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Sprachgefälle in der Gesellschaft, wie geht ihr damit um?


9 Antworten zu diesem Thema

#1 Kerberos

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Geschrieben: 04. September 2010, 20:17

Sicherlich kennt jeder diese Unterschiede im Vermögen zur Kommunikation in verschiedenen Peer-Groups.

Ich finde es immer unangenehm, mich hier des öfteren in meinem Ausdrücksvermögen einzuschränken, tue es aber trotzdem, einfach um die Erwartungen an mich zu erfüllen. Im familieren Umfeld bin ich hier anders, und muss mir des öfteren einige Kritik an meinem "hochtrabenem" Palaber gefallen lassen. Das Problem ist ja, das man schnell als eingebildeter Fatzke gilt, nutzt man ein Vokabular das dem Anderen nicht ganz zugänglich ist.

Rein technisch habe ich nun kein Problem damit, mich den gesellschaftlichen Nuancen der deutschen Sprache anzupassen, mitunter können die Gefälle aber sehr groß sein. Ich meine hier keine Dialekte, sondern das Gefälle, um das Klischee zu erfüllen, Bild-Leser zu FAZ-Leser. Ich lese keine der beiden Zeitungen, wüsste auch nicht so recht wo ich mich dazwischen verorten sollte.

Eine Sache die mich aber immer wieder leicht schockiert, ist wenn man mir sagt: "Du solltest in die Politik gehen. Du kannst ja so gut reden.". Ok, so oft ist es mir noch nicht passiert, aber die Male in denen es passierte haben sich mir eingeprägt. Nicht, das ich diese Empfehlung ernst nahm, nein, ich war eher entsetzt darüber das die Fähigkeit korrekte Sätze zu bilden, lediglich Politikern zuschrieben wird.

Wie geht ihr damit eigentlich um? Spachvermögen geht ja auch Hand in Hand mit Vorurteilen. Oder bin ich jetzt einfach nur spießig, das ich so etwas thematisiere?

(Mir fällt gerade ein Welle:Erdball haben hierzu mal einen Song geschrieben: Klick)

#2 Spottdrossel

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Geschrieben: 05. September 2010, 10:20

Zitat

Das Problem ist ja, das man schnell als eingebildeter Fatzke gilt, nutzt man ein Vokabular das dem Anderen nicht ganz zugänglich ist.

Palaver muss es heißen. :lol:

#3 phriedrich

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Geschrieben: 05. September 2010, 10:51

Gerade im familiären Umfeld ist bei uns immer Wert auf ordentliche Sprache gelegt wurden und mein Freundeskreis scheint damit auch klarzukommen.

Ich will jetzt nicht ausschließen, dass ich mich (vielleicht auch unbewusst) meinem Gegenüber im Gespräch anpasse, aber ich hatte bisher in sehr wenigen Fällen das Gefühl, mich verstellen oder ganz besonders einfach reden zu müssen. Ich vermute das liegt zum Einen natürlich an den Leuten, mit denen man sich unterhält, vor allem aber auch daran, worüber man sich mit Leuten unterhält.

Irgendeinem zufälligem Treffen auf einer Party, der schon ein paar Bier innehat und mir versucht ein Gespräch über lokale Fußballvereine anzuhängen, dem werde ich ganz sicher sowieso nicht gleich versuchen was über kubistische Malerei zu erzählen. Und einfache Sachverhalte nicht unnötig zu verklausulieren ist sowieso besser.

#4 bogarnil limdal

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Geschrieben: 05. September 2010, 15:56

mir ist das aber durchaus schon passiert, sowohl das "lob" als auch die ausgrenzung. überwiegend fällt es aber wohl einfach gar nicht auf. ich denke, man versteht durchaus sprache, die kompliziertere grammatik und vielfältigere vokabeln benutzt, auch wenn man selbst eher simpel spricht. das kann man ja auch bei kindern sehen, die die erwachsenen meist problemlos verstehen oder auch kinderbücher, die nicht so geschrieben sind, als wäre der autor so alt wie die zielgruppe. letztendlich ist meine "elaborierte" sprache auch nur resultat meines studiums, also in der kommunikation erlernt. und das gibt man auch weiter. darauf deutet zumindest die doch recht unprollige sprache in meinem sehr gemischten bekanntenkreis, der ungefähr zur hälfte aus studierten und zur hälfte aus nichtstudierten besteht. der unterschied ist aber nur relevant, weil studierte über einen kompakten zeitraum entsprechend viel lesen und erörtern mußten und zwar meist hochkompliziertes zeug (oder im falle von sprachstudien vielleicht auch wunderschöne literatur). ich halte nicht viel davon, intelligenz an sprache oder gar bildung festzumachen. deswegen reagiere ich auch meist allergisch, wenn mir jemand komplimente nach der von kerberos beschriebenen art macht. es sind fragile komplimente, die schnell umschlagen in anfeindungen, meist von den gleichen leuten. aber vor allem ist es oberflächlich.

wenn ich mit leuten konfrontiert bin, die eine eher saumäßige ausdrucksweise haben, dann ignoriere ich das und versuche zu verstehen, was sie meinen. ich verstelle mich nie und spreche/schreibe immer so, wie es meine art ist.

ps: neulich hat mir jemand online vorgeworfen, ich könne "vielleicht gut vormulieren" (sic!), sei aber ein kalter mensch, der offensichtlich bei einer bank oder behörde arbeite und dem wohl die krawatte zu eng sitze. so ein bild transportiere ich also über meine sprache :-)

#5 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 05. September 2010, 18:21

ich muss seit kurzem beruflich darauf achten wie ich spreche, d.h. ich versuche mich möglichst einfach und präzise auszudrücken und habe nun festgestellt, dass sich das auch auf meine privaten sprechgewohnheiten auswirkt. wenn ich da mal ein fremdwort benutze, erkläre ich es automatisch sofort indem ich eine umschreibung hinzufüge. ich fürchte meine mitmenschen denken schon, ich halte sie für etwas beschränkt :rolleyes:. außerdem bemühe ich mich rund um die uhr grammatisch korrekt zu sprechen, damit ich im unterricht nicht aus versehen etwas falsches sage (gut, hier liegen wunsch und realität nicht ganz so nah beieinander, aber naja). das führt dann dazu, dass ich versuche konsequent "wegen" plus genitiv zu verwenden und mich reichlich unwohl fühle, weil ich angst habe allzu hochgestochen zu wirken. am anfang war das wirklich furchtbar, mittlerweile stehe ich aber immer mehr zum genitiv :D.

und zum thema politiker und gut reden können: politikmenschen haben es schon nicht leicht. da wird einerseits von ihnen erwartet, dass sie hübsch formulieren können und auch ansonsten keine sprachtrampeltiere sind , drücken sie sich allerdings allzu gewählt aus, wirft man ihnen augenwischerei und arroganz vor.

#6 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 05. September 2010, 18:32

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 05. September 2010, 15:56:

ich denke, man versteht durchaus sprache, die kompliziertere grammatik und vielfältigere vokabeln benutzt, auch wenn man selbst eher simpel spricht. das kann man ja auch bei kindern sehen, die die erwachsenen meist problemlos verstehen oder auch kinderbücher, die nicht so geschrieben sind, als wäre der autor so alt wie die zielgruppe.

apropos kinderbücher, die nicht so geschrieben sind, als wäre der autor so alt wie die zielgruppe: ich habe zwar schon an anderer stelle geschwärmt, aber es passt nun einmal so schön. philip ardagh schreibt nämlich solche wunderwunderbaren kinderbücher, dass ich mir am liebsten ein großes haus aus ihnen falten möchte. und noch wunderbarererweise habe ich sogar eine leseprobe im netz gefunden, sodass ihr euch nun auch selbst von der richtigkeit meiner kühnen behauptung überzeugen könnt.

#7 phriedrich

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Geschrieben: 05. September 2010, 22:08

Harry Rowohlt hat glaube ich die Philip-Ardagh-Übersetzungen ins Deutsche vorgenommem und auch was gelesen, wenn ich mich recht entsinne.

Als Nachtrag und um den Bogen zum Thema wieder zu schließen, sei noch angemerkt, dass es sich hierbei, im Original soweit ich das beurteilen kann, und eben auch in der Übersetzung um sehr feine Sprache handelt.

#8 silastischer waffenteufel

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Geschrieben: 06. September 2010, 19:04

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 05. September 2010, 15:56:


ps: neulich hat mir jemand online vorgeworfen, ich könne "vielleicht gut vormulieren" (sic!), sei aber ein kalter mensch, der offensichtlich bei einer bank oder behörde arbeite und dem wohl die krawatte zu eng sitze. so ein bild transportiere ich also über meine sprache :-)

Ich erinnere mich an ein Bild von einem alten Herrn mit Bart, das ich hatte...

Mein rhetorisches Vermögen hängt vom Trainingszustand ab. Bin ich in monatelanger Isohaft in meinem Labor eingesperrt und sehe nur am Feierabend meine Kinder, rudimentiert die Sprache zu wüsten Flüchen. Habe ich mehr Möglichkeiten, mich mit einem ausgewählten Bekanntenkreis angeregt zu unterhalten, beginnen auch meine sprachlichen Fähigkeiten zurückzukehren. Schriftlich konnte ich mich schon immer ziemlich gut ausdrücken.
Auf alle Fälle reichen die Reaktionen auf ein gutes Ausdrucksvermögen von tiefster Verachtung (ich erinnere mich da mit Grausen an einen Notartermin) bis zu Komplimenten ("Du bist aber schlau"). Mir isses wurscht, ich kann eh nicht aus meiner Haut. Wenn mir nach Fluchen ist, dann tue ich es, auch wenn es nicht gerade angezeigt ist.

#9 Sirkka

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Geschrieben: 13. September 2010, 09:55

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 04. September 2010, 20:17:

Im familieren Umfeld bin ich hier anders, und muss mir des öfteren einige Kritik an meinem "hochtrabenem" Palaber gefallen lassen. Das Problem ist ja, das man schnell als eingebildeter Fatzke gilt, nutzt man ein Vokabular das dem Anderen nicht ganz zugänglich ist.


ich darf mir des öfteren anhören, dass ich "überstudiert" sei. nur weil ich nicht "bämme" sagen und mich zumeist normal ausdrücke. aber selbst bei mir kommen oft "simple" sätze und formulierungen vor, einfach, weil ich es aufgegeben habe jedes zweites wort erklären zu müssen, oder mir vorhalten zu lassen, dass ich nicht so überheblich sein soll. Ich solle doch "deutsch" reden, wie jeder "normale" mensch.




neulich hatte ich das vergnügen haupt- und realschüler eine woche lang zu ertragen, ja ertragen, denn die vergewaltigung der deutschen sprache war unüberseh(hör)bar. die fähigkeit sich normal auszudrücken wird von cliquen-slang korrumpiert. unwirsche ausdrucksweisen und respektlosigkeit verkorksen deren sprachbild komplett. wer bei sich den schülern normal ausdrückte wurde ausgegrenzt.

Bearbeitet von Sirkka, 13. September 2010, 12:28,


#10 Libera

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Geschrieben: 18. September 2010, 13:10

das phänomen 'sprachgefälle' wird ja gerade in vielen, vielen studien irgendwo in der schnittmenge aus sozio- und psycholinguistik fransig diskutiert.
da kann man sicherlich das ein oder andere interessante forschungsergebnis auf das eigene verhalten und das des menschlichen umfelds anwenden...

es gab beispielsweise vor jahren dieses berühmte experiment, in dessen rahmen ein universitätsprofessor zunächst eine vorlesung auf hochdeutsch hielt, später denselben inhalt aber in seinem heimatdialekt transportierte. die studenten aus der hochdeutschen vorlesung waren schwer beeindruckt von der fachlichen kompetenz ihres dozenten. die andere gruppe... na, wir ahnen es.

das gleiche prinzip funktioniert auch andersherum auf dem schulhof, wie sirkka ja erfahren durfte - mein beileid. die schüler, die sprachlich dem trend der peer group folgen, werden von eben jener natürlich eher akzeptiert... und selbstverständlich ist es für männliche schüler weit angesehener matschig und migrationshintergründig zu sprechen als für weibliche, weswegen sie das auch vermehrt tun.
und meine liebe güte, das war schon immer so, ist in vielerlei hinsicht ebenso und wird sich auch nicht mehr ändern. denn: schon aristoteles bemängelte die unflätige und sprachentstellende ausdrucksweise der jugend...

und dieses prinzip zieht sich eben wie ein roter faden durch die gesamte kommunikationskultur einer jeden gesellschaft.
andere peers - andere codes - andere sprache.
was den umgang des einzelnen mit diesen verschiedenen codes ausmacht, ist doch im kern seine fähigkeit, identitätsstiftende momente im jeweiligen sprachlichen rollenspiel mit dem umfeld zu finden - also die menge der sprachlichen register, über die man verfügt, und die kompetenz, diese register passend zu ziehen.

wer auf dem jährlichen opeltreffen in borna mit dem duktus des doktorandenkolloquiums der germanistik daherspaziert muss sich also nicht wundern, als arrogant empfunden zu werden... falsches register sendet falsche signale.

alles in allem nix neues und nix änderbares. auf die soziale sprachkompetenz kommts halt an...

Bearbeitet von Libera, 18. September 2010, 13:11,






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