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Islamismus
Wie ein Begriff seine Aussage verliert.


5 Antworten zu diesem Thema

#1 bogarnil limdal

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Geschrieben: 15. Januar 2011, 15:33

Heute gab es einen dieser denkwürdigen Momente. Im Deutschlandfunk, dem qualitativ hochwertigsten Journalismusangebot, das hierzulande durch den Äther gejagt wird, wurde ein Maghrebexperte zur gegenwärtigen Situation in Tunesien befragt. Es ging in der Analyse natürlich auch darum, was nun kommen werde, ob sich die Diktatur erhalte oder ein neues Regime an seine Stelle trete und welches das sein könne. Dem Experten war es wichtig, anzumerken, daß die Revolte nicht von islamistischen Aktivisten getragen wurde, daß diese vielmehr eher durch Abwesenheit auffielen. Dies sei auch Folge der Unterdrückung durch das Regime Ben Alis, das die Islamisten "körperlich gebrochen" habe, so der Experte. Der Moderator griff diese leicht euphemistische Anmerkung in einer Weise auf, die gleichzeitig erschreckend für den journalistischen Standard wie leider aber auch typisch für die deutsche Wahrnehmung des Phänomens Islamismus ist:

Der Moderator sagte sinngemäß, daß das Regime Ben Alis für diese Zerschlagung des Terrorismus ja in der westlichen Welt Anerkennung bekommen habe.

In der Konsequenz ist diese Aussage leider noch nicht einmal falsch, jedoch im Kern um so mehr. Der Islamismus in Tunesien war, wie dankenswerterweise der Interviewpartner gleich korrigierte, der gemäßigste Islamismus in der gesamten arabischen Welt und weitaus stärker an der Demokratie orientiert als das ihn unterdrückende Regime, das unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung sich lediglich oppositioneller Kräfte entledigte. Ob er allerdings wiederkehre und in welcher Gestalt (gemäßigt oder fundamentalistisch), stehe in den Sternen.

Das Beispiel ist typisch für das verkorkste Bild, das wir hier in Deutschland haben. Der linguistische Unterschied zwischen Islam und Islamismus ist scheinbar winzig, so daß er sehr oft und auf dem ganzen Spektrum der Schwatzbudenlandschaft - vom dumpfen Stammtisch bis in die elitären Talkrunden hinein - unter den Tisch fällt. Das Wissen um Islam und Islamismus ist wiederum so begrenzt, daß diese Nachlässigkeit längst keine Angelegenheit der Sprache mehr ist, sondern auch in die Bewertung einfließt: Islam und Islamismus werden von einem breiten Spektrum der deutschen Gesellschaft als synonym betrachtet.

Das gleiche geschieht offenkundig mit dem Begriffspaar Islamismus und Terrorismus. Islamismus taucht in den Medien nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit fundamentalistischen oder terroristischen Auswüchsen auf. Folglich erscheinen die Begriffe synonym. Daß dies nun auch Qualitätsjournalisten passiert, ist erschreckender Höhepunkt, andererseits aber auch zu erwarten gewesen. Denn auch Journalisten können keine Universalexperten sein und sind vom allgemeinen Gebrauch der Begriffe beeinflußt.

Ich weiß nicht, wo man am besten mit dem aufräumen beginnt, aber aufgeräumt werden muß. Deswegen hier nochmal zum Nachschlagen und Verweisen korrekte Definitionen der von Verwässerung bedrohten Begriffe:

  • Islam: Die Bezeichnung der Religion. Islamisch ist alles, was im Zusammenhang mit der Religion steht. Und zwar ausschließlich oder überwiegend, z.b. islamische Rituale, islamische Würdenträger, islamische Gläubige, islamische Bewegungen (sofern sie liturgische Inhalte verfolgen und keine politische Agenda). Eine Islamische Partei, ein islamisches Regime, eine islamische Politik gibt es strenggenommen nicht. Im Zweifel kann man die Christenprobe machen - wenn der Gegenstand nicht "islamisch", sondern "christlich" wäre, könnte man ihn dann "christlich" nennen? Wenn das Ergebnis komisch klingt, dann paßt höchstwahrscheinlich auch "islamisch" nicht.
  • Islamismus: Die Bezeichnung einer politischen Weltanschauung, deren Normvorstellungen und Zielsetzungen sich aus dem Islam speisen bzw. mit dem Islam legitimiert werden. Es ist hierbei gut möglich, daß nur Teile der Agenda aus dem Islam abgeleitet werden oder nur Teile des Islams als Legitimationsgrundlage der Agenda herangezogen werden. Wesentlich ist, daß Islamismus kein Phänomen der Religion, sondern ein Phänomen politischer Bewegung ist. Auch der Islamismus kennt das gesamte Spektrum weltanschulich legitimierter politischer Bewegungen - von gemäßigter Wertegemeinschaft im pluralistischen Kontext bis hin zur totalitären Machtergreifungs- und erhlatungsbasis. Wenn für den Begriff Islam die Christenprobe sinnvoll ist, dann für den Begriff Islamismus die Sozialismusprobe - allerdings mit größerer Verrenkung. Könnte man den Gegenstand mit einer Spielart des Sozialismus vergleichen, wenn es nicht um Mohammed, sondern um Marx, bzw. nicht um den Koran, sondern das Kapital ginge? Die Probe ist zugegeben wirklich schwierig, aber es geht hier vor allem darum, das Bewußtsein für den Umstand zu schärfen, daß zum einen der Unterschied zwischen islamisch und islamistisch vergleichbar mit dem Unterschied zwischen sozial und sozialistisch ist, zum anderen der Islamismus selbst ein ähnlich weites, jedoch ausschließlich politikbezogenes Feld abdeckt wie der Sozialismus mit Sozialdemokratie, Syndikalismus, Kommunismus, Maoismus, Stalinismus, Marxismus-Leninismus, Trotzkiismus, Euro-Kommunismus, Dschudsche, usw. usf.
  • Terrorismus: Wenn jemand Menschen tötet und Gegenstände zerstört um Politik zu betreiben bzw. politische und/oder weltanschauliche Ziele zu erreichen, dann nennt man das Terrorismus. Ein Terrorist steht unmittelbar mit terroristischen Aktionen in Zusammenhang. Jemand, der die gleiche weltanschauung wie ein Terrorist hat, ist deswegen kein Terrorist. Jemand, der von Terror profitiert ist kein Terrorist. Jemand, der mit Terroristen sympathisiert, ist kein Terrorist, sondern Sympathisant (aber auch hier: nur diejenigen, die ausdrücklich ihre Sympathie bekunden). Jede weitergefaßte Definition würde automatisch alle Menschen zu Terroristen erklären.


#2 Kerberos

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Geschrieben: 17. Januar 2011, 23:15

Das gilt aber nur, wenn man Laizismus als gegeben voraussetzt.

#3 bogarnil limdal

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Geschrieben: 18. Januar 2011, 00:11

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 17. Januar 2011, 23:15:

Das gilt aber nur, wenn man Laizismus als gegeben voraussetzt.

falls du die einschränkungen im begriff islam meinst: klar gab es im mittelalter islamische "staaten", es gab ja auch christliche "staaten". der moderne staat - und darunter fallen alle im öffentlichen diskurs "islamisch" genannten staaten - hingegen ist immer weitaus säkularer als religiös. deswegen fällt ja auch das auftauchen des islamismus mit der modernisierung des osmanischen reiches zusammen - erst die etablierung des sekularen funktionsstaates hat eine islamistische bewegung überhaupt notwendig gemacht, um religiöse inhalte auf die agenda zu setzen.

ich will eigentlich auch gar nicht so sehr auf der frage herumreiten, wann genau die trennung zwischen sekular und sakral vollzogen ist. ich finde es viel spannender, daß wir eurozentristen so oft streng laizistische staaten wie die türkei wegen ihrer muslimisch geprägten bevölkerung islamisch nennen, aber frankreich nicht christlich. daß wir die verschränkung zwischen staat und kirche in deutschland als historisch gewachsene organisationsform ohne beeinträchtigung der sekularen verfassung unseres staates empfinden, aber bei unvollständiger trennung zwischen beiden sphären im falle einer islamischen "kirche" automatisch von einer unaufgeklärten gesellschaft ausgehen.

es ist vor allem deswegen so spannend, weil uns selbst ja offenbar die trennung der beiden sphären schwer fällt. zu diesem schluß muß man jedenfalls kommen, wenn man darauf achtet, wie oft in deutschland islamische sachen/menschen islamistisch genannt werden und wie oft umgekehrt islamistische phänomene islamisch genannt werden. sind wir womöglich noch nicht reif für den laizismus?

;-)

#4 Kerberos

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Geschrieben: 06. März 2011, 12:49

Erkläre das mal denen: Tea Party

Diese Trennung zwischen Islam und Islamismus mag in der Sache ja total korrekt sein, nur müssen die Leute es auch verstehen. Die Menschen nutzen im Alltag ganz gewöhnliche Sprache und eben keine Fachsprache. Das heißt sie orientieren sich auch stark der Ähnlichkeit der Laute "Wortwörtlichkeit" nicht immer an den dahinter stehenden Konzepten. Ich weiß, das ist frustrierend, ist aber so. Die Leute finden Guttenberg toll, weil er anscheinend ganz gut aussieht. Politik ist sicher auch kein Laufsteg, aber es passiert.

dazu auch: Dunning Kruger Effekt
(Sorry, das ich alles in Englisch verlinke. Dort ist der Artikel aber besser.)

#5 bogarnil limdal

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Geschrieben: 06. März 2011, 13:31

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 06. März 2011, 12:49:

Diese Trennung zwischen Islam und Islamismus mag in der Sache ja total korrekt sein, nur müssen die Leute es auch verstehen. Die Menschen nutzen im Alltag ganz gewöhnliche Sprache und eben keine Fachsprache. Das heißt sie orientieren sich auch stark der Ähnlichkeit der Laute "Wortwörtlichkeit" nicht immer an den dahinter stehenden Konzepten. Ich weiß, das ist frustrierend, ist aber so.

deswegen ist es umso wichtiger, nicht nachzulassen und auf korrekte begriffe zu bestehen. manchen leuten ist es völlig neu, daß es da einen unterschied gibt. allein diese erkenntnis gebracht zu haben, ist schon ein wichtiger schritt. aber mir liegt eigentlich noch an etwas ganz anderem sehr viel: es geht um die multiplikatoren. die politiker und journalisten wissen um die unterschiede (wenn nicht, sind sie inkompetent) und sie wissen darum, daß die begriffe in der alltagssprache durcheinander geschmissen werden. ich kritisiere ja genau diese leute und ich finde es sollte noch viel heftiger und häufiger kritisiert werden. diese leute reißen mit ihren bewußt demagogischen beiträgen in der öffentlichen diskussion die grundlage unserer freien und demokratischen gesellschaft ein, indem sie die menschen gegeneinander aufhetzen und zwietracht säen. ich meine damit nicht nur die darstellung der moslems als undeutsch, sondern auch die darstellung der deutschen als islamfeindlich. ich fühle mich in miskredit gebracht. ich schäme mich für das christenfaschistische gequarke aus den reihen der union.

die begriffe undeutsch und christenfaschistisch habe ich übrigens mit bedacht gewählt. solange die these, der islam habe nichts zu deutschlands entwicklung beigetragen, unwiderrufen bleibt, werde ich einer didaktischen christenfeindlichkeit frönen.

#6 bogarnil limdal

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Geschrieben: 16. August 2011, 11:34

ein ähnliches phänomen der "falschbezeichnung" kritisiert deniz baspinar in der zeit. hier geht es um bildliche darstellungen, also stereotype fotos von moslems in den medien. zwar ist das nicht ganz das gleiche wie das durcheinanderwürfeln der begriffe "islamisch", "islamistisch" und "terroristisch" in texten, jedoch läuft es auf das gleiche hinaus: vorurteile in den köpfen der konsumenten werden gestaltet und gefestigt. die berichterstattung, die auf basis der eigenen vorannahmen ins feld zieht, kommt mit einer sehr selektiven auswahl an "früchten" zurück. was dem leser schmeckt, kommt auf den tisch. und der glaubt, an der auswahl die wirklichkeit ablesen zu können. ein teufelskreis, oder in den worten baspinars: "ein mediales perpetuum mobile."





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