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Amoklaufberichterstattung
Sensationsgier versus Nachrichtenwert versus Prävention


13 Antworten zu diesem Thema

#1 bogarnil limdal

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Geschrieben: 02. Juni 2010, 14:29

GMX macht gerade mit einer eilmeldung auf, die einen amoklauf in england behandelt. wo ist der nachrichtenwert zu diesem zeitpunkt? die tat ist gerade erst geschehen, der mutmaßliche täter noch nicht gefunden, die hintergünde völlig unklar. zwar ruft die polizei die bevölkerung auf, die häuser nicht zu verlassen, aber eben in nordengland und nicht im deutschsprachigen raum. mir geht sowas auf den keks. bei selbstmorden wie auch bei amokläufen ist bekannt, daß allein die sensationsorientierte berichterstattung bereits auslöser für nachahmertaten sein kann. bei selbstmorden gibt es deswegen auch eine weitgehend eingehaltene zurückhaltung der medien. beim selteneren aber stets schwerwiegenderen fall des amoklaufes wird aber skrupellos jedes fitzelchen information und spekulation in die welt hinausposaunt. am besten noch mit bildern und ausschmückenden grafiken. ich finde das widerlich.

#2 phriedrich

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Geschrieben: 02. Juni 2010, 14:52

Es wird sein Publikum finden …

#3 silastischer waffenteufel

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Geschrieben: 02. Juni 2010, 18:14

Beitrag anzeigenphriedrich schrieb am 02. Juni 2010, 14:52:

Es wird sein Publikum finden …

Und das legitimiert das Ganze? Vielleicht aus wirtschaftlicher Sicht, nicht m.E. nach aus moralischer und verantwortlicher.
Ich weiß gar nicht bei welchem Amoklauf das war als die BILD noch die in Kampfanzug und heroischen Posen gemachten eigenen Fotos des Täters abdruckte.
Klar, jeder Trittbrettfahrer will auch so enden, Ruhm und Ehre und in der Zeitung.

Hätte man so berichtet, wie es der Realität entsprach, nämlich ein Vollidiot, der ein sich selbst gestecktes Ziel hatte, die Menschheit auszurotten und bei dem es gerade mal zum Gewehr seines Papis gereicht hatte, wäre dieser Depp sicher kein Vorbild.


Auf GMX gab es auch in letzter Zeit viele Videos, die Beinahe-Katastrophen zeigten (Mann mit Baby auf dem Arm wird von Auto angefahren...-jähriger stürzt aus 2. Stock und wird aufgefangen usw.) Unter anderem gab es eins, wo ein bus mitten inder Nacht vor einem auf der Straße sitzendem Baby gerade zum Stehen kam, das mit "schockierend" beschrieben wurde. Im Forum war zu lesen: "wieso schockierend? wurde doch nicht überfahren."..

#4 Tara

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Geschrieben: 02. Juni 2010, 18:20

Ich habe heute festgestellt das "Brisant" neben der Abendsendung auch eine Vormittagssendung hat. Die muss auch mit Unfällen und Promis gefüllt werden. Isn harter Job.

http://www.mdr.de/br...ten/126470.html

#5 bogarnil limdal

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Geschrieben: 03. Juni 2010, 14:36

Beitrag anzeigenTara schrieb am 02. Juni 2010, 18:20:

Ich habe heute festgestellt das "Brisant" neben der Abendsendung auch eine Vormittagssendung hat. Die muss auch mit Unfällen und Promis gefüllt werden. Isn harter Job.
die vormittagssendung ist wohl nur die wiederholung der nachmittagssendung des vortages. eigentlich sehr interessant, daß boulevard wiederholt wird. können da zwecks bildungsauftrag keine alten telekollegs laufen? oder wenigstens ein bißchen rockpalast, den man ja sonst in die nacht verbannt? oder moskito, live aus alabama, etc. und nicht zu vergessen: ernst eiswürfel!

(demonstratives offtopic ist in diesem beitrag stilmittel, das auf den nachrichtenwert des jüngsten amoklaufes hinweisen soll)

#6 Sirkka

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Geschrieben: 03. Juni 2010, 21:49

<ironiemodus>

aber, aber es gab doch soooooo lange keinen amoklauf mehr. und irgendwie juckt es keinen mehr, dass das öl ins meer ströhmt, der bundesheinz ist wech, der oder die neue (lena for president!) wird kommen - maximales interesse in der bevölkerung uuuuuuund ja die halbe nationalmanschaft ist krank. die bevölkerung erwartet gespannt die uptodate berichte aus alle welt. 

übrigens wurden schweine- und vogelgrippe ausgerottet, aber ein neuer pandemievirus wird kommen, als überbrückung tut es da ein irrer amokläufer...  und bohrinseln gibt es auch noch viiiiiiiele!

</ironiemodus>

was lernen wir daraus? ein bisschen panik ist besser als gar keine panik....



#7 Phoenix

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Geschrieben: 07. Juni 2010, 11:23

Ist doch eigentlich ganz einfach - eine bessere Methode gibt es doch garnicht, die Bevölkerung dumm und kriechend zu halten. Füttere sie mit übeschüssigen Informationen und stille ihre Sensationsgier, damit es an den Würstchenbuden der Republick was zu erzählen gibt. Steue dazwischen ein paar schön geredete politische und wirtschaftliche Tatsachen, damit du hinterher behaupten kannst, es hat ja jeder gewußt, aber lege immer den großen Wert auf das, was leicht zu verdauen ist, schnell und interessant weitergeplappert werden kann und schon ist die Stammtischgesellschaft glücklich, satt und kugelrund. Keiner denkt über das, was wichtig ist nach, beschwert sich ergo auch nicht und die großen Themen passieren am Leben vorbei. Das funktioniert schon ewig und immer so lange, bis mal ein Fass über läuft und plötzlich die vorher benachrichteten wichtigen Dinge wie eine Faust ins Gesicht schlagen. Dann wird sich darüber viel-wissend aufgeregt und jeder hat eine umfassende Meinung und von nichts ne Ahnung - Dann braucht es dringend wieder eine Lena oder ein geklautes Fahrrad in einer deutschen Vorzeige-Eigenheimsiedlung um die Leute wieder auf Kurs zu bringen.
BILD dir deine Meinung!

#8 Libera

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Geschrieben: 10. Juni 2010, 19:27

entschuldigt, ich bin gerne auch mal betroffen!
emotion, emotion, emotion. was fußball kann, muss nachricht können, muss politik können, muss welt können. lesen kann vielleicht nicht jeder, aber fühlen!
neulich wurde sogar in eigentlich seriösen magazinen immer vom krebsarzt und nie vom onkologen geredet. dafür gabs aber ein trauriges leukämiekind.

#9 bogarnil limdal

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Geschrieben: 10. Juni 2010, 20:21

ich finde es toll, daß für dieserart rezeption gmx einen kompromiß zwischen journalistischer ehrlichkeit und boulevard gefunden hat: im videoclip-bereich werden dort die "nachrichten" tatsächlich in anführungszeichen gesetzt. *daumenhoch*

phoenix möchte ich aber tendenziell in einem punkt widersprechen: die berichterstattung mag den brot-und-spiele-effekt haben, aber sie wird (und das ist eigentlich das schlimme daran) nicht mit absicht so gestaltet, sondern wird so aus einer marktdynamik heraus. die anderen wettbewerber sind in der journalistischen krise irgendwie zu übertrumpfen, am kurzfristig effektivsten eben mit knalligen schlagzeilen und titten-tote-tränen-themen. gerade im internet hat das noch weitaus wichtigere funktionen, denn hier entscheidet nicht der kaufpreis, den der leser bei der lektüre von mumpitz schnell mal bereut, sondern der reine klick. eine schlagzeile, die suggeriert, daß die queen tot ist oder ihre möpse neulich heraushingen, greift seitenaufrufe ab, egal ob es stimmt oder nur irreführung (etwa: hunde schauten aus fenster) oder gar nur ein gerücht ohne nachrichtenwert ist, dessen verbreitung durch die berichterstattung darüber überhaupt erstmal in gang kommt. und weil sowas eben jeder anklickt, wird davon ausgegangen, daß jeder das gern liest. und auch wenn es ein ernsthaftes thema mit 90% reichweite gibt, fehlen da eben noch 10%, um das rennen gegen boulevard zu machen.

dann tritt der barbara-salesch-effekt ein. ich nenne den so, das ist also kein fachbegriff. ich könnte auch nrj-heavy-rotation-effekt dazu sagen. gemeint ist die systematische verschlechterung eines angebots durch meinungsumfragegestützte "optimierung" des konzepts. beim gerichts-reality-tv barbara salesch wurden zunächst echte fälle portraitiert. hernach hat man die folgen vor testpublikum gezeigt und die reaktionen ausgewertet. raus kam, daß die leute jene figuren besonders glaubwürdig fanden, die gängigen klischees am meisten entsprachen. also hausfrau mit schürze kam besser an als hausfrau ohne schürze. motorradfahrer mit tatoo besser als ohne, etc. dann entschied sich sat1, die fälle nur noch per drehbuch mit schauspielern zu inszenieren. ein tiefpunkt des unterhaltungsfernsehens war geboren (und wurde prompt von den anderen kopiert, siehe 90%-reichen-nicht). ebenso verfährt man bei radio nrj (und eigentlich allen anderen kommerziellen radiosendern auch). hier wird der musikgeschmack der hörer durch aufwendige marktanalyse ermittelt. im ergebnis wird dann ausschließlich die beliebteste musik bis hin zu den beliebtesten einzeltiteln gespielt. daß da eine spitze von 4% unter nem haufen 2 bis 3 prozent zu 100% aufgebauscht wird, ist ein ungelöstes problem. trotzdem wird so verfahren, bis irgendwann ein independentangebot die marktdominanz mit abwechslung durchbricht und die karten neu verteilt werden. so ist beispielsweise die r'n'b-dominanz vor vier jahren von einer (zahmen) rock-welle abgelöst worden. brittney und co, sprangen da auch mit auf, was die sache wieder nivellierte.

in einem wort: marktversagen.

#10 bogarnil limdal

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Geschrieben: 23. Juni 2010, 22:56

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 10. Juni 2010, 20:21:

raus kam, daß die leute jene figuren besonders glaubwürdig fanden, die gängigen klischees am meisten entsprachen. also hausfrau mit schürze kam besser an als hausfrau ohne schürze. motorradfahrer mit tatoo besser als ohne, etc. dann entschied sich sat1, die fälle nur noch per drehbuch mit schauspielern zu inszenieren. ein tiefpunkt des unterhaltungsfernsehens war geboren (und wurde prompt von den anderen kopiert

zapp widmete sich neulich dem phänomen.

#11 André

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Geschrieben: 24. Juni 2010, 18:39

Im Sommer, zur Saure-Gurken-Zeit, wird das ganze meist auch nicht besser.
Einiges hat mit Journalismus nichts mehr zu tun...
Auch die Art und Weise der Berichterstattung.
...

#12 bogarnil limdal

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Geschrieben: 29. August 2010, 11:36

wir sind zwar thematisch vom amoklauf schon ganz schön weit entfernt, aber egal: scripted reality - ich rette das thema mit der frage, ob nicht der nachahmungseffekt auch für jegliches sozialverhalten gilt, wie es der artikel andeutet. gilt es?

#13 Kerberos

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Geschrieben: 29. August 2010, 18:20

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 10. Juni 2010, 20:21:

in einem wort: marktversagen.
War aber auch Prinzip der politischen "Neuen Mitte".

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 29. August 2010, 11:36:

wir sind zwar thematisch vom amoklauf schon ganz schön weit entfernt, aber egal: scripted reality - ich rette das thema mit der frage, ob nicht der nachahmungseffekt auch für jegliches sozialverhalten gilt, wie es der artikel andeutet. gilt es?

Der Amoklauf als Hommage an das Fernsehprogramm? Nein danke...

#14 bogarnil limdal

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Geschrieben: 30. August 2010, 11:49

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 29. August 2010, 18:20:

War aber auch Prinzip der politischen "Neuen Mitte".

wie meinst du das?


Zitat

Der Amoklauf als Hommage an das Fernsehprogramm? Nein danke...

ich hatte nicht im sinn, daß jemand amok läuft, weil das fernsehprogramm so schlecht ist, sondern, daß die mediale vermittlung von rollenverhalten sowohl soziale diskriminierung und ausgrenzung stärkt (wenn nämlich leute sich in ihren vorurteilen über die "asis" bestätigt sehen) als auch in den sozialisationsprozess von insbesondere jugendlichen eingreift. letzteres etwa, wenn asoziales verhalten als normalität dargestellt wird. die sendungen scheinen ja nicht gerade harmonische beziehungen zum inhalt zu haben. wenn die überfokusierung auf einen amokläufer dessen rolle attraktiv macht, dann ist es doch denkbar, daß die überfokusierung auf kriminelle, chauvinistische, asoziale rollen diese wenn nicht salonfähig, dann wenigstens als rebellischer fluchtpunkt attraktiv macht. der ganz neue werther leidet nicht, sonder pöbelt - quasi asozialität als jugendliche romantik von heute. :-)





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