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Wege in den Kommunismus - Politik, Philosophie oder gar Glaubensinhalt?
Ein Essay und seine Folgen.


23 Antworten zu diesem Thema

#1 bogarnil limdal

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Geschrieben: 21. Januar 2011, 21:49

Was wäre das für eine Meldung - "Der Bundestag hat heute eine aktuelle Stunde zum Thema 'Wege in den Kommunismus' abgehalten"! Welche Bilder einem da durch den Kopf schwirren mögen... parteiübergreifendes Händeschütteln zwischen diversen Sozialdemokraten, an die Christenfreunde von der Union und die Abgeordneten der übrigen bürgerlichen Parteien werden Blockflöten verteilt, Wolle Thierse wird gebeten, theatralisch mit Sturmfrisur die vollzogene Vereinigung des Proletariats zu verkünden... Das ist natürlich undenkbarer Quatsch.

Um Denkbarkeit und Undenkbarkeit, um Kommunismus wie er war, wie er hätte sein können, wie noch immer sein könnte, darum ging es bei der heutigen aktuellen Stunde dann schon eher. Leider nun wiederum gar nicht um den höchst hypothetischen Weg. Dabei war das doch der Anlaß für den parlamentarischen Gesprächsbedarf: Die Linksparteivorsitzende Gesine Lötzsch parliert in einem Gastbeitrag in der Jungen Welt über mögliche Wege in den Kommunismus.

Nun, hier soll nicht wiederholt werden, was bereits zur Vergangenheit gesagt wurde. Es soll nicht spekuliert werden, ob nun der Stalinismus das wahre Gesicht des Kommunismus bis zur Unkenntlichkeit entstellt habe oder tatsächlich erst zur Kenntlichkeit gebracht habe, wie Werner Schulz pointiert die Vorwürfe zusammenfaßte. Es soll vielmehr die Frage gestellt werden, was die Abgeordneten sich überhaupt von dieser aktuellen Stunde versprechen konnten.

Das Thema ist zweifelsohne ein schwieriges. Aber ist es ein politisches, philosophisches oder gar ein rein weltanschauliches? Ist der zu Papier gebrachte vage Gedankengang einer linken Politikerin über die Zukunft des Kommunismus überhaupt relevant, wirft die doch recht vorhersehbare Weltanschauung ein neues Licht auf die parlamentarische Arbeit? Dagegen spräche die simple Forderung, Frau Lötzsch möge sich für die "Entgleisung" entschuldigen. Wenn die Bedenken so einfach vom Tisch zu schaffen wären, dann stellt sich die Frage, ob die Anberaumung einer aktuellen Stunde überhaupt angemessen war.

Aber es ist ja nicht so einfach vom Tisch. Es geht hier ja um so viele Dinge gleichzeitig, daß einem geradezu der Kopf schummrig wird. Hier möchte das Andenken der Opfer des kommunistischen Terrors genauso gewahrt sein, wie das Andenken der Kommunisten, die für das Ideal einer besseren Gesellschaft kämpften und starben. Hier möchte der Aufbau und Erhalt der freiheitlichen Gesellschaft in der BRD genauso wie die DDR-Biographie gegen Verleumdung in Schutz genommen werden. Hier möchten DDR-Bürgerrechtler endlich die Anerkennung für ihre aufrechte Haltung und die erduldete Verfolgung von den Erben der Täter, so wie diese Erben endlich von der Hypothek der SED-Schuld befreit sein möchten. Von Wegen in die Zukunft ist nicht die Rede. Kommunismus findet ausschließlich in der Vergangenheit statt.

Oder?

Bearbeitet von bogarnil limdal, 23. Januar 2011, 22:46,
vertippser korrigiert


#2 Tara

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Geschrieben: 21. Januar 2011, 22:06

Naja ich hab ja so rumschwirren hören, dass die Linke Angst vor einer Abspaltung irgendeiner Fraktion hat. Ich glaub die war doch sehr kommunistisch geprägt.

Weiterhin die aktuelle Stunde ist nur die Chance der Linken Porzentpunkte abzujagen. Was auch funktioniert.Laut dimap haben sie nur noch 8%.

War auch alles heute Thema mit der Frau im Auto. Die Linke und ihre Stasivergangenheit und ihrer Kommunismusgegenwart. Irgendwie leider nicht wählbar.

Und zum Ende des Abends gibt es neben einer Flasche lieblilchen Rotweins und diesem Thema noch dieses nette Video.

Mensch kann ja sagen was er will. Aber dass die SED im Dezember 1989 nur einen der ihren an die Spitze ließ (also gysi). Ist doch eigentlich klar. Sogut sich auch Gysi verkauft. Seine Vergangenheit wird er nie los.

Liebe Linke! Bitte laßt endlich die Vergangenheit hinter euch.

P.S.

noch dazu hab ich gestern Diether Dehm im Bundestag gehört. würg

#3 Spottdrossel

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Geschrieben: 21. Januar 2011, 22:20

Komisch, es wird anderswo behauptet, dass hier das schlau-schlau-Forum sei. :P

Die nicht enden wollenden Sauereien der aktuellen Regierung verlieren
doch glatt ihren Schrecken wenn nur oft genug das böse K-Wort ertönt.
Ich bin es leid.

#4 Tara

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Geschrieben: 21. Januar 2011, 22:35

ein teil des schlau-schlau-forums meint, dass frau lötzsch ganz genau wußte was sie sagte und genau wußte wie kommunismus in manchen parteiebenen ankommt. sie war aber zu dumm zu merken welche steilvorlage sie den anderen parteien damit gibt.

#5 bogarnil limdal

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Geschrieben: 21. Januar 2011, 23:00

die frage ist doch, ob die linke überhaupt die vergangenheit hinter sich lassen darf. ich will mich gar nicht über die integrität von frau lötzsch äußern, es fällt mir nur auf, daß sie einen weltanschaulich konsistenten beitrag veröffentlicht hat, der eben nicht die wiedereinführung des stalinismus fordert, sondern sich an etwas abarbeitet, was in ihrem lager auch sehr schnell als systemopportunismus kritisiert werden kann und in der vergangenheit ja auch wurde: den reformweg einzuschlagen statt auf revolution zu beharren.

ein möglicher schlüsselsatz ist der über rosa luxemburgs schmähung durch beide seiten, die bolschewisten wie auch die bürgerlichen. das ist die ironie an der geschichte: lötzsch soll sich für diesen beitrag entschuldigen. begründet wird das mit dem terror des stalinismus und dem system der ddr.

gegen die ddr wurde von dissidenten oft rosa luxemburg in anschlag gebracht, weil rosa luxemburg nicht nur als märtyrerin vereinnahmt wurde, sondern auch als unfähige politikerin diffamiert. ihr verdienst war, öffentlichkeitswirksam ermodet worden zu sein, ihre thesen jedoch galten der sed als gefährlich. erneut stellt sich mir die frage: was möchte ein abgeordneter in der aktuellen stunde denn hören? daß lötzsch das erbe luxemburgs, das ja unbestreitbar und ganz offen zur ideologischen basis der linkspartei gehört, im sinne der bolschewisten zurückweist oder im sinne der delinquenten als vorbild durchleuchtet?

#6 bogarnil limdal

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Geschrieben: 21. Januar 2011, 23:08

Beitrag anzeigenTara schrieb am 21. Januar 2011, 22:35:

ein teil des schlau-schlau-forums meint, dass frau lötzsch ganz genau wußte was sie sagte und genau wußte wie kommunismus in manchen parteiebenen ankommt. sie war aber zu dumm zu merken welche steilvorlage sie den anderen parteien damit gibt.

hmm. das läuft mir einfach zu stark auf denkverbot hinaus. es muß doch einer linken politikerin möglich sein, im rahmen einer diskussion um kommunismusgenese mit besonderem bezug zu rosa luxemburg einen essay zu schreiben, der für mitarbeit im bürgerlichen staat aufruft. wenn das die bürgerlichen bereits schockiert und provoziert, was darf dann ein linker überhaupt noch äußern?

#7 bogarnil limdal

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Geschrieben: 21. Januar 2011, 23:13

Beitrag anzeigenSpottdrossel schrieb am 21. Januar 2011, 22:20:

wenn nur oft genug das böse K-Wort ertönt.

k-wort finde ich übrigens gut. das unterstreicht die austauschbarkeit der begriffe und damit die allgemeinheit des problems. k-wort kann ja gut und gern auch kapitalismus heißen. die vorstellung eines "bösen", verkörpert durch eine systemkategorie treibt hier wie dort ihre absurden blüten.

#8 Tara

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Geschrieben: 22. Januar 2011, 10:31

läßt sich denn kommunismus mit demokratie vereinbaren? ich bitte um eine fachliche stellungnahme.

#9 bogarnil limdal

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Geschrieben: 22. Januar 2011, 16:28

Beitrag anzeigenTara schrieb am 22. Januar 2011, 10:31:

läßt sich denn kommunismus mit demokratie vereinbaren? ich bitte um eine fachliche stellungnahme.

das kommt darauf an, was man unter kommunismus versteht bzw. verstehen möchte. die in der aktuellen stunde geäußerten definitionen schwankten zwischen konkreten stalinismus (da fällt die antwort recht einfach aus: natürlich unvereinbar mit demokratie), spezifisches sed-regime (das war nicht demokratisch und eine reform wäre ja eine abkehr vom wesen dieses systems, also auch hier: nein) und vager idee, etwa die beschreibung der urchristlichen gemeinde in der bibel. gegen letzteres haben sich vor allem die vertreter der union heftig gewehrt, was viel über das wesen der debatte aussagt. auch hier übrigens beiderseits der roten linie, denn das sed-regime verglich einst die störung der rosa-luxemburg-gedenkfeier durch dissidenten, die rosa-luxemburg-zitate auf transparenten zeigten, auch mit blasphemie.

nun sind wir wieder bei rosa luxemburg und das mit voller absicht. das, was lötzsch in ihrem essay schrieb, kann man als vernunftsdemokratismus bezeichnen - völlig ohne häme oder wertung, denn die bürgerliche bewegung war im kern auch nicht viel mehr als vernunftsdemokratisch. das feudale system hatte kein eigeninteresse an einer deutschen einheit und der preußische könig hat 1848 die gesamtdeutsche kaiserwürde von volkes gnaden abgelehnt, da blieb den nationalisten nichts anderes, als demokratisch zu agieren. aber das sei hier nur als randbemerkung zur seltsam selektiven vergangenheitsbewältigung einiger konservativer demokraten in den raum gestellt.

vernunftsdemokratismus würde ich es nennen, weil ja der verdacht durchaus nahe liegt, daß frau lötzsch lieber im kommunismus leben würde, als im bürgerlichen staat. was die diskussion allerdings ausblendet, ist der umstand, daß selbst frau lötzsch sich nicht so recht vorstellen kann, wie dieser kommunismus konkret aussieht. und sie gibt dies offen zu. wenn man das mit einrechnet, bleibt vom kommunismus also nur ein vages gerüst, denn seine sowjetische ausprägung wird ja offen abgelehnt, genauso wie linksradikalismus. linksradikalismus meint aus kommunistischer perspektive eigentlich alle revolutionären bewegungen, die den gesellschaftsumbruch lieber heut als morgen wollen. denen also eher am schwerpunkt des umbruchs gelegen ist und nicht am bloßen ziel einer änderung. linksradikalismus ist in der tat nicht mit demokratie vereinbar. das sowjetsystem ebenfalls nicht, wie sich gezeigt hat.

es stellt sich die frage, was denn eigentlich vereinbar wäre. lötzsch beantwortet diese frage recht elegant: das wird nicht eine diskussion zeigen, sondern der feldversuch. sie ruft ja nicht auf, die demokratie abzuschaffen, sondern linke politikinhalte im rahmen der demokratie zu etablieren. das, was die linkspartei und eigentlich auch die spd ja bereits tun. das schränkt automatisch den kommunismus auf sein ökonomisches heilsversprechen ein: wohlstand für alle, teilhabe aller am erwirtschafteten wert, bedürfnisgerechte verteilung, aufhebung aller klassenunterschiede. wenn es nur um inhalte geht, dann verliert der kommunismus zwar viel von seinem "markenprofil", wird er aber als quasi meßlatte für eine bestimmte konzeption sozialer gerechtigkeit auch demokratietauglich.

man kann den kommunisten von heute schon ein stück weit überholtheit vorwerfen. viele der angepeilten ziele sind bereits auf dem weg ihrer lösung, bzw. sind die zu marx lebzeit diagnostizierten probleme heute weitaus weniger relevant. gleichzeitig hat sich die bürgerliche gesellschaft in einer art und weise weiter entwickelt, die sie nicht mehr vergleichbar mit dem kommunistischen feindbild von vor 100 bis 150 jahren macht, das sich leider genauso wie die ollen marx-kamellen im kommunistischen dunstkreis frischgehalten hat. nichts ist so konservativ wie der quasireligiöse kommunismus. oder besser gesagt: seine ortodoxe auslegung.

beispiel klassenkampf: die trennung zwischen arbeiterklasse, intelligenz, bauern, soldaten, kleinbürger, großbürger und adel ist nicht mehr zeitgemäß. das ficht als fakt die kommunistische klassenkampfthese erstmal nicht an. jedoch der umstand, daß die sozialistischen revolutionen die klassen nicht aufzuheben vermochte, die allgemeine nivellierung der klassen hingegen überhaupt nicht durch revolutionäre umbrüche, sondern durch emergente entwicklung vonstatten ging, deutet letzlich darauf hin, daß sich die bürgerliche gesellschaft kommunistischen idealen weitaus breiter und nachhaltiger nähert, als der diktatorisch aufgezwungene gewaltakt des real existierenden sozialismus (um dem trivialargument vorzubeugen, daß die materielle gleichheit in der ddr stärker gegeben sei als in der brd, möchte ich darauf hinweisen, daß das kommunistische ideal ursprünglich von einer selbstentfaltung der gesellschaft ausging, die lediglich durch die revolution initiiert werden sollte). welchen schluß kann man nun daraus ziehen? durchaus den, daß die bürgerlich-demokratische gesellschaft vielleicht selbst auf dem weg in richtung kommunismus ist, so wie ihn lötzsch mutmaßlich versteht. sie wird meines erachtens vorher abbiegen, denn die größten schritte richtung bedürfnisgerechter sozialer sicherheit im rahmen der bürgerlichen gesellschaft ist das hartz-IV-paket gegangen, das ironischerweise von der linken besonders heftig bekämpft wird.

das ist aber auch wiederum ein zeichen, daß selbst der kommunismus nicht nur in ortodoxer lesart existiert, egal ob jetzt auf ökonomie oder auf politik bezogen. daß innerhalb der linken eine reformbewegung am überholten arbeitsbegriff kratzt und damit an den grundfesten des kommunistischen weltverständnisses rüttelt, kann man auch als generalüberholung verstehen. die gesellschaft biegt auf dem weg zum old-school-kommunismus ab, auch weil linke mit modernerem kommunismusideal den blinker setzen.

so, ich habe mich hier nun ausschließlich an der linken abgearbeitet. die frage, ob denn kommunismus mit demokratie vereinbar ist, kann man auch anders bejahen: die spd bezieht sich ausdrücklich auf die arbeiterbewegung im 19. und 20. jahrhundert. sie verteidigt ihren status als nachfolgepartei bebels und liebknechts gegen den gleichen anspruch der linkspartei. das schließt notwendigerweise ein kommunistisches erbe mit ein. man kann die spd als vom kommunismus abgefallen betrachten. aber man kann die spd auch als konsequent den reformkommunistischen weg gehende partei interpretieren, deren erfolg sich gerade daran mißt, daß die arbeiterschaft deutschlands mittlerweile vollständig im bürgertum aufgegangen ist, die einstigen klassenschranken vollständig weggefallen sind. es kommt eben immer darauf an, wie starr man den begriff kommunismus definiert. entweder anhand eines willkürlichen beispiels (stalinismus, ddr, urchristliche gemeinde), eines der zahlreichen theoretischen konzepte oder schließlich an dem, was aus ursprünglich kommunistischen bewegungen so geworden ist.

#10 Tara

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Geschrieben: 22. Januar 2011, 17:13

danke für die aufklärung. aber bei der gesine lötzsch habe ich nicht den eindruck, dass sie es so durchdacht hatte. jedenfalls kam in den talkshows so gut wie garnichts rüber. nur im übertragenden sinne "öhh, ähh, blabla"

#11 bogarnil limdal

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Geschrieben: 22. Januar 2011, 17:57

mir geht es ja wie gesagt eigentlich gar nicht um lötzsch, sondern um die merkwürdige aktuelle stunde. da wurde ja so getan, als wäre etwas schockierendes passiert. tatsächlich ist aber überhaupt nichts schockierendes passiert, außer, daß sich eine politikerin für eine konsistente meinungsäußerung entschuldigen soll. das gibt mir stark zu denken.

ich weiß natürlich, daß die abgeordneten nicht beabsichtigen, denkverbote zu etablieren. die haben beim reizwort kommunismus jeder ihre eigene panikattacke durchlebt mit entsprechend kopfloser hysterie. trotzdem (oder gerade deshalb) muß man das meiner meinung nach rückblickend nochmal durchleuchten. ich kann es jedenfalls nicht so stehenlassen, wie das da ablief. eine diskussion um den kommunismus hätte ich spannend gefunden. auch eine diskussion um die frage, wo die grenze zwischen weltanschauung und politik verläuft. das ist ja gerade die konfliktträchtige frage, die das ddr-regime falsch beantwortete, indem es oft nicht die absicht einer handlung, sondern das individuelle denksystem oder gar die (klassen)herkunft des denkenden zum maßstab erhob. das gleiche kann man dem bundestag in diesem fall leider attestieren. wir haben hier ja keinen aufsatz, der die demokratie oder den bürgerlichen staat infrage stellt. wir haben einen aufsatz, der diesen indiskutablen gegenstand mit der weltanschaulichen zielvorstellung zu versöhnen versucht. natürlich an linke adressiert und nicht an leute aus der cdu oder ehemalige ddr-bürgerrechtler.

ich stelle erneut die frage: was darf ein linker hinsichtlich seiner vorstellung einer idealen gesellschaft und des wegs dahin äußern, ohne als strategisch dumm oder offenkundig extremistisch kritisiert zu werden? was erwarten wir denn eigentlich von der linkspartei und ihren mitgliedern?

#12 flaschenpost.sitebob

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Geschrieben: 22. Januar 2011, 19:48

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Genauer gesagt, eine Gespenstin. Frau Lötzsch. Die oberste Frau der Partei Die Linke meint also, dass man den richtigen Weg nur erfährt, wenn man den Kommunismus versucht. Oder so ähnlich.
In der Xia Dynastie erzählten sich die Bauern gern folgende Geschichte: Ein Wanderer, der sein Leben lang ins Tal der goldenen Blumen wollte, landete doch immer wieder in die finstere Höhle der tausend Kadaver. Trotz der Belehrungen und Ermahnungen seiner Familie geht der Wanderer wieder und wieder seinen Weg. Er kennt keinen anderen. Und irgendwann denkt er, die Höhle der tausend Kadaver sei das Tal der goldenen Blumen. Ein gewisser Platon hat sich in seinem berühmten Höhlengleichnis bekanntermaßen dieser Anekdote bedient.
Im Namen des K-Wortes wurde ich nicht für ein Studium zugelassen. Meine damals eingereichten Texte erinnerten die Zensoren zu sehr an Nietzsche. Zum Unterschied zu mir hatten die Knallköppe Nietzsche gelesen. Erst nach der Ablehnung begann ich N. zu lesen. Zur gleichen Zeit gab ein Freund seine Informationen und Ansichten über mich an jene Organe weiter, die dem Staat Sicherheit versprachen. Die Berichte konnte ich nach ´89 einsehen. Nein, eingesehen habe ich den Schwachsinn nicht, den ich da über mich lesen konnte. Erst war ich wütend, dann musste ich lachen. Der ehemalige Freund hat sich erst nach meinem freundlichen Drängen geäußert. Entschuldigt hat er sich nicht. Bis heute nicht. Dafür ruft er mich jedes Jahr im tiefsten Herbstblues an, um eine Aussprache anzukündigen. Wie oft ich auch meine Telefonnummer wechsle, er schafft es immer wieder, an die neue zu gelangen.
Die hier geführte Debatte über das böse K-Wort hat für mich etwas sehr Akademisches. Der einstige Weg zum K. war mit Lügen und Verboten markiert. Die Gralshüter der Weisheit haben im Namen des besseren Menschen eine Blutspur hinterlassen. Bei allen Gedankenspielen a la Schöne-Neue-Welt sollte das nicht unter den Tisch fallen. Mag dieser nun rund oder eine verdeckte Schlachtbank sein.

#13 bogarnil limdal

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Geschrieben: 22. Januar 2011, 20:29

das ist alles zweifelsohne richtig, aber mir geht es um etwas anderes: das ddr-regime hat das alles nicht nur im namen des kommunismus, sondern auch im namen der demokratie getan.

#14 Spottdrossel

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Geschrieben: 23. Januar 2011, 13:33

Beitrag anzeigenbogarnil limdal schrieb am 22. Januar 2011, 17:57:

mir geht es ja wie gesagt eigentlich gar nicht um lötzsch, sondern um die merkwürdige aktuelle stunde. da wurde ja so getan, als wäre etwas schockierendes passiert. tatsächlich ist aber überhaupt nichts schockierendes passiert, außer, daß sich eine politikerin für eine konsistente meinungsäußerung entschuldigen soll. das gibt mir stark zu denken.


Vor allem diese gespielte parteiübergreifende Entrüstung gibt mir zu denken.
Dabei freut sich doch von G über F bis C jeder ein Loch in den Arsch, dass es die Linke wieder mal geschafft hat eine derartig komfortable Steilvorlage zu liefern.
Ich sehe das Phänomen hier live in Leipzig - es ist völlig unerheblich was die Linke inhaltlich zu sagen hat - es ist erst mal falsch.
Obwohl wir häufig mit den Grünen und auch mit der SPD fast identische Vorstellungen haben wird erst mal gekrittelt und versucht sich krampfhaft irgendwie abzuheben - siehe die völlig lächerliche Reaktion der Grünen auf unsere Ökologischen Leitlinien oder auf den Verbotsantrag für Heizpilze.
Meine Meinung dazu ist, dass im politischen Tagesgeschäft jedwede nostalgische und/oder ideologisch inkompatible Äußerung künftig tabu sein sollte.
Urlinke Sachthemen sollten mit Vehemenz vorangetrieben werden, sodass Mehrheiten auf Dauer gefestigt und Koalitionen ermöglicht werden.
Laut denken sollten unsere Oberindianer nur noch im stillen Kämmerlein oder in parteiinternen Gremien, sodass das Prinzip der freien
Meinungsäußerung in diesem unseren Lande konsequent ad absurdum geführt werden kann.

Bearbeitet von Spottdrossel, 23. Januar 2011, 18:22,


#15 phriedrich

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Geschrieben: 23. Januar 2011, 13:45

Diese Verweigerungshaltung der Parteien finde ich auch ganz furchtbar, sachbezogener Realismus wäre sicherlich angebrachter.

Bei der SPD kommt ja auch keiner (ernsthaft) auf die Idee, die zur Gänze zu verdammen, weil ein Herr S. dumtrollt.

Die Linke ist in dieser Hinsicht benachteiligt und wird dann gern komplett angegriffen. Andererseits sind Steilvorlagen wie Partei-hat-immer-Recht neulich oder eben die K-Debatte auch einfach ein gefundenes Fressen für die Konkurrenz.

Und, auch das muss man wohl zugeben, sind diese Debatten wohl auch von der Linken gezielt gestartet um sich im Spektrum der Gestriglinken die ollen Stammwähler zu halten. Wie das ja auch die pseudochristlichen Parteien im schwarzbraunen Lager tun.

#16 bogarnil limdal

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Geschrieben: 23. Januar 2011, 14:05

ich als nichtlinker hätte es lieber andersherum. wenn schon "akademische" themen aufgeworfen werden, dann sollen sie auch "akademisch" abgefrühstückt werden. die ganze affaire ist so unfreiwillig beschämend, daß es mir weh tut. gerade als nicht-linker und dem kommunismus gegenüber äußerst kritisch eingestellter bürger.

und ich habe hier auch immer im sinn, daß solche vorfälle wie die aktuelle stunde zum lötzsch-artikel tür und tor für nicht weniger unsägliche diffamierungen offenhält. ich hab es mehr als einmal erlebt (auch und gerade im akademischen rahmen), daß linke heißsporne konsistente diskussionsbeiträge als neoliberal, erzkonservativ oder sonstwie reaktionär niedergeschrien haben, weil sie bestimmte reizworte enthielten.

ich mag eigentlich gar nichts gegen die äußerung von bauchgefühlen sagen. es ist für mich nicht nur okay, sondern auch wünschenswert, wenn das gefühl (man könnte auch sagen: der instinkt) nicht an der garderobe abgegeben wird. aber was ich überhaupt nicht tolerieren kann, ist, wenn urteile über andere auf dieser basis gefällt werden. und umso weniger, je professioneller die diskussionsarena ist. es gibt drei dieser arenen, die professioneller nicht sein können: die universität, das parlament und der gerichtssaal. dort wünsche ich nicht nur eine "akademische" diskussionsweise, sondern verlange sie auch. und es betrübt mich, wenn ich das gefühl habe, daß unprofessionelles verhalten dort vom volk toleriert wird. die pauschale gleichsetzung von kommunismus und stalinismus am stammtisch oder auf pandoras erbe kann ich verschmerzen. im parlament jedoch nicht.

edit: der beitrag bezog sich auf spottdrossel. zu phriedrich möchte ich noch anmerken, daß die lancierung bzw. gezielte provokation von skandalen natürlich genauso ärgerlich ist, weil sie diese muster noch verfestigen. ich denke aber, daß die verantwortung trotzdem immer auch und einen tick stärker sogar auf der seite liegt, die empört "skandal!" ruft. das bezieht sich auch auf den schwierigen umgang mit rechtsextremen äußerungen, wie etwa den "bombenholocaust". gerade dort, wo es wirklich auf besonnenheit ankommt, zeigt sich, daß gespieltes oder tatsächliches entsetzen kontraproduktiv ist. was gesine lötzsch angeht, hat die sache noch eine andere dimension, was man an taras bemerkung sehen kann, daß sie strategisch dumm gehandelt hätte. dumm war das nämlich nur, wenn man eine immerwährende strategische situation unterstellt. das führt dann dazu, daß man als linke in keinem öffentlichen forum mehr eine äußerung machen kann, auch nicht in dezidiert linken, wie spottdrossel es ja nun auch veranschaulicht hat. das ist ein zu hoher preis für die demokratie, finde ich.

#17 Spottdrossel

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Geschrieben: 12. Februar 2011, 22:20

Ich habe hier ein interessantes Interview gefunden.

Keine Hierarchie, keine Obrigkeit, keine Untertanen, keine Lohnsklaverei, keine Ohnmacht - klingt gut.
Dass es in Ungarn eine Grüne Linke gibt war mir neu. Ähnliches schwebt mir auch hier vor. ;)

#18 Kerberos

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Geschrieben: 12. Februar 2011, 23:11

Wenn er Hierarchien abschaffen will bekommt er zwangsläufig ein Problem bei der Umsetzung seiner Idee. Die Leute werden nicht auf ihn hören. Um das abzukürzen, das ist totaler Bullshit.

Ich denke eher das die Auflösung von Konflikten oder Unausgewogenheiten, in der Erschließung besserer Kommunikationswege, besserem Verständnis untereinander und einer Schaffung von medialer Nähe zwischen den Menschen einhergeht. Die ganzen Eigenarten der Menschen mitsamt ihrer negativen Auswirkungen werden dadurch nicht verschwinden, jedoch wird das System selbst Heterogener.

EDIT: Wie kommen eigentlich all diese Blogs, oder als was die sich selbst so sehen, zustande. Ich meine kann man damit Geld verdienen?

#19 Spottdrossel

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Geschrieben: 13. Februar 2011, 00:05

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 12. Februar 2011, 23:11:


EDIT: Wie kommen eigentlich all diese Blogs, oder als was die sich selbst so sehen, zustande. Ich meine kann man damit Geld verdienen?

Vermutlich steckt da ein gewisses Mitteilungsbedürfnis dahinter. Ich denke nicht, dass damit auch nur ein Cent verdient wird.
Maximal, je nach individueller Ansicht, Anerkennung oder Missbilligung. :)

#20 bogarnil limdal

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Geschrieben: 13. Februar 2011, 00:08

er will doch nicht die hierarchien abschaffen. er hat keine agenda formuliert, sondern den maßstab. das ist doch der knackpunkt in der debatte: sobald es um kommunismus geht, wird ganz akribisch draufgeschaut, ob eine revolution angezettelt werden soll. das interview ist sehr interessant, weil es den kommunismus als ziel akzeptiert, ohne die erreichbarkeit zu diskutieren. der totalitäre versuch, auf biegen und brechen eine neue ordnung einzuführen, ist nicht zielführend. das ist eine wichtige erkenntnis. wer die gewonnen hat, mit dem kann und sollte man offen und scheulos reden.

kommunismus als ziel ist nicht zwingend ein anspruch, sondern sinnvollerweise eine richtung, auf die realistische linke politik im rahmen des angemessenen zugeht. warum fällt das zu akzeptieren den konservativen und liberalen so schwer, die doch ihre eigenen ideologischen kernvorstellungen tagespolitisch auch nur näherungsweise ansteuern?





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