Amoklaufberichterstattung
Sensationsgier versus Nachrichtenwert versus Prävention
#1
Geschrieben: 02. Juni 2010, 14:29
#3
Geschrieben: 02. Juni 2010, 18:14
phriedrich schrieb am 02. Juni 2010, 14:52:
Und das legitimiert das Ganze? Vielleicht aus wirtschaftlicher Sicht, nicht m.E. nach aus moralischer und verantwortlicher.
Ich weiß gar nicht bei welchem Amoklauf das war als die BILD noch die in Kampfanzug und heroischen Posen gemachten eigenen Fotos des Täters abdruckte.
Klar, jeder Trittbrettfahrer will auch so enden, Ruhm und Ehre und in der Zeitung.
Hätte man so berichtet, wie es der Realität entsprach, nämlich ein Vollidiot, der ein sich selbst gestecktes Ziel hatte, die Menschheit auszurotten und bei dem es gerade mal zum Gewehr seines Papis gereicht hatte, wäre dieser Depp sicher kein Vorbild.
Auf GMX gab es auch in letzter Zeit viele Videos, die Beinahe-Katastrophen zeigten (Mann mit Baby auf dem Arm wird von Auto angefahren...-jähriger stürzt aus 2. Stock und wird aufgefangen usw.) Unter anderem gab es eins, wo ein bus mitten inder Nacht vor einem auf der Straße sitzendem Baby gerade zum Stehen kam, das mit "schockierend" beschrieben wurde. Im Forum war zu lesen: "wieso schockierend? wurde doch nicht überfahren."..
#4
Geschrieben: 02. Juni 2010, 18:20
http://www.mdr.de/br...ten/126470.html
#5
Geschrieben: 03. Juni 2010, 14:36
Tara schrieb am 02. Juni 2010, 18:20:
(demonstratives offtopic ist in diesem beitrag stilmittel, das auf den nachrichtenwert des jüngsten amoklaufes hinweisen soll)
#6
Geschrieben: 03. Juni 2010, 21:49
aber, aber es gab doch soooooo lange keinen amoklauf mehr. und irgendwie juckt es keinen mehr, dass das öl ins meer ströhmt, der bundesheinz ist wech, der oder die neue (lena for president!) wird kommen - maximales interesse in der bevölkerung uuuuuuund ja die halbe nationalmanschaft ist krank. die bevölkerung erwartet gespannt die uptodate berichte aus alle welt.
übrigens wurden schweine- und vogelgrippe ausgerottet, aber ein neuer pandemievirus wird kommen, als überbrückung tut es da ein irrer amokläufer... und bohrinseln gibt es auch noch viiiiiiiele!
</ironiemodus>
was lernen wir daraus? ein bisschen panik ist besser als gar keine panik....
#7
Geschrieben: 07. Juni 2010, 11:23
BILD dir deine Meinung!
#8
Geschrieben: 10. Juni 2010, 19:27
emotion, emotion, emotion. was fußball kann, muss nachricht können, muss politik können, muss welt können. lesen kann vielleicht nicht jeder, aber fühlen!
neulich wurde sogar in eigentlich seriösen magazinen immer vom krebsarzt und nie vom onkologen geredet. dafür gabs aber ein trauriges leukämiekind.
#9
Geschrieben: 10. Juni 2010, 20:21
phoenix möchte ich aber tendenziell in einem punkt widersprechen: die berichterstattung mag den brot-und-spiele-effekt haben, aber sie wird (und das ist eigentlich das schlimme daran) nicht mit absicht so gestaltet, sondern wird so aus einer marktdynamik heraus. die anderen wettbewerber sind in der journalistischen krise irgendwie zu übertrumpfen, am kurzfristig effektivsten eben mit knalligen schlagzeilen und titten-tote-tränen-themen. gerade im internet hat das noch weitaus wichtigere funktionen, denn hier entscheidet nicht der kaufpreis, den der leser bei der lektüre von mumpitz schnell mal bereut, sondern der reine klick. eine schlagzeile, die suggeriert, daß die queen tot ist oder ihre möpse neulich heraushingen, greift seitenaufrufe ab, egal ob es stimmt oder nur irreführung (etwa: hunde schauten aus fenster) oder gar nur ein gerücht ohne nachrichtenwert ist, dessen verbreitung durch die berichterstattung darüber überhaupt erstmal in gang kommt. und weil sowas eben jeder anklickt, wird davon ausgegangen, daß jeder das gern liest. und auch wenn es ein ernsthaftes thema mit 90% reichweite gibt, fehlen da eben noch 10%, um das rennen gegen boulevard zu machen.
dann tritt der barbara-salesch-effekt ein. ich nenne den so, das ist also kein fachbegriff. ich könnte auch nrj-heavy-rotation-effekt dazu sagen. gemeint ist die systematische verschlechterung eines angebots durch meinungsumfragegestützte "optimierung" des konzepts. beim gerichts-reality-tv barbara salesch wurden zunächst echte fälle portraitiert. hernach hat man die folgen vor testpublikum gezeigt und die reaktionen ausgewertet. raus kam, daß die leute jene figuren besonders glaubwürdig fanden, die gängigen klischees am meisten entsprachen. also hausfrau mit schürze kam besser an als hausfrau ohne schürze. motorradfahrer mit tatoo besser als ohne, etc. dann entschied sich sat1, die fälle nur noch per drehbuch mit schauspielern zu inszenieren. ein tiefpunkt des unterhaltungsfernsehens war geboren (und wurde prompt von den anderen kopiert, siehe 90%-reichen-nicht). ebenso verfährt man bei radio nrj (und eigentlich allen anderen kommerziellen radiosendern auch). hier wird der musikgeschmack der hörer durch aufwendige marktanalyse ermittelt. im ergebnis wird dann ausschließlich die beliebteste musik bis hin zu den beliebtesten einzeltiteln gespielt. daß da eine spitze von 4% unter nem haufen 2 bis 3 prozent zu 100% aufgebauscht wird, ist ein ungelöstes problem. trotzdem wird so verfahren, bis irgendwann ein independentangebot die marktdominanz mit abwechslung durchbricht und die karten neu verteilt werden. so ist beispielsweise die r'n'b-dominanz vor vier jahren von einer (zahmen) rock-welle abgelöst worden. brittney und co, sprangen da auch mit auf, was die sache wieder nivellierte.
in einem wort: marktversagen.
#10
Geschrieben: 23. Juni 2010, 22:56
bogarnil limdal schrieb am 10. Juni 2010, 20:21:
zapp widmete sich neulich dem phänomen.
#12
Geschrieben: 29. August 2010, 11:36
#13
Geschrieben: 29. August 2010, 18:20
bogarnil limdal schrieb am 10. Juni 2010, 20:21:
bogarnil limdal schrieb am 29. August 2010, 11:36:
Der Amoklauf als Hommage an das Fernsehprogramm? Nein danke...
#14
Geschrieben: 30. August 2010, 11:49
Kerberos schrieb am 29. August 2010, 18:20:
wie meinst du das?
Zitat
ich hatte nicht im sinn, daß jemand amok läuft, weil das fernsehprogramm so schlecht ist, sondern, daß die mediale vermittlung von rollenverhalten sowohl soziale diskriminierung und ausgrenzung stärkt (wenn nämlich leute sich in ihren vorurteilen über die "asis" bestätigt sehen) als auch in den sozialisationsprozess von insbesondere jugendlichen eingreift. letzteres etwa, wenn asoziales verhalten als normalität dargestellt wird. die sendungen scheinen ja nicht gerade harmonische beziehungen zum inhalt zu haben. wenn die überfokusierung auf einen amokläufer dessen rolle attraktiv macht, dann ist es doch denkbar, daß die überfokusierung auf kriminelle, chauvinistische, asoziale rollen diese wenn nicht salonfähig, dann wenigstens als rebellischer fluchtpunkt attraktiv macht. der ganz neue werther leidet nicht, sonder pöbelt - quasi asozialität als jugendliche romantik von heute. :-)
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