der frühere außenminister joschka fischer hatte in seiner amtszeit eine aufarbeitung der geschichte des auswärtigen amts im ns-staat angeschoben, die nun vorläufig abgeschlossen und veröffentlicht wurde. die bilanz ist nicht sehr erfreulich - das auswärtige amt war entgegen der bisherigen lesart aktiv und vollumfänglich in die ns-verbrechen, insbesondere den völkermord, aber auch ausbürgerungen etc. verwickelt. schlimmer noch: offenbar wurde begünstigt durch die vernachlässigte aufarbeitung und das image des amts als lediglich bürokratisch-loyaler apparat auch in der nachkriegszeit die strafverfolgung von ns-verbrechern im ausland durch das amt systematisch vereitelt. personelle kontinuitäten dürften hier genauso eine rolle gespielt haben, wie stoische amtsauffassung - wenn deutschen bürgern juristische verfolgung droht, muß eben geholfen werden.
das auswärtige amt in seiner heutigen gestalt zeigt sich betroffen und bekräftigt die notwendigkeit der aufarbeitung, weist aber auch auf entdeckte fälle von couragierten beamten hin. obwohl der hinweis auf diese fälle sicher den imageschaden begrenzen soll, impliziert die offizielle mitteilung, daß es die spitzendiplomaten waren, die das amt auf den holocaust trimmten, während die bremser unter den kleineren rädchen zu finden seien.
joschka fischer war übrigens entsetzt.
weiterführende informationen:
zdf-heutejournal-beitrag, faz.net, spon, deutschlandradio kultur
letzteres (interview mit eckart conze) als audio zum nachhören:
ps: der wikipediaeintrag zum auswärtigen amt verlinkt dieses papier, das ein anschauliches beispiel für die antisemitische ausrichtung der behörde im ns-regime liefert. es wird nicht lediglich technokratisch die politische linie erfüllt, also ausweisung der juden aus deutschland, sondern auch eine strategische anaylse der folgen angestrengt. die konsequenz greift dem völkermord bereits voraus - einen judenstaat darf es nicht geben, bleiben dürfen sie aber auch nicht (viel bleibt da ja vor dem hintergrund der aufnahmeverweigerungen der drittstaaten nicht mehr übrig). man befürwortet einstweilen die "beibehaltung der zersplitterung" und spekuliert auf den antisemitischen widerstand der aufnahmeländer. die folge sei dann eine internationale lösung der judenfrage, die sich am deutschen beispiel orientiere, also der entfernung der juden aus dem bestand des volkes.
Das Auswärtige Amt im Dritten Reich
Verspätete Aufarbeitung offenbart Holocaust-Mittäterschaft
Eröffnet von bogarnil limdal, 26.10.10, 01:28
1 Antwort zu diesem Thema
#2
Geschrieben: 26. Oktober 2010, 12:10
Interessant als Geschichtsschmankerl dazu ist der Fall Ernst von Weizäcker. Der Vater von Richard von Weizäcker.
Wie sieht der Sohn den Vater?
Irgendwie habe ich den Eindruck dass er seinen Vater immer noch glorifiziert. Aber auf der anderen Seite hat er die große Rede zum 40ten Jahrestag der Beendigung der nationalistischen Gewaltherrschaft gehalten.
Vielleicht täuscht mein Eindruck.
Zitat
Ernst Heinrich Freiherr von Weizsäcker (* 25. Mai 1882 in Stuttgart; † 4. August 1951 in Lindau) war ein deutscher Diplomat, SS-Ehrenführer mit dem Rang eines SS-Brigadeführers im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Wegen Deportationen französischer Juden nach Auschwitz wurde er in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt. Er war der Vater des von 1984 bis 1994 amtierenden Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker.
Wie sieht der Sohn den Vater?
Zitat
Ihr Vater äußerte 1938 gegenüber dem Schweizer Gesandten in Paris, die Juden müssten Deutschland verlassen, „sonst gingen sie eben über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen“.
Ja, die Juden müssten auswandern, um ihrer Vernichtung zu entgehen. Das hat mein Vater gesagt.
War das nur ein Verwaltungsakt, eine Drohung oder eine Warnung, die Ihr Vater bewusst ausgesprochen hat, um Schlimmstes zu verhüten?
Von Verwaltungsakt kann keine Rede sein. Er hat es als Warnung gesagt.
...
Hat Ihr Vater sich die Frage nach einer persönlichen Schuld gestellt?
Immer sah er sich vor dieser Frage! Mein Vater hat die Entscheidung, ob ein Diplomat im Amt bleiben sollte, als Hitler an die Macht kam, immer als eine persönliche, niemals als eine kollektive mit allen Kollegen des Amtes empfunden.
Ja, die Juden müssten auswandern, um ihrer Vernichtung zu entgehen. Das hat mein Vater gesagt.
War das nur ein Verwaltungsakt, eine Drohung oder eine Warnung, die Ihr Vater bewusst ausgesprochen hat, um Schlimmstes zu verhüten?
Von Verwaltungsakt kann keine Rede sein. Er hat es als Warnung gesagt.
...
Hat Ihr Vater sich die Frage nach einer persönlichen Schuld gestellt?
Immer sah er sich vor dieser Frage! Mein Vater hat die Entscheidung, ob ein Diplomat im Amt bleiben sollte, als Hitler an die Macht kam, immer als eine persönliche, niemals als eine kollektive mit allen Kollegen des Amtes empfunden.
Irgendwie habe ich den Eindruck dass er seinen Vater immer noch glorifiziert. Aber auf der anderen Seite hat er die große Rede zum 40ten Jahrestag der Beendigung der nationalistischen Gewaltherrschaft gehalten.
Vielleicht täuscht mein Eindruck.
Bearbeitet von Tara, 26. Oktober 2010, 12:13,
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