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#1 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 02. Juni 2010, 09:46

Ich gebe zu: normalerweise bin ich eher der passive Filmtyp, will heißen: ich sitze zu Hause auf der Couch oder versunken in einen Kinosessel und schaue mir Filme an. Wie es auf Film-Sets aussieht, weiß ich natürlich trotzdem, schließlich habe ich Notting Hill gesehen. Im Zentrum aller geschäftigen Filmerei steht der Klappstuhl des Regisseurs, dessen Rückenlehne ein berühmter Name ziert und auf dessen Sitzfläche der Träger des Namens und Inhaber des Stuhls fläzt und etwas in ein Megaphon brüllt. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um: „Man bringe mir einen Kaffee!“ Kameras werden hin und her gerollt, Menschen mit Kopfhörern und Pferdeschwanz tummeln sich dazwischen und diese schwarzen „Action“-Klappen, die sicherlich einen vollkommen sinnvollen Namen besitzen, klappern geschwätzig vor sich hin.

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Regisseur Daniel Günter Schwarz bei der Arbeit
Alles in allem also gut vorbereitet, durchschritt ich an einem Sonntagabend Tor, Tür und Treppenhaus zu meiner ersten realweltlichen Dreherfahrung. Anlass sollte der Dreh einer Szene für den Film 7x7x7 des Regisseurs Daniel Günter Schwarz in einem zum Proberaum umgebauten Plagwitzer Atelier sein. Der Song „Saviour“ der Band Unloved war für die Leipziger Episode des in insgesamt sieben ostdeutschen Städten handelnden Films auserkoren worden und sollte nun von den Musikern interpretiert und auf Band gebannt werden. Eine kurze Szene, in der die Kamera von einem fahrenden Auto von der Straße durch das offene Fenster in den Raum schwenkt um dort Shya, MR, Clemens, Tschacke, Christin und Benni in ihre Musik versunken zu filmen. Kein großes Ding, denkt der Laie und irrt gewaltig. Um die Aufbauarbeiten, die den halben Tag in Anspruch nahmen, konnte ich mich erfolgreich drücken. Stattdessen hackte ich daheim Paprika für den Nudelsalat und verpackte sorgfältig die Kaffeemaschine(ohne die, es sei vorweggenommen, das ganze Unternehmen sicherlich gescheitert wäre), denn eine lange Nacht stand bevor.

Man gab mir eine dieser kleinen Kameras, mit denen für gewöhnlich die Meilensteine der kindlichen Entwicklung dokumentiert werden, und da stand ich nun. Meine Aufgabe war vergleichsweise einfach formuliert: Bei der Band bleiben. Alles Interessante filmen. Nicht so oft zoomen, sonst wackelts. Jedoch, der Teufel steckt im Detail und so taten sich schnell mehrere potentielle Problemfelder auf: Wie bei der Band bleiben, wenn die Mitglieder alle Nase lang mal hier, mal dorthin auseinander streben? Elementarer noch gestaltete sich die Frage nach dem was als interessant gelten könnte. Und warum um Himmels willen haben diese Kameras eigentlich einen Megasuperzoom, wenn Bilder, die man damit macht, wackeln, als filmte man die letzten Minuten auf der Titanic? Mir wurde schnell bewusst, dass die Filmerei eine anspruchsvolle Tätigkeit ist und Menschen, die sich damit ihre Tage und vor allem Nächte vertreiben, nicht genug Hochachtung erfahren können. Glücklicherweise lastete nicht die gesamte Verantwortung des Dokumentierens auf meinen unerfahrenen Passiv-Filmschau-Schultern. Eine Making-Of-Kollegin erhielt ebenfalls eine Minikamera und gemeinsam dokumentierten wir. Ich hatte noch immer nicht herausgefunden wer nun eigentlich der Regisseur war, als mir zum ersten mal etwas wirklich interessant und folglich filmenswert erschien (bei den Toastschnitten in der Küche war ich zuvor noch etwas unschlüssig gewesen). Zur lückenlosen Dokumentation waren nicht nur Menschen, die sich das Zoomen mit Handkameras verkneifen können, gefragt, sondern auch ein Fotograf, der sich bereit erklärt hatte, neben der Bebilderung des Drumherums und des Drehs an sich auch einige neue Promofotos für die Band zu machen. Diese Art Bilder können natürlich nicht überall gemacht werden, es bedarf schon eines Fünkchens Originalität in der Wahl des Hintergrundes. In logischer Konsequenz landeten wir also auf dem Dach. Spuren deuteten darauf hin, dass sich eben jenes Dach neben dem Fotografieren von Bands auch gut für laue Silvesterabende eignet, aber diese Information ist sicherlich nur relevant für Menschen, die zu ihren Freunden Plagwitzer Dachbesitzer zählen können. Unter uns breiteten sich die Industriebauten Plagwitz aus, über uns wurde es zunehmend dunkler.

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Unloved über den Dächern Leipzigs
Die Filmcrew bereitete sich auf den Dreh der Außenszenen vor. Dafür wurden überall auf den Dächern um das Gebäude Scheinwerfer aufgestellt: große, schwere Lichter, die sicherlich mehr als eine Gehirnerschütterung verursachten, fielen sie jemandem auf den Kopf. Während es draußen also reichlich zu tun gab und Nieselregen die Freude an der frischen Luft eindeutig minderte, begannen drinnen die konkreten Vorbereitungen für den Innendreh. Ich filmte ein wenig das Set, die Instrumente, die Küche und den DDR-Charme versprühenden Mädchenwaschraum mit den orangefarbenen Plastik-Kloschüsseln, die mich an meine Schulzeit erinnerten. Die Toilette wurde dann auch kurzerhand zur Maske umfunktioniert (woraufhin an diskretes Pullern natürlich nicht mehr zu denken war). Nacheinander wurden dort die Bandmitglieder auf ihren Auftritt vorbereitet: weißer Puder (besonders in Gothic-Kreisen beliebt) bedeckte alsbald die trotz der vorgerückten Stunde allzu rosigen Gesichter.

Der Außendreh beinhaltete auch eine Kamerafahrt über das geöffnete Fenster in den Proberaum im ersten Stock des Hauses, wo der überwiegende Teil der Band (Gitarrist MR war kurzerhand zum Autofahren abkommandiert worden) auf das Zeichen zum Einschalten des Songs und simultan Losmusizieren warteten. Shya hatte zuvor Steh-, Lauf und Guckanweisungen bekommen, die sie nun unzählige male nacheinander abspulte. Ich versuchte mir ebenfalls alles einzuprägen, ein beherztes „In die andere Richtung schauen!“ hätte ich mir durchaus zugetraut, doch ich gab mich angesichts des Merkaufwandes rasch geschlagen. Ich filmte also tapfer weiter, obwohl mir langsam der Arm schwer wurde und das Wackelproblem jederzeit auch ohne fatales Zoomgelüst aufzutreten drohte. Kurz bevor dies jedoch passieren konnte, tauchte Daniel Günter Schwarz (den ich mittlerweile mit an Bestimmtheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Regisseur und Verursacher des nächtlichen Wachbleibens identifiziert hatte) auf und verkündete, dass man nun mit dem Dreh der Innenszene beginnen könne. Es sollte vielleicht der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass er dafür nicht von einem Megaphon Gebrauch machte. Auch trinkt er wohl lieber Energydrinks, statt Kaffee, aber das nur am Rande. Ein Fahrgestell namens Dolly (allerdings nur entfernt bis gar nicht an ein Schaf erinnernd) wurde herein geschoben, die Kamera darauf geschraubt und nun konnten wir endlich auch den Rest des Liedes hören. Nicht nur ein oder zweimal, ich wage sogar zu sagen: möglich, dass ich den Song „Saviour“ mehr als 20 mal an diesem Abend anhörte. Denn nachdem Shya ein Dutzend mal den Raum instruktionsgemäß durchschritten hatte, wurden die restlichen Bandmitglieder in Nahaufnahme gefilmt. Ich lernte eine wichtige Lektion: Die Anwesenheit bei Filmdrehs erfordert Geduld und eine gute Koffeinresorptionsrate. Ich verfüge maximal über eines von beiden. Da ich jedoch nicht, wie meine Kollegin,auch noch zusätzlich die Nebelmaschine bedienen musste (meine späte Ankunft hatte wirklich einige Vorteile), entschied ich mich dafür, zufrieden zu sein und konzentrierte mich darauf, die Müdigkeit in den Gesichtern meiner Mitstreiter festzuhalten.

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Shya singt "Saviour"
Irgendwann, es mag gegen fünf Uhr früh gewesen sein, erreichte das Wort „Drehschluss“ mein Ohr. Einige Zeit später begriff ich auch seine Bedeutung und sah mich um. Die Szenerie erinnerte an einen Zombiefilm: fahle Menschen, die träge vor sich hin starrend, in Zeitlupe versuchen die Herrschaft zu erlangen. In diesem Fall: die Herrschaft über das Chaos. Equipment jeglicher Art wurde zusammengezurrt, Geschirr und Vorhänge eingepackt, der letzte Kaffee getrunken. Als es draußen begann hell zu werden und die heimische Vogelschar den neuen Morgen pries, stolperte ich mit meinen Gerätschaften durch die Leipziger Straßen, begrüßte die Brötchenholer, Baggerfahrer und Zeitungsausträger mit einem erschöpften Lächeln und ging schlafen.

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Fotos von phriedrich





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