Stil und Umgang
Ausraster
#1
Geschrieben: 07. November 2010, 14:42
Kurz, was mir die Art des Ministers gegenüber einem (wichtigen, wenn nicht gar dem wichtigsten) Mitarbeiter offenbart, ist jenes Benehmen, besser jenes Unbenehmen derer, die ganz vorn bei Entscheidungen stehen bzw. sitzen. Ist dieses Unbenehmen zwar auf Dauer demokratiefeindlich und somit selbstzerstörerisch, so hat sie doch Methode. Ob das nun in Stuttgart, oder gerade im beschaulichen Wendland ist: Die meisten vom Volk gewählten Vertreter düngen und pflegen ihr eigenes Fortkommen oder mindestens ihren eigenen Bestandsschutz. Eine der dadurch üppig wachsenden Pflanzen heißt Politikverdrossenheit.
http://www.sueddeuts...video/8156.html
Schäuble hat sich inzwischen entschuldigt. Auch in seiner Entschuldigung bleibt er sich treu. So in etwa: „Ich habe recht. Nur habe ich die Sache nicht richtig kommuniziert.“ – Wie auch? Mit einem gescholtenen Sprecher am Tisch.
#2
Geschrieben: 07. November 2010, 15:30
Wir alle kennen das: wenn wir genervt sind oder schmerzen haben dann kann man schonmal laut werden. Aber wie und was man dann sagt zeigt trotz alledem was man wirklich denkt. Und bei schäuble ist es der Gedanke etwas besseres zu sein. Immerhin macht er den politikerjob ja schon seit jahrzehnten in den höchsten ämtern. da hält man sich schon mal für etwas besseres.
#3
Geschrieben: 07. November 2010, 21:11
#4
Geschrieben: 08. November 2010, 13:58
ich finde es überdies auch traurig, wie unreflektiert in dem zusammenhang dieser unverhältnismäßige rüffel dämonisiert wird. ich empfand es als schlechten stil aber nicht persönlich beleidigend. anders als viele schlagzeilen zu prominenten in den medien, vom politiker über künstler bis hin zu fußballern. und wenn ich mal das pech habe und in der nähe eines fernsehgerätes mich aufhalte, wo rtl & co läuft, komplettiert sich dieses bild zu einer noch weitaus drastischeren bigotterie. wie leute vor talente-jurys in castingshows oder im pseudodokumentarischen "reality tv" öffentlich vorgeführt und gedemütigt werden, sprengt jeden maßstab, den man am fall schäuble festmachen wollte.
es sind letztenendes nur eine hand voll medien übrig, die ohne bigotterie über diesen vorfall berichten könnten, weil sie sich prinzipiel nicht an entwürdigenden darstellung beteiligen. diese medien berichten über diesen vorfall hingegen nicht oder allenfalls nur mittelbar über den medienrummel, weil sie eben integer sind und den nachrichtenwert des vorfalls erkennen: null.
#5
Geschrieben: 08. November 2010, 22:24
#6
Geschrieben: 09. November 2010, 10:37
#7
Geschrieben: 09. November 2010, 10:47
Die härtesten Pornos auf iPhone, iPad oder 1,5-Meter-Flachbildschirm sind der Regelfall, aber eine stillende Mutter (ja, ich find es ja im Gewandhaus auch seltsam) oder ein amouröses Pärchen in der U-Bahn machen einen erröten(d).
Metzeleien zwischen animierten Völkern bei Civilization 5, Age of Empires oder Einzelpersonen (jegliche Egoshooter) lassen uns fast kalt, personifiziert mit Individuen (sei es bei District 9 oder bei einer Heckenschütze-Attacke im TV) erwarten wir fast eine Warnung. Wenn die Tagesschau einen Mord aus nächster Nähe zeigt, etwa die Erschießung von Neda Agha-Soltan im Iran oder von Mafiaopfern auf Sizilien, dann wird diese Warnung sogar Wirklichkeit.
Vulgärattacken in Talkshows gehören zur Normalität, wenn es sich um den standardisierten sozialen Abschaum handelt, der sich gern für Geld in solchen Produktionen prostituiert, der sich zum Runtermachen eignet, obwohl er unten ist. Ein zeternder Minister ist nicht weniger schlimm, aber so eine Entgleisung (sprachlich sicher in elaborierterem Code, aber doch erkennbar unwürdig) auf einer Pressekonferenz wird nicht allein durch das mediale Hervorheben zu einem notwendigen Dokumentationsereignis.
#8
Geschrieben: 09. November 2010, 13:23
Es geht hier um eine Person mit einer sehr großen Machtfülle. Dieser Mann entscheidet für Deutschland und da ist dann schon entscheidend wie er Mitmenschen behandelt.
Es ist wichtig, dass Politiker eine gewisse moralische und ethische Mindestform im Respekt vor Menschen erfüllen. Ein Finanzminister ist kein Talkshowmoderator sondern der Mann der unser Geld verwaltet und ausgibt. Er ist eine öffentliche Person die uns vertritt und für uns handelt.
Andere Sachen sind ja auch schon in der Vergangenheit passiert. Zum Beispiel öffentliches Lügen im Bundestag:
Zitat:
Zitat
Am 10. Januar 2000 räumte Schäuble ein, von dem inzwischen zur Verhaftung ausgeschriebenen Waffenhändler Karlheinz Schreiber im Jahre 1994 eine Bar-Spende von 100.000 D-Mark für die CDU entgegengenommen zu haben. Am 31. Januar 2000 gab er ein weiteres Treffen mit Schreiber im Jahr 1995 zu. Die Schatzmeisterei der CDU habe den Betrag als „sonstige Einnahme“ verbucht.
Wir erinnern uns doch noch?
Es geht hier nicht um Atombomben in Civ oder um Sido. Es geht hier um ein öffentliches Amt und wenigsten da sollten wir gewisse moralische Leitplanken setzen.
Bearbeitet von Tara, 09. November 2010, 13:27,
#9
Geschrieben: 09. November 2010, 13:32
#10
#11
Geschrieben: 09. November 2010, 13:44
Es ist doch offensichtlich, dass er nur so gedrängelt hat, weil er Schmerzen hat. Mal abgesehen davon, dass er in dieser Situation offenbarte, was er von seinem Mitarbeiter hält, frage ich mich wie er da die Staatsfinanzen leiten will?
Er will und kann seinen Stuhl nicht räumen. Nicht wegen der Behinderung sondern weil er sich für so Wichtig hält. Und wenn so etwas passiert ist es immer schlecht für das Amt.
#12
Geschrieben: 09. November 2010, 14:01
Tara schrieb am 09. November 2010, 13:44:
Es ist doch offensichtlich, dass er nur so gedrängelt hat, weil er Schmerzen hat. Mal abgesehen davon, dass er in dieser Situation offenbarte, was er von seinem Mitarbeiter hält, frage ich mich wie er da die Staatsfinanzen leiten will?
ich weiß nicht. wenn politiker einen dauerwahlkampf durchziehen, wird sich darüber empört, daß zu wenig authentizität gezeigt wird. wenn ein politiker mal menschliche fehler macht, dann wird daraus alles mögliche abgeleitet, sei es drogeneinfluß, sei es schmerzreaktion, sei es abgehobenheit. ich sehe nach wie vor einen gestreßten mann, der wegen eines fehlers seines mitarbeiters dampf abläßt. ich halte es nach wie vor nicht für akzeptabel aus sicht des betroffenen (inakzeptabel in dem sinne, daß er eine entschuldigung verdient hat), aber auch nicht für relevant in bezug auf das geschäft des bundesfinanzministers. wären die präsentierten zahlen fehlerhaft oder würde die pressekonferenz einen zerstreuten schäuble zeigen, der nicht im vollbesitz seiner geistigen kräfte ist, dann wäre es etwas anderes. leider sehen wir aber in den medien an ähnlich prominenter stelle die pressekonferenz nicht und hören dort auch nichts zu den präsentierten zahlen.
in dieser beziehung stehe ich also voll hinter schäuble, obwohl ich ihn selbstverständlich aus politischen gründen für untragbar halte. ich erinnere mich nämlich auch noch an die spendenaffaire und danke auch herzlich für den hinweis darauf. mir ist wichtig, daß es die richtigen gründe sind, für die man einen politiker hinterfragt. in schäubles fall ist es meiner meinung nach nicht die irrationale stressreaktion in einem harmlosen kontext, sondern das kühl kalkulierte verhalten im cdu-spendenskandal, das seinen charakter offenbart.
und ich danke für den hinweis nicht zuletzt, weil er ebenfalls einen moment dokumentiert, der nicht gerade die sternstunde der deutschen medien war. man lasse sich das auf der zunge zergehen: es brauchte einen niederländischen journalisten, der eine wichtige, politisch relevante frage stellte, während die deutschen kollegen die kabinettsbildung nur abnickend zur kenntnis nahmen. nun dreschen die medien auf schäuble wegen politisch irrelevanten pillepalle ein. ich finde, das zeichnet ein erschreckendes bild der deutschen medienlandschaft.
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