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George Friedman: Die nächsten hundert Jahre
als Sachbuch getarnte Science Fiction


1 Antwort zu diesem Thema

#1 bogarnil limdal

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Geschrieben: 18. April 2011, 12:10

der us-amerikanische politikwissenschaftler und think-tank-betreiber george friedman hat 2009 eine zukunftsprognose veröffentlicht, die es in die amerikanischen bestesellerlisten geschafft hat und von der die rezensionen haarsträubendes berichten (dradio, wiener zeitung, readme). friedman ist im neorealismus verwurzelt und hat einen geopolitischen ansatz, was seine recht gewagten zukunftsvisionen erklärt. so hält er einen dritten weltkrieg für die mitte des 21. jahrhunderts für möglich, bei dem sich in seinem szenario - welch wunder - die ereignisse von pearl habor (diesmal in form eines überfalls auf amerikanische weltraumstationen von einer japanischen mondbasis aus) und der deutsche überfall auf polen wiederholen. überhaupt scheint friedman aus dem fundus der bekannten (und durch neorealismus bequem erklärbaren) historie mit vollen händen zu schöpfen. die großen vielvölkerstaaten rußland und china werden zerfallen wie dereinst die sowjetunion oder das feudale china. die von der amerikanischen politikwissenschaft tendenziell unterbelichtete europäische union verschwindet als theoretischer störfall von der geopolitischen landkarte. überall agieren die nationalstaaten als machtspieler.

was kann man von dieserart literatur erwarten? grundsätzlich zweierlei: 1. gibt es einblick in die ideen, die in den think-tanks dieser welt ausgebrütet werden um anschließend den politikern und militärs als expertisen angedreht zu werden; 2. gibt es einen überblick über eine bestimmte kategorie von schwelenden konflikten, die man vielleicht als konsument der tagesschau nicht auf dem schirm hat.

denn zweifellos liegen dem werk interessante analysen der globalen spannungsverhältnisse zugrunde. es ist genau dies die kernkompetenz des ansonsten jedoch recht blinden neorealistischen zweiges der politikwissenschaft. allein, eine prognose bedarf weit mehr als die zutaten der machtverhältnisse und interessenkonstellationen. staaten sind keine machtzentren, sondern (abgesehen vielleicht von nordkorea) organisationsformen ihrer zivilgesellschaften. staaten und ihre zivilgesellschaften vernetzen sich und unterhalten kontakte. am faktor bürger ist der neorealismus bereits beim zusammenbruch des als stabil vorhergesagten ostblocks gescheitert. es ist nicht ohne witz, daß friedmans anteil am versuch der neorealisten, die scharte auszuwetzen und das ende der bipolarität als seltene kontingenz zu marginalisieren, schon wieder von der nächsten überraschung überrollt wird - dem zusammenbruch der despotischen regime im nahen osten. wo friedman noch darüber siniert, wie geopolitische machtakteure untereinander in spannung stehen, stürzen diese wie dominosteine, umgeworfen von der selben, die grenzen und machtlinien mühelos durchdringenden zivilgesellschaftlichen bewegung.

dennoch ist das werk auch jenseits der politikwissenschaftlichen analyse der durchaus vorhandenen und relevanten interessenskonflikte in der welt auch für das laienpublikum vielleicht eine lehrreiche lektüre. die simplen und groben modelle haben ärgerlicherweise in der regel den größten sex-appeal. jeder stammtisch, jedes forum, jede familiengeburtstagsfeierdiskussion greift auf friedmans instrumentarium zurück. weltpolitik gilt als us-gesteuert, als von gier nach rohstoffen und einfluß getrieben. menschen, zivilgesellschaften, verfassungen - all das wird ausgeblendet. egal ob wir über tunesien oder die usa sprechen, wir tun so, als gäbe es nur eine stimme und ein ziel. ich halte es für eine lehrreiche kartharsis, wenn der deutsche leser erfährt, wie logisch stimmig eine völlig abwegige einschätzung wie etwa ein neuer deutscher überfall auf polen formuliert werden kann, wenn man lediglich geschichtliche parallelen und vermutete machtinteressen heranzieht, die gesellschaft aber ausblendet.


andererseits sind viele leute ja meister darin, sich über fehleinschätzungen durch andere zu empören und trotzdem die eigenen klischees nicht zu hinterfragen. vielleicht ist die lektüre ja doch nicht so leichterhand zu empfehlen... wenn es mir in die finger fällt, werde ich jedenfalls mal eine eigene rezension verfassen. hat es gar jemand schon gelesen oder sogar im regal stehen?

#2 Kerberos

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Geschrieben: 19. April 2011, 02:19

Oh in dem Kontext möchte ich doch mal auf meinen persönlichen Nostradamus hinweisen. Klick ;)





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