meines Erachtens, aber nicht das heranziehen einer Internetgemeinde und Kopierkultur, natürlich gibt es soetwas. Sondern der Punkt das es hier um ein Buch geht das ganz offline nach dem Prinzip, die Verknappung hält den Preis, vertrieben wird. Es hat also gar nichts gemein mit Informationsbefreiung, Richard Stallman und Co. Sondern das Hauptaugenmerk liegt auf dem Geldmachen mittels Betrug. Verkauf geklauter Ware. Das aber scheint ja derzeit sehr en vouge zu sein, denn auch Merkel schmückte sich ja mit Diebesgut das sie zu Geld machen wollte.

Wie würde das alles eigentlich der Utilitarismus handhaben? :unsure:

#7 Gast_Fanal_*

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Geschrieben: 21. Februar 2010, 21:06

Eines vorweg, ich bin nur ganz flüchtig mit diesem Fall vertraut ...
Also abgesehen davon, dass ich die winzigen Teile dieses Buches, die ich las, als uninteressant und überschätzt empfand, sehe ich die bemängelten Sätze als eher undramatisch. Was bedeuten schon eine wenige geklaute und nur dürftig umgeschriebene Sätze in einem Roman mit vielen hundert Seiten ... ?? Autoren kopieren sich doch ständig, oder greifen Gedanken auf, die andere hatten ... so what. Man kann das Rad nicht tausendmal neu erfinden und seit fünftausend Jahren schreiben Menschen. Es gibt nichts auf der Welt, dass nicht woanders schon gesagt wurde.

#8 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 21. Februar 2010, 21:10

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 21. Februar 2010, 18:34:


Wie würde das alles eigentlich der Utilitarismus handhaben? :unsure:

Naja, der würde wohl zusammenrechnen, welche Option den insgesamt größten Nutzen im Sinne von Wohlergehen ergibt und diese dann wählen. Will heißen: wenn Merkel & Co glücklich sind, die Wähler glücklich sind, Helene Hegemann glücklich ist und noch ein paar Leute sich mit ihr freuen, ist alles in Ordnung. Man könnte jedoch auch alle in eine große Maschine stecken und ihnen weiß machen, sie wären glücklich. Das liefe dann aufs Gleiche hinaus.
Im Utilitarismus zählt jedenfalls allein das Ergebnis, ganz gleich wie es zustande gekommen ist.

#9 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 21. Februar 2010, 21:16

Beitrag anzeigenFanal schrieb am 21. Februar 2010, 21:06:

Autoren kopieren sich doch ständig, oder greifen Gedanken auf, die andere hatten ... so what. Man kann das Rad nicht tausendmal neu erfinden und seit fünftausend Jahren schreiben Menschen. Es gibt nichts auf der Welt, dass nicht woanders schon gesagt wurde.

Ich glaube, das ist auch nicht das Problem. Man kann natürlich Dinge übernehmen, aber man muss es auch kennzeichnen. Das wurde jetzt im Nachhinein für die neue Auflage gemacht, die sich vermutlich nach all dem Rummel ziemlich gut verkaufen wird.

#10 bogarnil limdal

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Geschrieben: 06. Mai 2010, 15:09

hegemann hat sich in dieser sache nun in der online-ausgabe der zeit selbst zu wort gemeldet.

#11 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 08. Mai 2010, 18:07

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 06. Mai 2010, 15:09:

hegemann hat sich in dieser sache nun in der online-ausgabe der zeit selbst zu wort gemeldet.

ok, ich muss zugeben, ich habe nicht den ganzen brief gelesen. es hat jedoch gereicht um einen eindruck zu bekommen: eine abrechnung mit jedem bösen kritiker, der mal mehr, mal weniger sachlich in irgendeiner form öffentlich über die dame geurteilt hat. ich kann ihren unmut sogar nachvollziehen, da einige kommentare wirklich unter der gürtellinie oder einfach nur unnötig, da nichts zur sache beitragend, waren. alles in allem erscheint mir die hegemann-affäre kein glanzvoller abschnitt des deutschen feuilletons zu sein. andererseits hat helene hegemann die kritik an ihrem plagiat sehr wohl verdient und kann sich nicht hinter dem vorwurf einer unseriösen berichterstattung verstecken. naja, hoffen wir einfach, dass dieser brief nun das ende dieser ganzen unrühmlichen geschichte darstellt und der fall helene hegemann nicht sobald wieder aufgerollt wird.

#12 bogarnil limdal

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Geschrieben: 08. Mai 2010, 23:35

Beitrag anzeigenAn Chiardhuibh schrieb am 08. Mai 2010, 18:07:

alles in allem erscheint mir die hegemann-affäre kein glanzvoller abschnitt des deutschen feuilletons zu sein.
das ist wohl wahr. wobei in meinen augen nach wie vor das herumgedruckse über intertextualität und ähnliches seitens der feuilletonisten da die größte hypothek darstellen.





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