Der Moderator sagte sinngemäß, daß das Regime Ben Alis für diese Zerschlagung des Terrorismus ja in der westlichen Welt Anerkennung bekommen habe.
In der Konsequenz ist diese Aussage leider noch nicht einmal falsch, jedoch im Kern um so mehr. Der Islamismus in Tunesien war, wie dankenswerterweise der Interviewpartner gleich korrigierte, der gemäßigste Islamismus in der gesamten arabischen Welt und weitaus stärker an der Demokratie orientiert als das ihn unterdrückende Regime, das unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung sich lediglich oppositioneller Kräfte entledigte. Ob er allerdings wiederkehre und in welcher Gestalt (gemäßigt oder fundamentalistisch), stehe in den Sternen.
Das Beispiel ist typisch für das verkorkste Bild, das wir hier in Deutschland haben. Der linguistische Unterschied zwischen Islam und Islamismus ist scheinbar winzig, so daß er sehr oft und auf dem ganzen Spektrum der Schwatzbudenlandschaft - vom dumpfen Stammtisch bis in die elitären Talkrunden hinein - unter den Tisch fällt. Das Wissen um Islam und Islamismus ist wiederum so begrenzt, daß diese Nachlässigkeit längst keine Angelegenheit der Sprache mehr ist, sondern auch in die Bewertung einfließt: Islam und Islamismus werden von einem breiten Spektrum der deutschen Gesellschaft als synonym betrachtet.
Das gleiche geschieht offenkundig mit dem Begriffspaar Islamismus und Terrorismus. Islamismus taucht in den Medien nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit fundamentalistischen oder terroristischen Auswüchsen auf. Folglich erscheinen die Begriffe synonym. Daß dies nun auch Qualitätsjournalisten passiert, ist erschreckender Höhepunkt, andererseits aber auch zu erwarten gewesen. Denn auch Journalisten können keine Universalexperten sein und sind vom allgemeinen Gebrauch der Begriffe beeinflußt.
Ich weiß nicht, wo man am besten mit dem aufräumen beginnt, aber aufgeräumt werden muß. Deswegen hier nochmal zum Nachschlagen und Verweisen korrekte Definitionen der von Verwässerung bedrohten Begriffe:
- Islam: Die Bezeichnung der Religion. Islamisch ist alles, was im Zusammenhang mit der Religion steht. Und zwar ausschließlich oder überwiegend, z.b. islamische Rituale, islamische Würdenträger, islamische Gläubige, islamische Bewegungen (sofern sie liturgische Inhalte verfolgen und keine politische Agenda). Eine Islamische Partei, ein islamisches Regime, eine islamische Politik gibt es strenggenommen nicht. Im Zweifel kann man die Christenprobe machen - wenn der Gegenstand nicht "islamisch", sondern "christlich" wäre, könnte man ihn dann "christlich" nennen? Wenn das Ergebnis komisch klingt, dann paßt höchstwahrscheinlich auch "islamisch" nicht.
- Islamismus: Die Bezeichnung einer politischen Weltanschauung, deren Normvorstellungen und Zielsetzungen sich aus dem Islam speisen bzw. mit dem Islam legitimiert werden. Es ist hierbei gut möglich, daß nur Teile der Agenda aus dem Islam abgeleitet werden oder nur Teile des Islams als Legitimationsgrundlage der Agenda herangezogen werden. Wesentlich ist, daß Islamismus kein Phänomen der Religion, sondern ein Phänomen politischer Bewegung ist. Auch der Islamismus kennt das gesamte Spektrum weltanschulich legitimierter politischer Bewegungen - von gemäßigter Wertegemeinschaft im pluralistischen Kontext bis hin zur totalitären Machtergreifungs- und erhlatungsbasis. Wenn für den Begriff Islam die Christenprobe sinnvoll ist, dann für den Begriff Islamismus die Sozialismusprobe - allerdings mit größerer Verrenkung. Könnte man den Gegenstand mit einer Spielart des Sozialismus vergleichen, wenn es nicht um Mohammed, sondern um Marx, bzw. nicht um den Koran, sondern das Kapital ginge? Die Probe ist zugegeben wirklich schwierig, aber es geht hier vor allem darum, das Bewußtsein für den Umstand zu schärfen, daß zum einen der Unterschied zwischen islamisch und islamistisch vergleichbar mit dem Unterschied zwischen sozial und sozialistisch ist, zum anderen der Islamismus selbst ein ähnlich weites, jedoch ausschließlich politikbezogenes Feld abdeckt wie der Sozialismus mit Sozialdemokratie, Syndikalismus, Kommunismus, Maoismus, Stalinismus, Marxismus-Leninismus, Trotzkiismus, Euro-Kommunismus, Dschudsche, usw. usf.
- Terrorismus: Wenn jemand Menschen tötet und Gegenstände zerstört um Politik zu betreiben bzw. politische und/oder weltanschauliche Ziele zu erreichen, dann nennt man das Terrorismus. Ein Terrorist steht unmittelbar mit terroristischen Aktionen in Zusammenhang. Jemand, der die gleiche weltanschauung wie ein Terrorist hat, ist deswegen kein Terrorist. Jemand, der von Terror profitiert ist kein Terrorist. Jemand, der mit Terroristen sympathisiert, ist kein Terrorist, sondern Sympathisant (aber auch hier: nur diejenigen, die ausdrücklich ihre Sympathie bekunden). Jede weitergefaßte Definition würde automatisch alle Menschen zu Terroristen erklären.






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