Wie töte ich einen Maulwurf
#1 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 11. März 2010, 17:29
… zeigt mir mein Internet-Explorer in letzter Zeit als den am häufigsten von mir verwendeten Suchbegriff an, und das kommt so.
Dieses Jahr übernahm ich zusammen mit meinem Bruder Aki, einem Urgestein der Connewitzer Szene, das alte Wochenendgrundstück unserer Familie im Muldentalkreis. Eine ehemalige Biberfarm mitten im Wald, völlig verwildert und heruntergekommen, weil gleich nach der Wende nebenan ein Steinbruch eröffnete und die Sprengungen und der Staub unsere Großfamilie vertrieb. Zwanzig Jahre Dornröschenschlaf - und jetzt gehört es uns. Verwildert, zugewuchert, halbverfallen, aber hey, acht Zimmer und ein Riesensaal, wo selbst Motörhead ihre Boxentürme dröhnen lassen könnten, und es würde den sprichwörtlichen Dachs interessieren.
Wie so ein Grundstück doch mein Leben verändert. Plötzlich tue ich Dinge, die ich früher belächelt hätte. Plötzlich kaufe ich mir voller Begeisterung Gartenzeitungen ... dabei immer vorsichtig nach rechts und links blickend, auf dass mich auch ja keiner meiner Rockerkumpels dabei erwischt.
Ein Meer aus Blüten und Düften soll es werden, dort, wo jetzt noch alles mit Gestrüpp und Unkraut zugewuchert ist. Eine Symphonie in Rot, Gelb, Grün, Blau und Lila, eine Komposition aus Rosen, Ziersträuchern, Blumenstauden, farbenfrohen Wildhecken und Bambus. Genau wie der Garten von Frau Schmidt, der 'Lesergarten des Monats Juli' aus meiner Gartenzeitung.
Also frisch ans Werk. Den knochenharten Urwaldboden aufhacken, umgraben, auf allen vieren über den Boden rutschen, mit erd verschmierten Fingern Wurzeln herausreißen, schubkarrenweise das gerodete Unkraut wegfahren, die neugeschaffene Fläche glatt rechen und verdichten.
Glücklicherweise wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich hätte es sonst vermutlich sein gelassen, und überall herumerzählt, dass ich gerade die Wildnis meines Grundstücks so reizvoll finde. Aufgrund des unerwartet hohen Arbeitsumfangs bekommt meine Motivation nämlich schon nach diesen vier Tagen einen ersten Knacks, und ich beschließe, einen Gang zurückzuschalten. Krisenzeiten rufen nach Bescheidenheit, und schöne Pflanzen sind nun einmal unglaublich teuer. Ich kaufe einen Beutel Rasensamen und streue ihn aus.
Drei Wochen später steht eine dichte, lindgrüne Rasenfläche.
Vier Wochen später zieht der Maulwurf ein.
Das war vor drei Monaten.
Seitdem kann ich nicht mehr ruhig schlafen.
Seitdem trage ich Mord im Herzen.
Nach einer Woche sind es schon 15 hässliche fette schwarze Haufen, die wie kleine Termitenhügel durch den frisch gesäten Rasen stoßen. Ich öffne die Maulwurfsgänge und setze Röhrenfallen ein. Eine Woche später sind es dreißig Maulwurfshügel. Jetzt wird in Technik investiert. Ein batteriebetriebener Stab, der Vibrationen und Schallwellen absondert, wird von mir eingegraben.
Eine Woche später komme ich voll freudiger Erwartung auf mein Grundstück, und es erwarten mich 50 Maulwurfshügel.
Verdammtes kleines, pelziges Arschloch! Glaube ja nicht, wen du vor dir hast!
Ich stecke 20 leere Bierflaschen mit dem Flaschenboden nach unten in die freigeschaufelten Öffnungen der Maulwurfsgänge. Das vom Wind erzeugte Pfeifen und Heulen wird Grabowski sicher den Spaß daran verderben, meinen Garten weiter zu unterminieren.
Am nächsten Wochenende sind es 70 Maulwurfshügel, und ich bin den Tränen nahe. Was soll ich nur tun, um diesen Krieg zu gewinnen? Ich kämpfe ja wirklich unermüdlich für die Rettung des Regenwalds, aber soviel Krombacher vertrage nicht einmal ich, um mit dieser exorbitanten Buddeltätigkeit Schritt halten zu können. Und wie soll denn das aussehen, wenn hier hundert Bierflaschen im Boden stecken und im Sturm laut vor sich hin pfeifen?!? Wo soll denn da noch Platz für all die Farbenfreude und Düfte sein?!? Soll ich meine Blümchen etwa als Schnittblumen in die offenen Flaschenhälse stecken?!? Das ist doch unmöglich! Kein Lesergarten des Monats sieht so aus!!
Ich vergrabe meine beiden uralten Computerboxen in einen Maulwurfshügel, schließe meinen MP3-Player an und beschalle die fiese miese Unterwelt mit richtig bösem Dachschaden-Metal. Mit all dem kranken Scheiß, den ich mir aus Stahlins Festplatten-Ordner 'Brutal Death Metal' rauskopieren durfte.
Den ganzen Tag dröhnt ein Krach durch den Wald, als würde ein Schlagzeuger mit seinem Kitt eine Kellertreppe herunterfallen, als würde der Sänger bis zur Brust in einem Topf mit siedenden Öl stecken und sich dabei die Kehle aus dem Leib schreien, als würde der Gitarrist seine auf C herunter gestimmte tiefe E-Saite mit einer groben Raspelfeile bearbeiten.
Als prompte Antwort finde ich das darauffolgende Wochenende noch mehr Hügel vor, und begrabe endgültig jede Hoffnung, dass dieser Konflikt durch bloßes vergrämen zu beenden ist. Mit einer Pflanzschaufel grabe ich alle Eingänge sauber frei und eile mit beiden großen Gießkannen zu unserem künstlich angelegten Regenwasserteich, der einzigen Wasserquelle auf dem Grundstück. Schluss mit Lustig. Schluss mit Larifari. Schluss mit Wischiwaschi. Grabowski wird ersäuft, basta!
Hin und her hetze ich, hundertmal, einhundertfünfzig Mal, jedes Loch wird einzeln befüllt.
Am Abend ist der Teich, unsere einzige, dringend benötigte Wasserstelle, so gut wie leer, der Rasen eine löchrige Sumpflandschaft, ich müde und abgehetzt ... aber auch befriedigt. Grabowski ist Geschichte! In Regenwasser ertränkte Geschichte!
Eine Woche später gibt es unzählige neue Hügel, die wie kleine Minarette aus dem Boden ragen, den Gebiets- und Machtanspruch der Parallelgesellschaft unter mir demonstrierend.
Gruselig. Grabowskis Frau rennt bestimmt mit Burka durch die Gänge und hat immer noch kein Wort Deutsch gelernt.
Zutiefst verbittert knalle ich meine Gartengeräte in den Schuppen, steige unverrichteter Dinge in mein Auto, fahre nach Hause. In mir nichts als Verzweiflung und das Gefühl innerer Leere. So viele wichtige Dinge, um die ich mich kümmern müsste! Und mein Baby will hochgenommen und bespaßt werden, aber alles woran ich denken kann ist: MaulwurfMaulwurfMaulwurf!
Nein, ich kann kein guter Papa sein, wenn ich Mord im Herzen trage!
Nach einer durchgrübelten Nacht kommt mir die Erleuchtung. Mein Bruder Aki hat doch eine potenzielle Wunderwaffe in petto. Eine Apparatur, die ich ihm für sein Titanick-Theater geschweißt habe, eine umgebaute Propangasflasche, in der mit einem Kompressor Luft auf 20 Atmosphären verdichtet wird, um dann schlagartig einen gewaltigen Luftstoß freizusetzen. Gebaut, um mit ungeheurem Druck Wasserfontainen oder Feuersäulen in die Höhe zu schießen. Ich mach mir ein Bier auf, setze mich auf meine Couch, schließe die Augen und träume.
Es wird sein wie bei 'The Day after', exakt genauso wie in der Sequenz, in der die Amerikaner zum atomaren Gegenschlag ausholen. Wo in der einen Sekunde noch die Menschen am Rande eines kleinen Örtchens stehen, entlang einer Straße, sich fröhlich unterhaltend, Autos tuckern vorbei, Kinder spielen, die Illusion von Ruhe und Friedlichkeit ... und plötzlich zoomt die Kamera zurück, man erkennt die karge Prärie-Landschaft des mittleren Westens, sieht die sich unter dem Schrillen der Alarmglocken öffnenden Raketensilos, hört das donnern der zündenden Triebwerke, sieht dutzende Atomraketen mit einem Feuerschweif gen Himmel steigen, das Ende der Welt verkündend.
Genauso wird es laufen. Ich werde Grabowski unter lautem Getöse aus seinem Tunnelsystem schießen, direkt nach Russland, wie sich das gehört. Ich werde im Geräteschuppen meinen Gefechtsstand aufbauen, meine Leitzentrale, und wenn ich den Kippschalter drücke, öffnen sich die schweren stählernen Deckel der Maulwurfshügel und auf Knopfdruck schießen zwanzig Bierflaschen, ein fieser mieser Maulwurf samt Gemahlin und zwei Computerboxen mit einem riesigen Feuerschweif aus den Löchern und verschwinden auf Nimmerwiedersehen durch die Wolken. Nur der Vorhang aus senkrechten Kondensstreifen wird noch von dem Spuk künden, bevor auch er vom Wind zerfasert und in alle Himmelsrichtungen davongetragen wird.
Yippie-ya-yeah, Schweinebacke!
Doch, oh je, die Wunderwaffe ist mit dem Titanick-Theater auf Tour, jetzt kann mir nur noch Google weiterhelfen.
"Wie töte ich einen Maulwurf?"
Ein klick auf 'Enter' und schon finde ich mich in den tiefsten Abgründen des Internet wieder. Ich bin in den untersten Kellergeschossen des World Wide Web, in den Katakomben, wo es nach Moder riecht, das Wasser von der Decke tropft, Salpeterflecken auf dem bröckelnden Putz erscheinen.
Ich bin in der digitalen Unterwelt, wo Leute wie Armin Meiwes auf der Suche nach einem frisch gebrühten Kaffee und einem Berliner durch die Gänge schlurfen. Wo der faschistische Holocaustleugner mit dem militanten Islamisten heimlich ein Crackpfeifchen raucht. Wo der Sexjunkie nach jungem Fleisch giert und dabei vor lauter Geilheit gegen seinen Laptop-Monitor spritzt ... ich bin dort, wo sich der digitale Bodensatz trifft.
Nach einer Stunde schon ergreife ich die Flucht. Wahrscheinlich muss man in militanten Maulwurfshasserkreisen sowieso erst Fotos von getöteten, grausam verstümmelten Maulwürfen uploaden, um in den geschlossenen Chatrooms mitdiskutieren zu dürfen. Danke nein, ich will meinen Maulwurf töten dürfen, ohne dafür pervers werden zu müssen!
Letzte Ausfahrt CO2. Ich borge mir von Arbeit einen kleinen Stickstoffverteiler mit acht Abgängen, bastele mir einen Adapter, der den Verteiler mit dem Auspuff meines Autos verbindet, schneide mir acht Schläuche zurecht, führe sie in die Maulwurfslöcher ein und lasse mein Auto bei 1000 Umdrehungen vor sich hintuckern. Durch die Kühle des Morgens sehe ich schon nach einer Minute das dampfen der heißen Abgase aus dem Boden aufsteigen.
Ich stelle mir vor, wie es jetzt wohl in der Unterwelt aussieht. Wie die giftigen Schwaden durch die Tunnel wabern. Wie Grabowski röchelnd nach Luft schnappt, sich mit schlimmen Krämpfen auf dem Boden wälzt.
Ich stoppe den Motor. Ich kann es einfach nicht. Es ist zum heulen. Seit drei Monaten träume ich jede Nacht davon, Grabowski zusammen mit einer kleinen Zwiebel und drei Eiern in die Pfanne zu hauen und alles gut miteinander zu verrühren. Ihm ein paar Handschuhe aus Beton an seinen riesigen Schaufeln zu verpassen und im See hinter meinem Haus zu versenken. Oder ihn mit Hilfe eines schweren Golfschlägers 300 Meter durch die Luft segeln zu lassen. Fuck yeah ... dreimal konzentriert vor und zurück schwingen und Mauli dann Richtung Green segeln lassen. Welchem Golfspieler vor mir ist es denn schon jemals gelungen, mit einem Maulwurf einen Birdie zu schlagen, oder vielleicht gar einen Eagle?!?
Eben ...
Und jetzt, wo ich ihn endlich da habe, wo ich ihn schon lange haben wollte, wo ich ihn mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger so richtig an seinen Winzeiern gepackt halte, kann ich ihn einfach nicht töten.
Missmutig betrachte ich meinen Garten.
Kein Meer aus Blüten und Düften. Keine Symphonie in Rot, Gelb, Grün, Blau und Lila.
Keine Komposition aus Rosen, Ziersträuchern, Blumenstauden, farbenfrohen Wildhecken und Bambus.
Stattdessen ein brauner zermatschter Rasen mit Reifenspuren. Durch die Unterspülung abgesackt. Gespickt mit Bierflaschen, voller offener Löcher und Maulwurfshügel, in denen Schläuche stecken.
Deprimiert klettere ich auf meinen Lieblingsplatz, den kleinen Hügel, auf dem ich abends gern sitze, um den Sonnenuntergang zu bestaunen und die vorbeiziehenden Rehe mit Steinen zu bewerfen. Ich muss jetzt realistisch bleiben. Den 'Lesergarten des Monats' kann ich mir wohl abschminken.
#2
Geschrieben: 14. März 2010, 18:11
6 Monate später ist es immer noch Wildnis, allerdings eine plane.
Ich weiß, wovon Du redest. Spätestens wenn man die Wassergartenbücher nicht mehr vor dem Besuch versteckt, ist das Leben vorbei.
Trotzdem so als Trost. Wenn Du einen Maulwurf im Garten hast, wird kein Schädling die Wurzeln Deiner Blumenpracht auffressen. Zumindest z w i s c h e n den Hügeln wird es gedeihen. ;-)
#3
Geschrieben: 15. März 2010, 12:54
Blöderweise hätte der Maulwurf alleine keinen Lesergarten des Monats so zu Klump buddeln können... Aber vielleicht ist ja gerade die Wildnis deines Grundstücks so reizvoll...
Schon mal mit nem Hund versucht? Die Maulwürfe in unserem Garten hatten jedenfalls Angst vor dem bösen Killer-Shizu.
#4
Geschrieben: 15. März 2010, 16:50
Fanal schrieb am 11. März 2010, 17:29:
JAJAJAJA! Genau so! Genau so soll er sein!
Die Realität kann man aber leider nicht ausbuhen... *heul*
Bearbeitet von Tara, 15. März 2010, 16:51,
#5 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 15. März 2010, 22:28
Ach Tara, SiWaTeu, dass wird schon mit dem Garten ... rede ich mir auch immer wieder ein. Gut Ding will Weile haben. Wir können ja einen Wettstreit ins Leben rufen, 'mein schöner Garten'
Na Libbie, dann bring doch mal deinen Hund raus, soll er mal zeigen, was er auf dem Kasten hat *100 sausages reward*
#8 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 17. März 2010, 19:44
Libera schrieb am 16. März 2010, 18:27:
Übrigens: Die Natur ist IMMER schön.
Oh Libby, bittebittebitte, können wir dich und dein Minimonster mal auf unser Grundstück zum Essen einladen, meine Frau kennst du ja schließlich ...
Wir machen für dich die feinsten Steaks der Welt und Minimonster geht zur Selbstbedienung ans Maulwurfsbuffett ... bittebittebitte
#10 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 18. März 2010, 18:37
Rennie schrieb am 18. März 2010, 09:03:
Libbies Minimo kriegt auch die klein.
Libbie, noch nie bin ich vor einer Frau so auf die Knie gegangen, wie ich vor dir auf die Knie gehe, und noch nie habe ich einer Frau diese drei Worte beschwörender und eindringlicher ins Gesicht gerufen: ICH BRAUCHE DICH
#12 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 19. März 2010, 17:56
Rennie schrieb am 18. März 2010, 20:53:
Un Gottes Willen, Rennie, ich würde nie die Klugheit einer Frau unterschätzen. Der Trick ist, so charmant zu sein, dass sie darüber hinwegsieht, dass du nur heuchelst
#14
Geschrieben: 02. April 2010, 01:47
Unser Hund isst Tofu. Freiwillig. Echt wahr.
Ich glaube, als Killer ist der jetzt mal absolut disqualifiziert.
Aber vielleicht ist tofuselige Befriedung hier nicht nur der ethische, sondern auch der sinnvollere Weg. Lerne den Verbrecher zu lieben!
#15 Gast_Fanal_*
Geschrieben: 02. April 2010, 09:35
Libera schrieb am 02. April 2010, 01:47:
Unser Hund isst Tofu. Freiwillig. Echt wahr.
Ich glaube, als Killer ist der jetzt mal absolut disqualifiziert.
Aber vielleicht ist tofuselige Befriedung hier nicht nur der ethische, sondern auch der sinnvollere Weg. Lerne den Verbrecher zu lieben!
Ach, DIESE Sorte Frau bist du also ...
Ich glaube, der kleine Stinker ist einfach erfroren. Ich war letzten Sonntag das erste Mal in Altenhain und konnte nicht einen neuen Hügel entdecken ...
Mal sehen, wie es jetzt aussieht, wenn ich mit Antje und Commander Knopfauge gleich rausfahre.
Sag deinem veganischen Minimo, dass er voll die Enttäuschung ist.
Ach, und An, die Gitarre ist bei mir erstmal in der Ecke verschwunden ... keine Zeit ...
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