Inhalte aufrufen


Integrationskurse
Was sollen und was können sie leisten?


25 Antworten zu diesem Thema

#21 Kerberos

    Newbie

  • Technik
  • PunktPunktPunkt
  • 834 Beiträge
  • Location:Magdeburg

Geschrieben: 31. Dezember 2010, 11:06

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 15. Dezember 2010, 21:53:

ist nicht beides sinnvoll? mich stört im eigentlichen die inkonsequenz des gesetzgebers. es ist zweierlei denkbar: das amerikanische modell des meltingpots oder das gegenmodell der leitkultur, sofern wir hier nur über sprache reden.

Funktioniert das Modell der Leitkultur (Ich verstehe Homogenität) überhaupt in der Realität oder ist es nicht sowieso zum Scheitern verurteilt, sowie eine gewissen Einflussschwelle der externen Kulturen überschritten ist? Wie schaut es denn in der Wirklichkeit aus? Ich verstehe diese Modelle jetzt als politische Modelle, also Wunschkonzerte.

Bei Wikipedia steht z.B. folgendes unverständliches Blahblah:

Zitat

Hier ist der Unterschied zwischen denjenigen Gesellschaften in Europa von Belang, deren gewachsene Identität auf den Citoyen/Citizen bezogen ist, also nicht exklusiv ist (d. h. den Einwanderern nicht nur einen Pass, sondern auch eine Identität bietet), und solchen, die der Ethnizität verhaftet sind. Diese anderen europäischen Gesellschaften, die sich ethnisch-exklusiv definieren - wie etwa Deutschland als „Kulturnation“ - können den Einwanderern keine Identität geben; sie müssen einen kulturellen Wandel vollziehen, um die Fähigkeit zu einer Integration von Einwanderern zu erlangen. Integration erfordert, in der Lage zu sein, eine Identität zu geben. Zu jeder Identität gehört eine Leitkultur!

Wow... Citizen, Identität, Ethnizität, Gesellschaften, Kulturnation, Integration und Leitkultur. Leider wird nicht klar was der überhaupt sagen wollte.

Beim Aufnehmen des oberen Gedankens hab ich mich aber auch an dem großen Einfluss der angelsächsischen Kultur gestoßen. Kann man überhaupt in Deutschland von Leitkultur sprechen? Woran macht sich Leitkultur fest? Meiner Meinung definiert sich vieles über die Grammatik einer Sprache, aber auch die Betonung der Worte. Das ist nun zugegeben ein sehr tiefer Ansatz, aber die Sprache in der man denkt ist die in der man sich verfängt. Das Englische kommt heute mit so großem Selbstbewusstsein daher, wie das Deutsche vielleicht vor dem 1. Weltkrieg. Der Einfluss des Arabischen, Türkischen, usw. ist eigentlich gleich null.
Ist Leitkultur und Meltingpot auch überhaupt Vergleichbar? Leitkultur wird ja im Absatz über diesen unverständlichen Abschnitt in der Wikipedia zum gesellschaftlichen Wertekonsens nivelliert. Wie ist das beim Meltingpot?

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 15. Dezember 2010, 21:53:

ich sehe aus kultureller perspektive eigentlich keine notwendigkeit für einen zwingenden spracherwerb, wenngleich viel dafür spricht. zum beispiel erleichtert es den deutsch-muttersprachlern, immer und überall teilhaben zu können, wenn jeder hierzulande deutsch spricht. jeder meint natürlich jeden, den man dazu zwingen kann, also jeden nicht-eu-bürger. und hier ist auch der knackpunkt, der das ganze konzept der integration qua spracherwerb bereits unterminiert. das modell europa tickt anders, nämlich vielsprachig. die kulturelle identität des europäers ist nicht an sprache gebunden, so wie die kulturelle identität des deutschen ja (sorben und dänen einbezogen) streng genommen auch nicht an der sprache festgemacht werden kann, wenigstens aber nicht an der form und farbe, in der diese sprache uns in bayern, sachsen, friesland oder schwaben aus dem mund bröckelt. aber geschenkt, denn trotz mangelnder notwendigkeit schadet es nicht per se, die integration am spracherwerb festzumachen. wenn man das aber so möchte, dann muß man auch bereit sein, die kosten dafür zu tragen.

Das halte ich für illusorisch. Niemand kann ohne die deutsche Sprache zu verstehen in Deutschland bestehen. Deutsch in nationaler Dimension gesehen, ist die Sprache des öffentlichen Lebens, wie auch Geschäftssprache. Ob hier lokale Mundmische oder ein schräg klingender Akzent hinzukommt ist da irrelevant. Wer es nicht lernen möchte und den Anstand aufbringt in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen, der hat schlechte Karten. Das mit der Integration in Europa finde ich aber interessant. Wo liegen hier denn die Verbindungslinien? Sind das hauptsächlich wirtschaftliche Faktoren? Also wie stark wird der Einfluss der Sprache gesehen?

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 15. Dezember 2010, 21:53:

es ist ja genau das, was in letzter zeit wieder passiert ist: die kosten für deutsche bequemlichkeit sollen externalisiert werden, also auf die migranten abgewälzt werden. vorsorglich werden die erstmal als integrationsunwillige dargestellt, wenn sie einen suboptimalen deutschunterricht abbrechen oder verweigern. über die tiefe des integrationsbegriffes wurde gar nicht nachgedacht, er ist synonym mit dem petitionsinhalt, nämlich mit sprachunterricht im rahmen des integrationskurses bis maximal niveau b1. das ist traurig genug, aber konsequenterweise müßte doch jetzt hier das ringen um mehr integration toben, wenn denn die öffentliche debatte irgendwie ernst gemeint war. war sie aber wohl leider nicht.

Sollte man den Kurs dann nicht erst einmal Sprachkurs nennen? Ansonsten entsteht bei mir der Eindruck, das die Politiker mit dem Wort hier nur Neusprech generierten um ihre eigene Mittellosigkeit zu verdecken. Wie sehen solche Mittel überhaupt aus? Was muss man über den Sprachkurs hinaus tun?

#22 bogarnil limdal

    Newbie

  • Moderatoren/Verein
  • PunktPunktPunkt
  • 1.643 Beiträge

Geschrieben: 01. Januar 2011, 15:25

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 31. Dezember 2010, 11:06:

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 15. Dezember 2010, 21:53:

ist nicht beides sinnvoll? mich stört im eigentlichen die inkonsequenz des gesetzgebers. es ist zweierlei denkbar: das amerikanische modell des meltingpots oder das gegenmodell der leitkultur, sofern wir hier nur über sprache reden.

Funktioniert das Modell der Leitkultur (Ich verstehe Homogenität) überhaupt in der Realität oder ist es nicht sowieso zum Scheitern verurteilt, sowie eine gewissen Einflussschwelle der externen Kulturen überschritten ist? Wie schaut es denn in der Wirklichkeit aus? Ich verstehe diese Modelle jetzt als politische Modelle, also Wunschkonzerte.

wunschkonzert trifft es gut. das problem an der leitkultur ist, daß sich der begriff des leitens zwar umreißen läßt, der begriff der kultur sich jedoch einer alltagstauglichen definition entzieht. deswegen halte ich die leitkulturdebatte nur in bezug auf das kulturmerkmal sprache überhaupt führbar. für alles andere fehlt zum einen eine eindeutige definition von kultur als auch ein nachvollziehbarer eindeutiger kanon für deren deutsche variante. man kommt, wenn man denn überhaupt ernsthaft den versuch unternimmt (was ich nämlich bei den leitkulturbefürwortern nicht sehe), bei einer sehr schwammigen vorstellung von kultur heraus. wunschkonzert bezieht sich also treffend auf den wunsch, daß es überhaupt erstmal sowas wie eine deutsche kultur in greifbarer gestalt gäbe.

im politischen modell "leitkultur" wird so getan, als gäbe es die leitkultur. es wird hernach eingefordert, daß sich jeder dieser leitkultur unterwerfe. dann gibt es für gewöhnlich applaus und das war es dann auch schon. konkrete tatbestandsmerkmale fehlen, konkrete handlungsanforderungen bleiben aus. die sich zu integrierenden werden mit dem problem alleingelassen, herauszufinden, was denn diese kultur eigentlich ist, von der sie sich leiten lassen sollen. im besten falle versteht es der integrationswillige als ausprägung des französischen asimilationsgedankens bzw. des amerikanischen meltingpots. d.h. er bekennt sich für sich selbst als primär loyal zur deutschen gesellschaft, der er angehört. und hier geht das problem erst richtig los: diese integration aus dem bekenntnis heraus ist im modell der leitkultur wegen des fehlens konkreter tatbestände immer von der anerkennung der bereits anerkannt deutschen abhängig. und die wird völlig willkürlich verwehrt, sei es wegen der falschen religionszugehörigkeit, der falschen herkunft oder der falschen hautfarbe. mir klingelt noch der satz meiner nachbarin im ohr: "die können einen deutschen pass haben, deutsch sind die trotzdem nicht".

Zitat

Bei Wikipedia steht z.B. folgendes unverständliches Blahblah:

Zitat

Hier ist der Unterschied zwischen denjenigen Gesellschaften in Europa von Belang, deren gewachsene Identität auf den Citoyen/Citizen bezogen ist, also nicht exklusiv ist (d. h. den Einwanderern nicht nur einen Pass, sondern auch eine Identität bietet), und solchen, die der Ethnizität verhaftet sind. Diese anderen europäischen Gesellschaften, die sich ethnisch-exklusiv definieren - wie etwa Deutschland als „Kulturnation“ - können den Einwanderern keine Identität geben; sie müssen einen kulturellen Wandel vollziehen, um die Fähigkeit zu einer Integration von Einwanderern zu erlangen. Integration erfordert, in der Lage zu sein, eine Identität zu geben. Zu jeder Identität gehört eine Leitkultur!

Wow... Citizen, Identität, Ethnizität, Gesellschaften, Kulturnation, Integration und Leitkultur. Leider wird nicht klar was der überhaupt sagen wollte.

der absatz ist ziemlich akademisch gehalten, aber weitgehend korrekt. lediglich die schlußfolgerung ist absurd und mitsamt des ausrufezeichens auch untypisch für wikipedia, da die sich als bestand des wissens und nicht als theoriefindung versteht. ich werde das nachher mal wegeditieren. edit: der absatz im wikipediaartikel ist ein wörtliches zitat des kollegen bassam tibi

  • citizen - damit ist die staatsbürgerschaft gemeint. man gehört zum kulturkreis dazu, weil man als staatsbürger träger dieser kultur ist. das geht immer dann, wenn die "gewachsene identität auf den citizen bezogen ist". frankreich und die usa sind die musterbeispiele. obwohl sie verschiedene integrationsmodelle verfolgen, gelten in beiden ländern die staatsbürger unbestreitbar als träger der kultur. die kultur ist sozusagen eine abhängige variable im rahmen eines wertesystems, auf das sich alle mehr oder weniger einigen können und das keine krücke eines leitfadens bedarf, wie es ja eigentlich auch in wirklichkeit ist. mit der loyalität zum staat erkennt man den rahmen an, innerhalb dessen sich die kultur entfaltet (z.b. freiheit, gleichheit, brüderlichkeit). wie die kultur sich entwickelt, liegt dann an den kulturschaffenden selbst, also praktisch an jedem einzelnen.
  • ethnizität - damit ist der schwammige bereich der herkunft gemeint. schwammig ist der, weil herkunft sowohl geographie, staatsangehörigkeit, religion, "rasse" oder auch kultur meinen kann. in letzterem falle ist die sache offensichtlich selbstreferenziell, d.h. es ist praktisch nicht möglich, sich zu integrieren, wenn man nicht ohnehin drin ist. aber selbstreferenziell ist das modell praktisch eigentlich immer, da die kultur auch als abhängige variable ja immer als kultur der leute mit gleicher herkunft, staatsangehörigkeit, religion oder "rasse" daherkommt und man mit der falschen merkmalsausprägung ein fremdkörper ist. typisch ist dieser bezug der kultur für deutschland, historisch bedingt vor allem auf die nationale identität bezogen, aber leider auch auf das merkmal der "rasse". typisch ist es aber auch für das alte frankreich, die "grande nation" des vorrevolutionären katholischen territorialstaates. unser nachbarland ist in dieser hinsicht noch immer kulturell tief gespalten, einerseits hochmodern und andererseits mit fragiler anbindung an wirkmächtige traditionen. trotzdem haben es die franzosen geschafft, ihr kulturelles selbstbild mit der bürgerlichen revolution und deren freiheitliche errungenschaften zu verknüpfen. uns deutschen ist das leider nicht gelungen, wir befinden uns kulturell noch immer im koordinatensystem des kampfes um einen einheitlichen deutschen territorialstaates, mit allen identitätsressourcen, die im 19. jahrhundert ins feld geworfen wurden. so ist verständlich, daß die christliche kultur betont, der streit der konfessionen hingegen unter den teppich gekehrt wird - ergebnis: wir reiben uns am islam, weil wir die in unserem fall verbindende perspektive der gleichen religion und nicht die in unserem fall spaltende perspektive der konfession als identitätsmerkmal herausgepickt haben. das führt dazu, daß die aktuelle integrationsdebatte unter dem schatten einer spaltenden vorstellung von leitkultur geführt wird. das gleiche gilt für die nationale ethnizität. die kleinstaaterei befand sich in der mitte des deutschsprachigen siedlungsraumes. da war es logisch, an die gemeinsame deutsche herkunft zu appellieren. man muß blos mal nach österreich schauen, um zu sehen, daß die nationale herkunft nicht unbedingt eine identitätsressource sein muß sondern im schlimmsten fall sogar die identität zerstört. das reich der habsburger war über jahrhunderte ein multiethnisches reich und hatte seine modernisierung inklussive entwicklung einer bürgerschaft nur solange erfolgreich durchführen können, wie die ethnische herkunft irrelevant für die loyalität war. österreich identifizierte sich als ein vaterland für viele nationen. erst das aufkommen des nationalismus und auch dessen instrumentalisierung zum zwecke der destabilisation hat den multiethnischen und (nur!) aus deutscher perspektive multikulturellen koloss ins wanken gebracht.

Zitat

Beim Aufnehmen des oberen Gedankens hab ich mich aber auch an dem großen Einfluss der angelsächsischen Kultur gestoßen. Kann man überhaupt in Deutschland von Leitkultur sprechen? Woran macht sich Leitkultur fest? Meiner Meinung definiert sich vieles über die Grammatik einer Sprache, aber auch die Betonung der Worte. Das ist nun zugegeben ein sehr tiefer Ansatz, aber die Sprache in der man denkt ist die in der man sich verfängt. Das Englische kommt heute mit so großem Selbstbewusstsein daher, wie das Deutsche vielleicht vor dem 1. Weltkrieg. Der Einfluss des Arabischen, Türkischen, usw. ist eigentlich gleich null.
Ist Leitkultur und Meltingpot auch überhaupt Vergleichbar? Leitkultur wird ja im Absatz über diesen unverständlichen Abschnitt in der Wikipedia zum gesellschaftlichen Wertekonsens nivelliert. Wie ist das beim Meltingpot?

ich sehe es ähnlich wie du. zumindest sehe ich die sprache als einzig greifbares potentielles merkmal von kultur. dennoch bin ich vorsichtig, wenn über die einstreuung fremder sprachteile eine verwässerung der kultur vermutet wird. oft wird da nur auf die vokabeln geschaut und ich finde deinen ansatz, die grammatik wichtiger zu nehmen, sehr interessant. die englischen begriffe werden ja immerhin eingedeutscht, also durch die grammatikmühle gedreht. wir googeln, wir laden down oder haben downgeloadet, wir twittern, wir joben, wir surfen, wir gehen shoppen. da ist die deutsche grammatik tatsächlich dominanter als der englische einfluß. außerdem sehen wir heute begriffe und einflüsse aus anderen kulturräumen als selbstverständliche bestandteile unserer deutschen kultur an. so vieles kommt aus dem arabischen, z.b. die ziffern mitsamt der großartigen null. unsere urdeutsche marschmusik haben wir von den türken geklaut. der gedanke einer leitkultur bedeutet ja immer, daß heute festgelegt wird, welcher einfluß zulässig ist und welcher nicht. im schlimmsten fall bedeutet er, daß gar kein einfluß zulässig ist. das ist nicht nur völlig blöde, sondern auch zum scheitern verurteilt. sorgt aber trotzdem dafür, daß menschen ganz real angefeindet und ausgegrenzt werden auf basis eines unklaren gefühls von zugehörigkeit.

tatsächlich ist das kein wertekonsens. der wertekonsens besteht erst im modell des meltingpots bzw. der salad bowl. meltingpot heißt, die kultur besteht aus einer melange aller einflüsse. salad bowl heißt, kultur ist der bestand aller subkulturen. es ist egal, welches modell man präferiert, in der praxis heißt es jeweils, daß die kultur als realer bestand akzeptiert wird und jeder kulturschaffende als träger dieser kultur anerkannt ist. und kulturschaffend ist in diesem sinne praktisch jeder, der in die gesellschaft hineintritt und irgendwas macht. und sei es, mit offenem mund kaugummi kauen.

Zitat

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 15. Dezember 2010, 21:53:

ich sehe aus kultureller perspektive eigentlich keine notwendigkeit für einen zwingenden spracherwerb, wenngleich viel dafür spricht. zum beispiel erleichtert es den deutsch-muttersprachlern, immer und überall teilhaben zu können, wenn jeder hierzulande deutsch spricht. jeder meint natürlich jeden, den man dazu zwingen kann, also jeden nicht-eu-bürger. und hier ist auch der knackpunkt, der das ganze konzept der integration qua spracherwerb bereits unterminiert. das modell europa tickt anders, nämlich vielsprachig. die kulturelle identität des europäers ist nicht an sprache gebunden, so wie die kulturelle identität des deutschen ja (sorben und dänen einbezogen) streng genommen auch nicht an der sprache festgemacht werden kann, wenigstens aber nicht an der form und farbe, in der diese sprache uns in bayern, sachsen, friesland oder schwaben aus dem mund bröckelt. aber geschenkt, denn trotz mangelnder notwendigkeit schadet es nicht per se, die integration am spracherwerb festzumachen. wenn man das aber so möchte, dann muß man auch bereit sein, die kosten dafür zu tragen.

Das halte ich für illusorisch. Niemand kann ohne die deutsche Sprache zu verstehen in Deutschland bestehen. Deutsch in nationaler Dimension gesehen, ist die Sprache des öffentlichen Lebens, wie auch Geschäftssprache. Ob hier lokale Mundmische oder ein schräg klingender Akzent hinzukommt ist da irrelevant. Wer es nicht lernen möchte und den Anstand aufbringt in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen, der hat schlechte Karten. Das mit der Integration in Europa finde ich aber interessant. Wo liegen hier denn die Verbindungslinien? Sind das hauptsächlich wirtschaftliche Faktoren? Also wie stark wird der Einfluss der Sprache gesehen?

aber in anderen ländern funktioniert vielsprachigkeit. in der schweiz ist es jedenfalls kein problem, daß vier sprachen anerkannt gesprochen werden. ich denke, es ist aber auch für schweizer ein problem, sich vorzustellen, daß in irgend einem kanton türkisch als offizielle sprache eingeführt würde, weil dort viele menschen türkischmuttersprachler seien. es läuft immer auf den bestandsschutz hinaus und in deutschland war eine sprachminderheit wie gesagt nie relevant. je weiter man nach südosten geht, umso heterogener wird es jedoch. trotzdem haben jahrhundertelang die menschen relativ einträglich miteinander gelebt und erst das aufkommen des politischen nationalismus im 19. jahrhundert hat das große blutvergießen ausgelöst. aber auch das ging an uns deutschen vorbei. wir haben weder die erfahrung noch das trauma in unserer kulturgeschichte. aber wir können dank europa einen eigenen blickwinkel entwickeln. die grenzen sind offen, wir deutsche können in ganz europa unseren wohnsitz aufschlagen ohne zwingend die sprache erlernen zu müssen. die erfahrung zeigt, daß es für den alltag meistens besser aber selten zwingend notwendig ist, die landessprache zu beherrschen. und je mehr deutsche man um sich hat, desto einfacher wird es.

Zitat

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 15. Dezember 2010, 21:53:


es ist ja genau das, was in letzter zeit wieder passiert ist: die kosten für deutsche bequemlichkeit sollen externalisiert werden, also auf die migranten abgewälzt werden. vorsorglich werden die erstmal als integrationsunwillige dargestellt, wenn sie einen suboptimalen deutschunterricht abbrechen oder verweigern. über die tiefe des integrationsbegriffes wurde gar nicht nachgedacht, er ist synonym mit dem petitionsinhalt, nämlich mit sprachunterricht im rahmen des integrationskurses bis maximal niveau b1. das ist traurig genug, aber konsequenterweise müßte doch jetzt hier das ringen um mehr integration toben, wenn denn die öffentliche debatte irgendwie ernst gemeint war. war sie aber wohl leider nicht.

Sollte man den Kurs dann nicht erst einmal Sprachkurs nennen? Ansonsten entsteht bei mir der Eindruck, das die Politiker mit dem Wort hier nur Neusprech generierten um ihre eigene Mittellosigkeit zu verdecken. Wie sehen solche Mittel überhaupt aus? Was muss man über den Sprachkurs hinaus tun?

ich finde die bezeichnung auch irreführend. der sprachkurs heißt integrationskurs während der gesellschaftskundeanteil orientierungskurs genannt wird. so habe ich das jedenfalls verstanden. ich teile den eindruck, daß hier die begriffe ein ergebnis suggerieren, das so nicht gegeben ist. ich finde auch, daß der kurs sprachkurs heißen sollte.

wie die mittel aussehen, ist schwer zu sagen. ich denke, als erstes sollte der sprachunterricht konsequenter sein. er sollte besser gefördert werden und vor allem länger sein. wir haben in der schule mehrere jahre sprachunterricht gehabt um auf niveau b2 oder c1 zu kommen. von den migranten wird erwartet, daß sie innerhalb von sechs monaten auf niveau b1 kommen. das ist eine harte vorgabe einerseits, andererseits ist dann das erreichte niveau eigentlich viel zu niedrig für eine echte integration, so wie sie offensichtlich beabsichtigt ist: eine integration in den arbeitsmarkt nämlich.

über den sprachkurs hinaus muß die bereitschaft der deutschen ureinwohner gefördert werden, kontakt zu migranten aufzunehmen, sie in ihrer mitte zu akzeptieren, sie nicht auszugrenzen. das läßt sich schwer verordnen, aber es gibt genügend ansätze oder vermeidungsstrategien. zuallererst sollten die politiker in sich gehen und ihren eigenen standpunkt zu migranten beleuchten. denn gerade politiker sind die geistigen brandstifter, wenn sie in den regelmäßig hochkochenden oberflächlichen debatten dem "volk aufs maul schauen" und sich ausgrenzend äußern.

#23 bogarnil limdal

    Newbie

  • Moderatoren/Verein
  • PunktPunktPunkt
  • 1.643 Beiträge

Geschrieben: 01. Januar 2011, 18:38

hier hatte ich meinen standpunkt zur identitätsfrage übrigens schonmal erörtert. identität hat zwei seiten, das selbstbild und die anerkennung durch die anderen. beides muß positiv gleichgerichtet sein, sonst klappt es nicht mit der integration.

#24 bogarnil limdal

    Newbie

  • Moderatoren/Verein
  • PunktPunktPunkt
  • 1.643 Beiträge

Geschrieben: 04. Februar 2011, 10:05

Beitrag anzeigenAn Chiardhuibh schrieb am 14. Dezember 2010, 21:34:

Im Moment läuft eine Online-Petition gegen die Sparmaßnahmen in der Integrationspolitik, d.h. bei den Integrationskursen. Die Petition richtet sich an das Innenministerium und kann hier gelesen und auch unterzeichnet werden.

heute ist der letzte tag. lange zeit dümpelte die petition auf ca. 350 stimmen herum, aber dann hat sie die richtigen multiplikatoren erreicht und ist nun auf 950 nach oben geschossen. schaffen wir die tausend? wenn ihr es noch nicht getan habt, dann gebt euch einen ruck und unterstützt das anliegen! und vergeßt nicht, den link weiterzuverbreiten!

#25 Spottdrossel

    Advanced Member

  • Mitglieder
  • PunktPunktPunkt
  • 285 Beiträge

Geschrieben: 05. Februar 2011, 00:06

Endstand 1001 Stimmen.

#26 flaschenpost.sitebob

    Advanced Member

  • Mitglieder
  • PunktPunktPunkt
  • 132 Beiträge

Geschrieben: 04. Mai 2011, 19:00

Heute fand der erste Workshop zu den acht Leitlinien zur Integration von Migrantinnen und Migranten in Leipzig statt. Die Leitlinien wurden im Januar 2011 vom Stadtrat (mit einer Gegenstimme) angenommen und dienen als Grundlage für das bis zum 1. Quartal 2012 zu erstellende Gesamtkonzept zur Integration von MigrantInnen in Leipzig. Zum heutigen vierstündigen Workshop zum Thema Schule, Studium, Spracherwerb hatten zahlreiche Vertreter aus den Ämtern, Schulen und Vereinen ihre Büros veralassen und waren ins Rathaus geeilt. (Wer das sogenannte Turmzimmer, den Raum 270, kennt, weiß um die seltene Akustik darin. Ständig war ich geneigt, an meinem Hörgerät zu fummeln.) Auch Referenten der FDP, der CDU sowie der Linken stellten sich wortreich vor. Wussten die Frauen und Männer aus den Ämtern, Schulen und Vereinen noch ganz gut, worüber mensch eigentlich sprach, gaben sich die beiden Damen von der FDP und der CDU bescheiden, was ihr Wissen anging. (Eine Weile bemühte ich mich, der Dame von der CDU ein paar Eckpunkte mit auf den Weg zu geben. Schließlich kam ich als Vertreter einer Schule und in dieser Rolle verspüre ich immer ein gewisses Sendungsbewusstsein.) Die jugendliche Unkenntnis der Referentinnen wäre keiner Rede wert, wenn nicht gerade sie sich bereits nach der ersten Pause vom debattieren Volk verabschiedeten hätten. Nach der Pause hockten also wieder die zusammen, die einigermaßen im Bilde waren, worum es ging. Doch jene Vertreter der Vertreter, die dann das Gesamtkonzept vertreten und verabschieden werden, waren längst zum nächsten Workshop geeilt.





1 Benutzer lesen gerade dieses Thema

0 Mitglied(er), 1 Gast/Gäste und 0 anonyme(s) Mitglied(er)