Sozialstaat 2.0
Das bedingungslose Grundeinkommen und was es mit sich bringt
#1
Geschrieben: 02. November 2010, 11:07
Die Diskussion um das Bedingungslose Grundeinkommen muß mehr leisten als das. Es ist nichts weniger als eine Diskussion um den kompletten Umbau des Sozialstaates. Es geht nicht um die Einführung einer Wohlfahrtsleistung, sondern um die Abschaffung eines ganzen Bündels sich gegenseitig kontaminierender staatlicher Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft. Es geht um ein Update der Sozialen Marktwirtschaft, die heute noch in der Logik der modernen Industrialisierung festhängt, obwohl Deutschland längst eine postmoderne Dienstleistungsgesellschaft im Herzen eines größeren, europäischen Wirtschaftsraumes (auch Arbeitsmarktes) geworden ist und im Kontext einer zunehmend globalisierten Weltwirtschaft steht. Es geht um ein schwerwiegendes Eingeständnis, nämlich daß die Zeit der Vollbeschäftigung durch klassische Erwerbsarbeit endgültig vorbei ist und weder Wirtschaft, noch Staat, noch gesellschaftliche Werteorientierung auf deren Kategorien mehr aufbauen können.
Die Erkenntnistheorie kennt seit Jahrhunderten das Prinzip des okhamschen Rasiermessers. Es wird dort angesetzt, wo das Komplizierte wuchert. Nach der Rasur bleibt das Elegante übrig. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist der elegante Vorschlag, das komplizierte System von "bedarfsorientierten" Minimalleistungen aus verschiedenen Töpfen und mit komplizierter Prüf- und Verteilungsstruktur zu ersetzen. Dessen Fähigkeit, Gerechtigkeit und soziale Sicherheit zu schaffen, ist mit dem Ende der Vollbeschäftigung und dem rasanten Wandel der Wirtschaftsbedingungen zunehmend fraglich. Würde heute bei Null angefangen, käme wohl niemand auf die Idee, das historisch gewachsene Geflecht aus Sozialleistungen, Abgaben und Verrechnungsmöglichkeiten ernsthaft als Lösung vorzuschlagen. Dieses Gedankenspiel wird nun vom Gewohnheitstier Mensch abverlangt, wenn das Grundeinkommen zur Diskussion steht.
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#2
Geschrieben: 02. November 2010, 11:34
#3
Geschrieben: 02. November 2010, 12:34
10_-_04_-_08_BGE-Konzept2010_Endfassung.pdf 141,52K
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#4
Geschrieben: 02. November 2010, 12:38
hinweis: die seite hat technische mängel, das menü an der seite funktioniert, das menü oben führt ins leere.
edit: hier noch der wikipediaeintrag als hübsche zusammenfassung inklussive rezeption innerhalb der partei.
#5
Geschrieben: 02. November 2010, 14:08
Hier wird aus Frauensicht über den Arbeitsbegriff diskutiert.
Ich finde das Märchen zur Veranschaulichung ziemlich ausgekocht.
Vier-in-einem meint:
Zitat
- der Arbeit an den notwendigen Lebensmitteln in der Form der Erwerbsarbeit;
- der Arbeit an sich selbst und an anderen Menschen, was wir als das Menschliche an Menschen zu nennen gewohnt sind,
- die schlummernden Anlagen zu entwickeln, sich lebenslang lernend zu entfalten, das Leben nicht bloß als Konsument, sondern tätig zu genießen, und damit auch eine andere Vorstellung vom guten Leben entwerfen zu können.
- und schließlich geht es übergreifend darum, dass wir auch Zeit brauchen, in die Gestaltung von Gesellschaft einzugreifen, also uns alle politisch zu betätigen.
Das Erste, die Politik um Arbeit, ihre Qualität, Dauer, Zeit, Entlohnung kann auf Erfahrung bauen in den zur Arbeit gehörenden Bewegungen.
Das Zweite, die Frage der Arbeit am Nachwuchs, aber auch an allen anderen, und an sich selbst, gemeinhin Reproduktionsarbeit genannt, bündelt Patriarchatskritik indem sie diesen Raum menschlicher Entfaltung für alle Geschlechter erstreitet.
Das Dritte, die Zeit, die für eigene Entwicklung gebraucht wird, stößt an die Politik des Zeitregimes in unserer Lebensweise, in die wir uns daher
als Viertes einmischen und das Stellvertretermodell in der Politik in seine Schranken weisen müssen.
Bearbeitet von Spottdrossel, 02. November 2010, 14:08,
#6
Geschrieben: 03. November 2010, 01:55
ich möchte noch was zu den beiden hier bereits verlinkten grundeinkommensmodellen sagen: das althaus-konzept und das linke-konzept unterscheiden sich in interessanten details, die wir vielleicht diskutieren sollten. ich versuche beide mal knapp zusammenzufassen...
althaus schlägt eine feste höhe vor, die eine grundsicherung umfaßt, also das menschenwürdige soziokulturelle minimum. die höhe bitte ich zu vernachlässigen, da es hierum nicht geht, sondern um den gedanken, daß die leistung effektiv bedarfsorientiert ist. eingeschlossen ist eine zwangsversicherung gegen krankheit, d.h. der staat übernimmt die krankenversicherung komplett. die verteilung wird über eine gleiche einkommenssteuer auf den ersten euro in höhe von 50 prozent gewährleistet.
die linke schlägt eine flexible ausschüttung vor, die sich automatisiert am volkswirtschaftlichen ertrag orientiert (freilich bei mindestgarantie im krisenfall). dafür sollen am bestehenden system der besteuerung nur in bezug auf freibeträge und bemessungsgrenzen wesentliche änderungen erfolgen, das grundeinkommen vielmehr hauptsächlich über eine direkte wertschöpfungsabgabe in höhe von 35 prozent auf einkommen zusätzlich zur besteuerung finanziert werden, die in den fonds fließen der gleichzeitig die bemessungsgrundlage für die höhe des grundeinkommens darstellt.
kurzum: gleiche last für alle bei althaus, massive last für spitzeneinkommen bei der linken. ferner minimalausschüttung bei althaus, "gewinnbeteiligung" bei der linken.
in hinblick auf die last gefällt mir althaus eindeutig besser, in hinblick auf die bemessung der höhe finde ich das modell der linken sinnvoller. beide erscheinen mir in mancherlei hinsicht noch lückenhaft, in beide muß ich mich aber auch noch tiefer reinfitzen.
#7
Geschrieben: 04. November 2010, 00:42
#8
Geschrieben: 06. November 2010, 17:46
bundeskanzlerin merkel hat sich gestern ebenfalls geäußert. im fokus prognostizierte sie ein ende der vollbeschäftigung. die sei zwar schwer zu erreichen, aber machbar. die worte dürften im kontext der dgb-demo gefallen sein. es ist genau dieses festhalten an alten zöpfen auf beiden seiten. in einer gesellschaft, deren sozialstaatliche organisation der wirtschaftlichen um mindestens 15 jahre hinterherhängt, wollen die einen die krise kleinreden (gern auch mittels großzügiger auslegung des begriffs "vollbeschäftigung") und die anderen nur an den symptomen schrauben.
#15
Geschrieben: 23. November 2010, 11:42
fakt ist jedenfalls, daß die jugend von heute den umbau des sozialsystems tragen wird. die generationen der jetzt berufstätigen sind tendenziell die transformationsverlierer (zumindest, wenn die umlagefinanzierte rente nicht clever hinübergerettet wird, aber die ist ja bereits jetzt von seiten kapitalgedeckter altersvorsorge bedroht), das sollte klar sein. die heutigen und zukünftigen berufseinsteiger hingegen können nur davon profitieren, daß das system zeitgemäßer wird. es geht eine arbeitsmarktliberalisierung damit einher (sofern man sich durchringt, von alten zöpfen wie mindestlohn abschied zu nehmen), die anders als heutige "liberalisierungskonzepte" in einen echten markt einmündet und nicht in einen subventionierten arbeitsplatzanbietermarkt auf dem den arbeitnehmern die preisregelung qua nachfrageverknappung durch hartz-4 genommen ist, wie es eben aktuell der fall ist.
ich glaube, diese situation verlangt uns mehr ab, als wir uns heute vorstellen können. es wird ohne frage mehr freiheit und mehr soziale sicherheit geben. aber es wird im gegenzug nicht mehr lohn und auch nicht weniger fluktuation geben. wer in einer arbeitsgesellschaft großgeworden ist, die auf lebenslange beschäftigung beim gleichen arbeitgeber abstellt, der muß sich umgewöhnen. andererseits gibt es keine alternative, die situation ist schon längst da und wird so oder so noch viel stärker werden. kein job ist heut mehr sicher von dauer. nicht mal in den vermeintlich krisensicheren industriezweigen wie automobilbau u.ä., wie wir alle sehen mußten. und auch heute ist der tariflohn eher für die gewerkschaftsinseln eine realität als für die branchen. daran könnte man zwar via mindestlohn drehen, aber damit bewegt man sich eben doch wieder nur in der logik des alten systems - marginalisierung der gewerkschaftlichen arbeiterselbstorganisation inklusive.
ich glaube, die jugend von heute steht den ganzen konzepten aufgeschlossener gegenüber, da sie niemals erlebt haben, daß vollbeschäftigung herrschte, daß arbeitsverhältnisse von der ausbildung bis zur rente dauerten, daß man nicht privat für das alter vorsorgen mußte, weil die rente nicht mehr "sichor" ist, daß langzeitarbeitslosigkeit und wohlfahrtsleistungsbezug ein randphänomen war, dem der ruch von selbstverschuldung und asozialität anhaftet. während "wir" (ich zähle mich als jahrgang 1980 noch halb zur alten generation) diese entwicklung als einen zusammenbruch der heilen welt betrachten und krampfhaft versuchen, das kartenhaus noch ein bißchen länger stehen zu lassen, können die unvorbelasteten sie als ausgangslage verstehen, die problemstellung, die vernünftige, nachhaltige lösungen erfordert. ohne tabus und denkverbote.
#17
Geschrieben: 10. Januar 2011, 19:38
#18
Geschrieben: 12. Januar 2011, 09:06
In der Mediathek noch anschaubar
Bearbeitet von Tara, 12. Januar 2011, 09:06,
#20
Geschrieben: 12. Januar 2011, 23:44
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