
Regisseur Daniel Günter Schwarz bei der Arbeit
Man gab mir eine dieser kleinen Kameras, mit denen für gewöhnlich die Meilensteine der kindlichen Entwicklung dokumentiert werden, und da stand ich nun. Meine Aufgabe war vergleichsweise einfach formuliert: Bei der Band bleiben. Alles Interessante filmen. Nicht so oft zoomen, sonst wackelts. Jedoch, der Teufel steckt im Detail und so taten sich schnell mehrere potentielle Problemfelder auf: Wie bei der Band bleiben, wenn die Mitglieder alle Nase lang mal hier, mal dorthin auseinander streben? Elementarer noch gestaltete sich die Frage nach dem was als interessant gelten könnte. Und warum um Himmels willen haben diese Kameras eigentlich einen Megasuperzoom, wenn Bilder, die man damit macht, wackeln, als filmte man die letzten Minuten auf der Titanic? Mir wurde schnell bewusst, dass die Filmerei eine anspruchsvolle Tätigkeit ist und Menschen, die sich damit ihre Tage und vor allem Nächte vertreiben, nicht genug Hochachtung erfahren können. Glücklicherweise lastete nicht die gesamte Verantwortung des Dokumentierens auf meinen unerfahrenen Passiv-Filmschau-Schultern. Eine Making-Of-Kollegin erhielt ebenfalls eine Minikamera und gemeinsam dokumentierten wir. Ich hatte noch immer nicht herausgefunden wer nun eigentlich der Regisseur war, als mir zum ersten mal etwas wirklich interessant und folglich filmenswert erschien (bei den Toastschnitten in der Küche war ich zuvor noch etwas unschlüssig gewesen). Zur lückenlosen Dokumentation waren nicht nur Menschen, die sich das Zoomen mit Handkameras verkneifen können, gefragt, sondern auch ein Fotograf, der sich bereit erklärt hatte, neben der Bebilderung des Drumherums und des Drehs an sich auch einige neue Promofotos für die Band zu machen. Diese Art Bilder können natürlich nicht überall gemacht werden, es bedarf schon eines Fünkchens Originalität in der Wahl des Hintergrundes. In logischer Konsequenz landeten wir also auf dem Dach. Spuren deuteten darauf hin, dass sich eben jenes Dach neben dem Fotografieren von Bands auch gut für laue Silvesterabende eignet, aber diese Information ist sicherlich nur relevant für Menschen, die zu ihren Freunden Plagwitzer Dachbesitzer zählen können. Unter uns breiteten sich die Industriebauten Plagwitz aus, über uns wurde es zunehmend dunkler.

Unloved über den Dächern Leipzigs
Der Außendreh beinhaltete auch eine Kamerafahrt über das geöffnete Fenster in den Proberaum im ersten Stock des Hauses, wo der überwiegende Teil der Band (Gitarrist MR war kurzerhand zum Autofahren abkommandiert worden) auf das Zeichen zum Einschalten des Songs und simultan Losmusizieren warteten. Shya hatte zuvor Steh-, Lauf und Guckanweisungen bekommen, die sie nun unzählige male nacheinander abspulte. Ich versuchte mir ebenfalls alles einzuprägen, ein beherztes „In die andere Richtung schauen!“ hätte ich mir durchaus zugetraut, doch ich gab mich angesichts des Merkaufwandes rasch geschlagen. Ich filmte also tapfer weiter, obwohl mir langsam der Arm schwer wurde und das Wackelproblem jederzeit auch ohne fatales Zoomgelüst aufzutreten drohte. Kurz bevor dies jedoch passieren konnte, tauchte Daniel Günter Schwarz (den ich mittlerweile mit an Bestimmtheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Regisseur und Verursacher des nächtlichen Wachbleibens identifiziert hatte) auf und verkündete, dass man nun mit dem Dreh der Innenszene beginnen könne. Es sollte vielleicht der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass er dafür nicht von einem Megaphon Gebrauch machte. Auch trinkt er wohl lieber Energydrinks, statt Kaffee, aber das nur am Rande. Ein Fahrgestell namens Dolly (allerdings nur entfernt bis gar nicht an ein Schaf erinnernd) wurde herein geschoben, die Kamera darauf geschraubt und nun konnten wir endlich auch den Rest des Liedes hören. Nicht nur ein oder zweimal, ich wage sogar zu sagen: möglich, dass ich den Song „Saviour“ mehr als 20 mal an diesem Abend anhörte. Denn nachdem Shya ein Dutzend mal den Raum instruktionsgemäß durchschritten hatte, wurden die restlichen Bandmitglieder in Nahaufnahme gefilmt. Ich lernte eine wichtige Lektion: Die Anwesenheit bei Filmdrehs erfordert Geduld und eine gute Koffeinresorptionsrate. Ich verfüge maximal über eines von beiden. Da ich jedoch nicht, wie meine Kollegin,auch noch zusätzlich die Nebelmaschine bedienen musste (meine späte Ankunft hatte wirklich einige Vorteile), entschied ich mich dafür, zufrieden zu sein und konzentrierte mich darauf, die Müdigkeit in den Gesichtern meiner Mitstreiter festzuhalten.

Shya singt "Saviour"
» zu meinem Blog
Fotos von phriedrich





Dieses Thema ist geschlossen
Top









