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Kunstfreiheit und Computerspiele


3 Antworten zu diesem Thema

#1 Kerberos

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Geschrieben: 01. Oktober 2010, 09:19

Gestern habe ich von einem Mauerstreifen-Spiel (1378km) erfahren, das mit einem Aufklärungsanspruch daherkommt. Der Spieler hat die Aufgabe, die innerdeutsche Grenze zu bewachen und Republikflüchtlinge aufzuhalten. Dabei kann er schießen, muss es aber nicht. Der Macher, ein 23 jähriger Student aus Karlsruhe, möchte einen Bildungsanspruch für sein Spiel verstanden wissen.

Ich hab jetzt ein paar Stimmen gehört, dass das Spiel moralisches Handeln abverlange. Das will ich stark bezweifeln. Moral ist keine gottgegebene Instanz die für Pixel auf einem Monitor gilt, sondern bedarf einer Reflexion mit den Folgen des jeweiligen Handelns. Das Spiel ist nun aber eine Simulation ohne ernste Konsequenzen. Hier kann einfach keine Moral geltend gemacht werden. Gäbe es eine Möglichkeit zum Multiplay, könnte man im besten Fall Fairplay anführen, aber das wiederum gilt auch für jede Fußball-Simulation.

Nun sind Genres wie der Egoshooter in ihrer Gewaltdarstellung umstritten. Es gibt Regelungen zum Jugendschutz, wie auch Indizierungen. Das diese Regelungen nicht greifen und lediglich zur Veredelung und zum Kultstatus eines Werkes beitragen, darum soll es aber hier nun nicht unbedingt gehen.

Mich würde eher interessieren, ob und in wie weit die Kunstfreiheit für ein Computerspiel geltend gemacht werden kann. Man kann schnell einwenden Computerspiele sind Entertainment-Werke. Jedoch ein Buch, ein Film, oder ein Theaterstück, das nicht schafft zu unterhalten, wird auch von niemanden gesehen werden wollen. Die Ausnahme vom Entertainment-Zirkus wäre sicherlich das Lehrbuch, der Lehrfilm. Nun vielleicht auch das Lehrspiel?

Persönlich sehe ich Computerspiele als Kunstwerke an. Sie schaffen fiktive Welten, die nur durch den Spieler in einen Kontext zur Realität gesetzt werden können. Man kann über den Kunstbegriff streiten. Ich verstehe Kunst als einen Freiraum zur Lebensreflexion. Eben deshalb denke ich auch, dass die Gewalt in den Computerspielen, seien es auch keine Protestwerke, dazu beiträgt die reale Gewalt des Leben zu verarbeiten.

Überall auf der Welt toben immer wieder aufs neue Kriege. Durch die medialen Möglichkeiten werden immer mehr Informationen an uns herangetragen. Es gibt im Fernsehen Unterhaltungsformate wie z.B. RTL-Aktuell, welche Spektakel und Information kombinieren. Hier wird kein Flugzeugabsturz, keine Geiselnahme und keine Gewalttat, sei sie noch so entlegen, da es Aufmerksamkeit schafft, unbeachtet gelassen. Hier wird aber Realität unmittelbar an uns herangetragen. Eine Realität die Werte und Moral abverlangt - das Computerspiel bleibt fiktiv.

Was mich nun interessiert, inwiefern seht ihr die Gewaltdarstellung eines Computerspiels durch die Kunstfreiheit gedeckt?

#2 bogarnil limdal

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Geschrieben: 01. Oktober 2010, 10:14

einen objektiven maßstab dürfte das steuerrecht geben. deutsche gerichte müssen sich immer wieder mit der frage herumplagen, wann eine schöpferische leistung die nötige gestaltungshöhe erreicht, um als kunst durchzugehen. daran hängt die einordnung als freiberufler, die eine manifestation des grundrechtlichen schutzes der kunstfreiheit ist. für den beruf des programmierers wird der freiberuflerstatus meines wissens nach regelmäßig zurückgewiesen. allerdings dürfte sich das anders gestalten, wenn von design die rede ist, also eine entwicklung, die über das programmiererhandwerk hinaus geht. insofern ist das tatsächlich ein richtig spannendes problem. ich werde mal suchen, ob es vielleicht schonmal einen fall gab, der diese frage zum gegenstand hatte.

ich denke prinzipiell, daß auch die gestaltung eines computerspiels den charakter eines kunstwerks annehmen kann. es dürften aber besonders hohe maßstäbe anzulegen sein. die reine idee eines spielkonzeptes reicht da sicherlich nicht aus. für die einordnung jeglicher kunst im allgemeinen reicht ja auch nicht die intention aus, sondern die individuelle gestaltung. in der regel wird wohl geprüft, ob der künstler das handwerk beherrscht und ob das kunstwerk herausragend im vergleich zu gebrauchsgegenständen des gleichen genres ist. um mal zwei analogien zu ziehen: das mitglied einer schrammeltanzband, die neben cover von schlagersongs auch eigene schmonzetten spielt, jedoch einem sehr simplen muster folgend und handwerklich durchschnittlich vorgetragen, hat wohl eher schlechte chancen auf freiberuflerstatus. ein maler, der lediglich in der fußgängerzone passanten satirisch portraitiert, wohl ebenfalls.

die frage wäre jetzt, was in bezug auf spieledesign herausragend wäre. auf der handwerklichen ebene liegt das problem bereits darin, daß programmierung verhältnismäßig wenig raum für funktionale kreativität läßt. es geht hier doch eher um effizienz, d.h. kreative umwege gingen zulasten der performance. da bliebe nur noch die ästhetische ebene. hier stellt sich aber schon wegen der verknüpfung beider ebenen die frage, ob die schöpfung des kunstwerkes durch programmierung die nötige gestaltungshöhe überhaupt erreicht. dagegen spräche die verwendung von allzuvielen tools, die die gestaltung erleichtern. wenn das spiel mit drag & drop programmierbar ist, also jederman das mehr oder weniger könnte, dann muß das ergebnis schon außergewöhnlich kreativ ausfallen. so ist es ja auch in der computermusik. wenn heutzutage programme bereits die songstrukturen automatisch generieren und der "urheber" nur noch einfluß nimmt, qualifiziert sich das werk nicht mehr als kunst. es sei denn, er hat zuvor das tool selbst entwickelt.

alles in allem bleibt aber genug raum für eine mächtige grauzone. der schutz der kunstfreiheit äußert sich übrigens auch darin, daß die gerichte in der regel restriktive gesetzgebung kunstfreundlich auslegen.

was im übrigen die moral angeht, halte ich es so, wie es breits im thread genfer "games-conventions" anklang: moral bezieht sich auf gegenstände, die ethisch erfaßbar sind. es ist unmoralisch, anderen zu schaden. es gibt im computerspiel jedoch keinen "anderen", sondern nur funktionen und variablen sowie ein spielziel. moral spielt allenfalls eine rolle im transportierten konzept, etwa bei den unsäglichen kz-manager-spielen, die den tatbestand der volksverhetzung erfüllten. nicht, weil pixeljuden vergast wurden, sondern weil die analogie zur wirklichkeit in verbindung mit dem propagandistischen kontext der spiele den schluß zulassen, daß hier nicht abstrakte zerstreuung, sondern verbreitung nationalsozialistischen gedankenguts der zweck des spieles war.

beim mauerspiel kommt es also darauf an, ob damit irgend ein fragwürdiger kontext einhergeht. wenn nicht, dann ist es okay, aber eben in hinblick auf die zielstellung auch ein fehlschlag. die pixelgrenze wird effektiv gesichert, wenn alle pixelflüchtlinge abgeknallt werden. provoziert wird allenfalls die einsicht, daß man bei ausreichendem abstraktionsgrad keine skrupel hat. daß in der wirklichen welt von echten menschen ein solcher abstraktionsgrad erreicht wird, ist ein skandal, der einem den atem oder schlaf rauben kann. aber diese erkenntnis liegt jenseits des spiels, da eben gerade nicht im spiel menschen zu variablen degradiert werden, sondern die trennung von mensch und variable im kopf des spielers offenbar gut funktioniert. mensch und variable werden nicht verwechselt. in diesem fall äußert sich das darin, daß der pixelflüchtling abgeknallt wird, weil der unterschied zwischen spiel und wirklichkeit eine selbstverständlichkeit ist. ich würde mir wünschen, dieses symptom kognitiver gesundheit würde in der killerspieldiskussion endlich einmal gewürdigt werden und nicht wie üblich als abstumpfung diskreditiert.

#3 phriedrich

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Geschrieben: 01. Oktober 2010, 10:19

Ich denke, es hätte völlig ausgereicht, dass man bei diesem Spiel in die Rolle des Opfers schlüpfen kann. Dies dann gut umgesetzt könnte meiner Meinung nach gut das Gefühl vermitteln, wie es ist, der Gejagte zu sein.

Selbst auch Täter sein zu können ist ein interessanter Aspekt, kann aber eben auch zu flachem „Den habsch erwischd!“ verführen. (Was natürlich auch noch mal eine weitere Ebene darstellen kann.)

Die öffentliche Meinung wäre vermutlich besser ohne den Jäger-Aspekt.

#4 bogarnil limdal

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Geschrieben: 01. Oktober 2010, 11:19

okay, nach lektüre der spielbeschreibung: 1. kunst würde ich das nicht nennen. es ist ein patch für half life. 2. spielziel scheint zu sein, daß man die grenze schützt ohne auf flüchtlinge zu schießen. das ändert im grunde nichts an der moral, da wie gesagt (auf die realität übertragbare) moral nicht im kontext eines spieles existiert. es ändert aber etwas wesentliches in bezug auf den anspruch des werkes, einen diskussionsbeitrag zur ddr-grenzsituation beizusteuern. das spiel bildet wegen seiner spielregel (man verliert, wenn man schießt) die situation nicht ab, wie sie damals vorherrschte. es bleibt im endeffekt nur die geographische treue (sofern die tatsächlich gegeben ist) übrig.

kurzum: epic fail.





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