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Die Herkunft unserer Volksvertreter


3 Antworten zu diesem Thema

#1 Zilpzalp

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Geschrieben: 08. März 2010, 18:21

In der artour-Sendung vom 4.3.2010 wurde über eine interessante Tatsache geredet.
Nachlesen kann man das unter:
www.mdr.de/artour/7133810.html

Ich frage mich nun,wie es dazu kommen konnte.
Liest man das,muß man sich auch nicht wundern,wenn Politik immer häufiger an der Mehrheit vorbei gemacht wird,bzw.nur noch für bestimmte Klientel.
Was meint ihr dazu?

Bearbeitet von An Chiardhuibh, 10. März 2010, 11:25,
Link repariert


#2 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 08. März 2010, 19:33

Also, wenn ich das richtig verstehe, hat ein Soziologe in einer Studie festgestellt, dass sich der überwiegende Teil der deutschen Politiker aus Bürgertum und Großbürgertum rekrutiert und nur zu einem Drittel aus der Mittelschicht. Das klingt auf den ersten Blick ungerecht, aber ohne genauere Informationen, kann man mit dieser Feststellung allein nicht viel anfangen. Es könnte bedeuten, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht die gleichen Chancen hat in bestimmte Positionen zu gelangen, weil der Zugang zur Bildung ungerecht verteilt ist. Es könnte auch bedeuten, dass die Politik weniger attraktiv erscheint. Ich habe zumindest den Eindruck, dass es nicht schwierig ist in die Politik einzusteigen. Wie schnell man innerhalb einer Partei aufsteigt, kann ich nicht beurteilen. Es erscheint mir aber logisch, dass es bei einer Partei wie der FDP, die eine relativ kleine Basis hat, recht schnell gehen kann. Wenn dann ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung beschließt FDP zu wählen, dann ist eine Tendenz zur Klientelpolitik wenig überraschend, aber noch kein Zeichen dafür, dass nur noch die Reichen regieren.
Die Schlussfolgerung, die Professor Hartmann im Interview zieht, finde ich deshalb problematisch:

Zitat

Diese Volksvertreter machen "ihre" Politik und das ist eine Minderheitenpolitik (mdr, artour)


Das hieße ja, dass Politiker grundsätzlich Klientelpolitik betrieben und dann auch noch ihrer Herkunft entsprechend.
Ich konnte die entsprechende Studie leider nicht finden, mich würde es aber sehr interessieren, wie sich die soziale Herkunft genau auf die Politik auswirken soll und zwar in allen Parteien.

#3 bogarnil limdal

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Geschrieben: 09. März 2010, 00:17

es gibt eigentlich zwei phänomene, die schon länger bekannt sind und hartmann zum teil stützen: das erste ist die netzwerkbildung in der politik, die vor allem entlang der parteizugehörigkeit geschieht. salop handelt es sich hierbei um lobbyismus, wobei bestimmte parteien mit bestimmten interessengruppen vernetzt sind. die fdp traditionell mit den ärzten, die spd traditionell mit den gewerkschaften, die union traditionell mit den bauern usw. aber gerade die bauern sind auch ein beispiel für vernetzung über die parteigrenze hinaus. die agrarlobby ist extrem erfolgreich, was das angeht. solche netzwerke sind natürlich auch personeller natur. d.h. ein landwirt mit abgeordnetenmandat ist bevorzugt ansprechpartner der lobby.

das zweite phänomen heißt politikverflechtung. gemeint ist die situation, die eintritt, wenn politische institutionen über belange entscheiden müssen, die auswirkungen auf ihren eigenen status haben. hier besteht immer die gefahr, daß politiker "ihre" politik machen. ABER: das ist dann keine politik für die soziale schicht, aus der man stammt, sondern politik für die berufsgruppe, der man nun angehört. ein beispiel ist der wechsel der hauptstadt von bonn nach berlin. statt den ganzen regierungs- und parlamentsapparat umzuziehen, wurden suboptimale übergangs- und ausnahmeregelungen getroffen.

unterm strich bleibt festzustellen, daß es mit sicherheit eine elitenbildung auch in der politik gibt. aber ich persönlich würde eher bezweifeln, daß die soziale herkunft über die rekrutierung hinaus wirklich eine große rolle in der ausgestaltung der politik spielt. hier stehen einzelne interessen viel zu stark im vordergrund. zwar gibt es das phänomen des karrierepolitikers, der im gegensatz zum idealisten möglichst ohne anzuecken nach oben strebt und dies auch mit erfolg. solche typen sind aber darauf angewiesen von nische zu nische zu springen und kommen nie ganz oben an. außerdem sind diese strategischen karrieristen eigentlich viel stärker an die parteilinie gebunden als ihre idealistischen kollegen. die partei als ganzes kommt (zumindest in der kurzzusammenfassung des konzeptes) bei hartmann anscheinend nicht vor, obwohl sie weitaus mehr ist, als eine schicksalsgemeinschaft bestimmter vernetzter politiker. die partei hat nicht nur ein programm, sondern auch ein institutionelles eigeninteresse.

was ich nebenbei interessant finde, ist die aufteilung der schichten. bürgertum und großbürgertum klingt schon fast marxistisch. wie hartmann die zusammensetzung konkret staffelt und begründet, würde mich durchaus brennend interessieren.

#4 Rabenfutter

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Geschrieben: 09. März 2010, 15:11

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 09. März 2010, 00:17:

es gibt eigentlich zwei phänomene, die schon länger bekannt sind und hartmann zum teil stützen: das erste ist die netzwerkbildung in der politik, die vor allem entlang der parteizugehörigkeit geschieht. salop handelt es sich hierbei um lobbyismus, wobei bestimmte parteien mit bestimmten interessengruppen vernetzt sind. die fdp traditionell mit den ärzten, [...]

Den Arztpunkt baue ich gern aus, auch historisch.
Prinzipiell ist die These statistisch untermauert, die FDP stimmt sich auf viele Ärzte ein und die Ärzte stellen der FDP viele Stimmen. Vor 70 Jahren - man lese z.B. "Professor Mamlock" (ja, sozialistische Literatur) - gab es eine massive Bündelung politischer Ärzte schon einmal. Angeblich (so sagen heute politische Epidemiologen) war die Gruppe der Ärzte am dichtesten mit NSDAP-Mitgliedern durchseucht. Bei Lehrern beispielsweise lag der Anteil nur bei 20 %, wohingegen er bei Ärzten nach heutiger Quellensituation etwa die Hälfte aller Ständevertreter ausmachte. Die Nähe zum hochbürgerlichen Kreis, zum rechten Flügel und zum promonarchistischen Sektor ist also nach wie vor gegeben. Übrigens steigt die FDPisierung der Ärzte vermutlich mit dem Beschäftigungslevel (Assistenzarzt - Chefarzt) und der Ärztedichte in der Familie.





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