Integrationskurse
Was sollen und was können sie leisten?
#1
Geschrieben: 19. August 2009, 15:42
Seit 2005 gibt es für alle Zuwanderer die Möglichkeit (und meistens auch die Pflicht) zur Teilnahme an einem so genannten „Integrationskurs“, d.h. Die Teilnehmer absolvieren zunächst einen Deutschkurs von 600 Stunden, den sie mit einer Prüfung abschließen (B1-Niveau nach dem Europäischen Referenzrahmen für Sprachen, wem das etwas sagt) und anschließend einen „Orientierungskurs“ von 45 Stunden (zunächst waren es 30, seit 2007 sind es 45), der ebenfalls mit einem Test beendet wird. Dieser Kurs gilt als Voraussetzung für eine Niederlassungserlaubnis.
Offiziell wurde die Debatte zum neuen Zuwanderungsgesetz ja bereits ausführlich vor ein paar Jahren geführt, vor der Einführung des Gesetzes 2005. Besonders im Gedächtnis geblieben, sind wohl die umstrittenen Abschlusstests des Orientierungskurses und die damit verbundene Leitkulturdebatte.
Die Idee mit dem Orientierungskurs ist nicht spezifisch deutsch, sondern auch gängige Praxis in anderen EU-Ländern. Allerdings geht es dort nicht in erster Linie um die Vermittlung von Faktenwissen zur Geschichte, Rechtsordnung oder Gesellschaft, sondern um pragmatisches Wissen, d.h. welche Behörden wofür zuständig sind, etc. Seit in Deutschland ein bundesweiter Standard der Integrationsmaßnahmen angestrebt wird (d.h. mit dem neuen Gesetz ist der Bund zuständig und nicht länger die Kommunen), ist auch die lokale Ausrichtung des Angebots mehr oder weniger verloren gegangen.
Viel interessanter finde ich jedoch die Erwartungen, die vor allem von Seiten der Politik, an einen solchen Integrationskurs geknüpft sind. Dass ausreichende Sprachkenntnisse grundlegend für einen Austausch mit der Bevölkerung eines Landes sind, ist denke ich, Konsens. Auch die Orientierungskurse könnten durchaus hilfreich sein, aber das war's dann auch schon. In den Niederlanden wurde ein sehr ähnliches Konzept bereits vor längerer Zeit eingeführt und mittlerweile wieder abgeschafft, da die Ergebnisse sehr ernüchternd waren.
Anscheinend ist die Annahme, dass sich Integrationsprozesse steuern lassen, bzw. in dem Maße steuern lassen, nicht richtig. Es ist fraglich, ob Integrationskurse wirklich das leisten können, was sie versprechen und das ist ja nichts weniger als „integrieren“. Ich habe gelesen, dass davon ausgegangen wird, dass die Schule nur ca. 15% zur Sozialisation der Schüler beitrage und ähnliches auch für Integrationskurse gelten kann. Problematisch ist allerdings vor allem die Reaktion auf „schlechte Ergebnisse“, dafür werden nämlich meist die Migranten verantwortlich gemacht, die sich wohl nicht genug „bemühten“. Als Antwort werden die entsprechenden Kurse zur Pflicht und die Verweigerung mit Nichtgenehmigen der Niederlassungserlaubnis und Geldstrafen geahndet. Dass gut konzipierte und attraktive Kursangebote z.T. so sehr nachgefragt werden, dass einigen Leuten sogar abgesagt werden muss, erscheint angesichts des vermeintlichen Integrationsunwillens dann irgendwie seltsam.
Ich denke Integrationskurse sind dennoch eine gute Investition und auch notwendig, aber mir scheint, dass ihr Einfluss doch überschätzt ist und sie sogar als Ausrede dafür dienen, sich nicht ausführlicher mit der Thematik befassen zu müssen.
Wie denkt ihr darüber? Was heißt Integration eigentlich genau und wie viel Integration braucht es um in Deutschland zu leben? Immerhin ist unsere Auffassung von Gesellschaft ja doch sehr liberal und kennt unzählige Lebensentwürfe, die alle ihre Berechtigung haben.
#4
Geschrieben: 31. August 2009, 23:26
Ob die Geschicht nun wichtig ist, um im Staate Deutschland leben zu können, zweifle ich mal an.
Wichtiger finde ich da schon das Augenmerk auf die Gesellschaft und den Staat zu legen. Verstehen wie der Staat funktioniert und seine Bevölkerung gesellschaftlich existiert, hat vorrang. Wen interessiert schon wie lange der 30. jährige Krieg gedauert hat.
Der Sprachkurs steht, für mich, nicht zur Diskussion.
Integration heisst für mich nicht, die menschen zu assimilieren, um als deutsch da zu stehen. Sie sollen sehen, verstehen und akzeptieren, dass es auch andere Arten von Gesellschaft gibt. Es ist leider nicht immer so.
Gruß Der_Anfang
Rechtschreib und Grammatikfehler sind gewollt. Wer welche findet, kann sie behalten!
#6
Geschrieben: 01. September 2009, 13:09
Kerberos schrieb am 01. September 2009, 11:13:
wie man auf den namen gekommen ist, kann ich auch nicht sagen, aber er soll wohl ausdrücken, dass sich die zuwanderer mithilfe des kursangebotes in deutschland "orientieren" können. in anderen ländern wurden namen wie "gesellschaftskundekurs" gewählt, was sicherlich präziser ist, hier aber vielleicht mit dem schulfach verwechselt wird. interessant ist jedoch, dass "orientieren" nicht in erster linie "wo finde ich was" meint, sondern wie oben beschrieben kenntniserwerb in geschichte, rechtsordnung und kultur deutschlands.
im zusammenhang mit der rechtsordnung bekommen die teilnehmer einen einblick in die rechte und pflichten eines staatsbürgers (und wenn sie alle fragen im anschluss an den kurs richtig beantworten, haben sie sogar eine chance einer zu werden), was ich durchaus gut finde. jeder sollte wissen was einem zu steht und welche rechte er hat (schön wäre es doch,w enn die neuesten änderungen in der integrationskursverordnung (ahh, diese langen wörter!), u.a. dass zuwanderer bestimmten informationspflichten nicht mehr nachkommen müssen, oder dass sie einen fahrtkostenzuschuss bekommen, wenn sie zur teilnahme verpflichtet wurden, auf die initiative eines erfolgreichen orientierungskursabsolventen zurückzuführen wäre, das wäre doch ein sehr gutes beispiel für integration
ob geschichte unbedingt teil des kurses sein sollte ist sicherlich ansichtssache, aber kultur? diesen punkt halte ich noch immer für extrem problematisch.
#8
Geschrieben: 02. November 2010, 19:45
Vor 2005 hatte ich das Glück an einem Modellprojekt in Vorbereitung der Kurse mitzuwirken. Schließlich gab es auch vor 2005 Sprachkurse, damals aber noch vom Arbeitsamt finanziert und mit mehr als 800 Unterrichtsstunden. Doch die Zugangsvoraussetzungen waren schlimm. Die Prüfungen der alten Kurse (mit mehr Stunden) glichen haargeneu denen der neuen Kurse. Inzwischen gibt es auch berufsbezogene Sprachkurse, die gefördert werden. Im Sommer erzählte ich freudig davon einer Bekannten. "Solche Kurse finde ich gut", meinte sie. "Und die gibts für deutsche Arbeitnehmer?"
#9
Geschrieben: 03. November 2010, 14:18
wenn über integrationskurse diskutiert wird, dann wünschte ich, es würde weniger fieberhaft nach so genannten "integrationsverweigerern" gefahndet, als vielmehr nach tatsächlichen verbesserungen gesucht. die stundenanzahl z.b., 600 stunden sprachunterricht sind für die meisten zu wenig. wer sich mal überlegt wie lang er gebraucht hat um einigermaßen englisch sprechen zu können, wird das nachvollziehen können. in einigen teilen deutschlands gibt es nicht genug integratinoskursplätze, sodass interessenten abgesagt werden muss. die berufsbezogenen sprachkurse sind in jedem fall ein schritt in die richtige richtung. allerdings bringt alle qualifizierung nichts, wenn menschen mit fremd klingenden namen diskriminiert werden, wie mir von einigen teilnehmern schon berichtet wurde. und dann ist da natürlich noch die bezahlung der lehrkräfte. diese werden vom bund bezahlt und das leider mehr schlecht als recht. es ist kaum möglich mit einem integrationskursgehalt einigermaßen über die runden zu kommen.
#10
Geschrieben: 03. November 2010, 19:26
Heute gab es auf dem DLF einen guten Beitrag zum Wort Integrationsverweigerer (dem Unwort 2010?).
#11
Geschrieben: 03. November 2010, 23:38
flaschenpost.sitebob schrieb am 03. November 2010, 19:26:
Heute gab es auf dem DLF einen guten Beitrag zum Wort Integrationsverweigerer (dem Unwort 2010?).
oh sehr schön. unbedingt hörenswert!
#14
Geschrieben: 07. November 2010, 11:41
#16
Geschrieben: 14. Dezember 2010, 22:01
BTW:
Ich war vor einer Weile in so einem Auslandsvermittlungscenter des Arbeitsamtes, und habe dort nachgefragt was sie mir an Ratschlägen oder gar Kontakten zum englischsprachigen Ausland anbieten könnten. Der Typ hinter dem Tresen zuckte mit den Schultern und meinte darauf ganz deprimiert, dass sie niemanden mehr hätten der Englisch spreche, somit seinen alle Kontakte weggebrochen. Von daher wundert es mich auch nicht, dass man bei den Integrationskursen für Ausländer einspart.
#18
Geschrieben: 15. Dezember 2010, 19:54
Trotzdem: Die Integrationskurse sind im Moment immer noch das Herzstück der Hilfe für Zugewanderte. Im Moment noch. Wer sagt denn, dass es bei diesen Kursen bleibt/bleiben muss. Auf der anderen Seite steht natürlich, dass Reformen hierzulande scheinbar einzig dazu dienen, Geld zu sparen. Wie gesagt: Vor Inkrafttreten des sogenannten Zuwanderungsgesetzes* gab es für die Spätaussiedler, anerkannte Flüchtlinge und Kontingentflüchtlinge 870 Unterrichtsstunden. Nach 2005 hatten viel mehr Leute Zugang zu einem Sprachkurs - jedoch mit weit weniger Unterrichtsstunden. Ich erinnere mich noch gut an die Unterschriften gegen die abgespeckte Stundenzahl. Dagegen gab es Leute, die die erweiterte Spanne von Zuwanderen, die ab da einen Sprachkurs besuchen durften, begrüßten. Dazu gehörte ich.
*) Das Gesetz unterstreicht mit seinem eigentlichen Titel eben nicht die Zuwanderung.
#19
Geschrieben: 15. Dezember 2010, 21:53
flaschenpost.sitebob schrieb am 15. Dezember 2010, 19:54:
da haben wir ein mißverständnis und seine auflösung. ich meinte nicht, daß sarrazin für die nichtunterzeichnung einer solchen petition verantwortlich ist, sondern, daß all die leute, die sarrazin zujubeln und sich an einem unsäglichen wettlauf um die steilste these zur rettung unserer nation beteiligen, offenbar nicht die wirklichen probleme und die wirklichen bemühungen, sie zu lösen, auf dem schirm haben. all die checker, die auskenner, die "ich hab das aus sicherer quelle" skandierenden, die scheinbar überall einem ihren quark aufdrängeln wollen, vermisse ich hier. und ja, da hast du vollkommen recht: das thema berührt sie nicht. es ging nie um integration, sondern um desintegration.
wir können ja die petition beobachten und zusehen, wer alles unterschreibt und wie darüber wo berichtet werden wird. gerade letzteres dürfte hochinteressant werden, denn hier haben die medien doch endlich die chance, das thema integration unaufgeregt und sachlich zu präsentieren. wird es wochenlang features geben? werden talkshows abgehalten werden, in denen spitzenpolitiker sich über die notwendigkeit und den umfang von qualifizierten deutschunterricht unterhalten/gegenseitig anschreien? werden umfragen aufs volk losgelassen, um herauszufinden, welches sprachniveau man sich vom türkischen gemüsehändler oder ukrainischen altenpfleger wünscht?
Zitat
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*) Das Gesetz unterstreicht mit seinem eigentlichen Titel eben nicht die Zuwanderung.
ist nicht beides sinnvoll? mich stört im eigentlichen die inkonsequenz des gesetzgebers. es ist zweierlei denkbar: das amerikanische modell des meltingpots oder das gegenmodell der leitkultur, sofern wir hier nur über sprache reden. ich sehe aus kultureller perspektive eigentlich keine notwendigkeit für einen zwingenden spracherwerb, wenngleich viel dafür spricht. zum beispiel erleichtert es den deutsch-muttersprachlern, immer und überall teilhaben zu können, wenn jeder hierzulande deutsch spricht. jeder meint natürlich jeden, den man dazu zwingen kann, also jeden nicht-eu-bürger. und hier ist auch der knackpunkt, der das ganze konzept der integration qua spracherwerb bereits unterminiert. das modell europa tickt anders, nämlich vielsprachig. die kulturelle identität des europäers ist nicht an sprache gebunden, so wie die kulturelle identität des deutschen ja (sorben und dänen einbezogen) streng genommen auch nicht an der sprache festgemacht werden kann, wenigstens aber nicht an der form und farbe, in der diese sprache uns in bayern, sachsen, friesland oder schwaben aus dem mund bröckelt. aber geschenkt, denn trotz mangelnder notwendigkeit schadet es nicht per se, die integration am spracherwerb festzumachen. wenn man das aber so möchte, dann muß man auch bereit sein, die kosten dafür zu tragen.
es ist ja genau das, was in letzter zeit wieder passiert ist: die kosten für deutsche bequemlichkeit sollen externalisiert werden, also auf die migranten abgewälzt werden. vorsorglich werden die erstmal als integrationsunwillige dargestellt, wenn sie einen suboptimalen deutschunterricht abbrechen oder verweigern. über die tiefe des integrationsbegriffes wurde gar nicht nachgedacht, er ist synonym mit dem petitionsinhalt, nämlich mit sprachunterricht im rahmen des integrationskurses bis maximal niveau b1. das ist traurig genug, aber konsequenterweise müßte doch jetzt hier das ringen um mehr integration toben, wenn denn die öffentliche debatte irgendwie ernst gemeint war. war sie aber wohl leider nicht.
#20
Geschrieben: 30. Dezember 2010, 12:33
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