Die medizinische Ecke XI - Private Meldepflicht von Infektionen
Ist es strafbar, als EHEC-Träger über seine Trägerschaft zu schweig
Eröffnet von Rabenfutter, 30.05.11, 18:50
10 Antworten zu diesem Thema
#1
Geschrieben: 30. Mai 2011, 18:50
Ein neuer Thread aus der medizinischen Ecke soll her.
Basta.
Es geht um die Meldepflicht infektiöser Erkrankungen. Die ist - ganz gesamtsozial - natürlich gesetzlich geregelt. Es gibt viele Infektionen, die nicht den Ämtern gemeldet werden müssen. Herpes etwa oder eine simple Angina. Seltene Komplikationen, Massenphänomene, hochansteckende, schwer heilbare oder epidemiologisch anderweitig interessante Infektion müssen aber den Gesundheitsbehörden angezeigt werden.
In der Regel geschieht das nicht-namentlich, da eine spezielle Überwachung der Kranken dank der selbst entstehenden Therapieeinsicht und Therapiedurchführung meist unnötig ist, z.B. bei schweren Verläufen von Bakterieninfektionen, die im Krankenhaus behandelt werden.
Manche Infektionen werden aber standardmäßig namentlich, nicht-anonym gemeldet. Tuberkulose etwa, die man locker mal jahrelang in der Welt herumtragen kann, ohne sich therapieren zu müssen bzw. den Bedarf symptomatisch zu bemerken.
Soweit die Meldung gegenüber dem Staat.
Wie ist es aber im privaten Umfeld?
Muß ein Angestellter etwa eine potentiell übertragbare Infektion den Kollegen mitteilen, auch wenn sie nur schwer oder unter Umständen übertragbar ist - HIV, Hepatitis C?
Wie ist es im noch privateren Gebiet: Können Freunde einen Freund rechtlich belangen, weil sie durch einen Genossen einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt waren, das vielleicht klein und aus Sicht der Ämter vernachlässigbar gering, aber eben vorhanden ist?
Und noch privater: Eheleute / enge Sozialpartner - wirkt eine unheilbar chronische Infektion scheidungserleichternd?
Als Arzt hat muß man meldepflichtige Infektionen den Behörden nach Vorschrift anzeigen, namentlich oder anonym, je nach Typ. Zudem hat man das Recht, wenn man im Zweifel ist, ob ein Patient sein Umfeld informiert, selbst das Umfeld zu informieren, etwa Familienangehörige über eine Tuberkulose (wenn das Gesundheitsamt nicht schneller war) oder einen Ehemann über die HIV-Infektion der Frau.
Wie ist aber der Stand unter lockereren Banden, Kollegen, Freunden, Straßenbahngenossen, Gelegenheitsbegegnungen aller Art?
Helft mir.
Basta.
Es geht um die Meldepflicht infektiöser Erkrankungen. Die ist - ganz gesamtsozial - natürlich gesetzlich geregelt. Es gibt viele Infektionen, die nicht den Ämtern gemeldet werden müssen. Herpes etwa oder eine simple Angina. Seltene Komplikationen, Massenphänomene, hochansteckende, schwer heilbare oder epidemiologisch anderweitig interessante Infektion müssen aber den Gesundheitsbehörden angezeigt werden.
In der Regel geschieht das nicht-namentlich, da eine spezielle Überwachung der Kranken dank der selbst entstehenden Therapieeinsicht und Therapiedurchführung meist unnötig ist, z.B. bei schweren Verläufen von Bakterieninfektionen, die im Krankenhaus behandelt werden.
Manche Infektionen werden aber standardmäßig namentlich, nicht-anonym gemeldet. Tuberkulose etwa, die man locker mal jahrelang in der Welt herumtragen kann, ohne sich therapieren zu müssen bzw. den Bedarf symptomatisch zu bemerken.
Soweit die Meldung gegenüber dem Staat.
Wie ist es aber im privaten Umfeld?
Muß ein Angestellter etwa eine potentiell übertragbare Infektion den Kollegen mitteilen, auch wenn sie nur schwer oder unter Umständen übertragbar ist - HIV, Hepatitis C?
Wie ist es im noch privateren Gebiet: Können Freunde einen Freund rechtlich belangen, weil sie durch einen Genossen einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt waren, das vielleicht klein und aus Sicht der Ämter vernachlässigbar gering, aber eben vorhanden ist?
Und noch privater: Eheleute / enge Sozialpartner - wirkt eine unheilbar chronische Infektion scheidungserleichternd?
Als Arzt hat muß man meldepflichtige Infektionen den Behörden nach Vorschrift anzeigen, namentlich oder anonym, je nach Typ. Zudem hat man das Recht, wenn man im Zweifel ist, ob ein Patient sein Umfeld informiert, selbst das Umfeld zu informieren, etwa Familienangehörige über eine Tuberkulose (wenn das Gesundheitsamt nicht schneller war) oder einen Ehemann über die HIV-Infektion der Frau.
Wie ist aber der Stand unter lockereren Banden, Kollegen, Freunden, Straßenbahngenossen, Gelegenheitsbegegnungen aller Art?
Helft mir.
#3
Geschrieben: 30. Mai 2011, 21:09
Spottdrossel schrieb am 30. Mai 2011, 20:49:
Das sieht mir verdammt nach Stoff für neue Regularien aus.
Na, geh mal von deiner persönlichen Meinung aus.
Vom schnupfengeplagten Mitarbeiter, der ins Büro kommt und nichts erzählt.
Vom EHEC-geplagten Mitarbeiter, der ins Büro kommt und nichts erzählt.
Vom Hepatitis-C-geplagten Mitarbeiter, der ins Büro kommt und nichts erzählt.
Wo beginnt das Erzählenswerte, wo das Private, wo das Gefährliche, wo das Banale?
Den Schnupfen kriegst du sicher auch, die Hep. C höchstwahrscheinlich nicht.
Den Schnupfen wirst du nach 1 Woche los, die Hep. C ... nicht.
Wo beginnt das Stigma, wo endet die Gerechtigkeit?
#4
Geschrieben: 06. Juni 2011, 20:43
das thema beschäftigt mich auch schon eine weile. einerseits als halbherzige hypochonderin, andererseits als lehrerin, die ich mich saisonal mit taschentücherbergen auf schulbänken konfrontiert sehe. ich wünsche mir zwar, dass die leute so vernünftig sind und mit ihren krankheiten zu hause bleiben, aber ich verlasse mich nicht unbedingt darauf. das heißt hände waschen und hin und wieder was gesundes essen und ansonsten hoffe ich einfach das beste.
grundsätzlich bin ich gegen eine persönliche meldepflicht, solange das ansteckungsrisiko überschaubar ist. das risiko diskriminiert zu werden erscheint mir da größer. medizinstudenten aus einem meiner kurse erzählten mir letzte woche allerdings von einem fall, wo ein mann mit hiv seiner frau die krankheit verheimlichte, ebenso wie seinen geliebten. ich denk dann sollte man als arzt schon einschreiten. diese frage wurde auch in einer vorlesung meiner studenten diskutiert und der professor riet ihnen im zweifel bei einer ethikkommision nachzufragen.
grundsätzlich bin ich gegen eine persönliche meldepflicht, solange das ansteckungsrisiko überschaubar ist. das risiko diskriminiert zu werden erscheint mir da größer. medizinstudenten aus einem meiner kurse erzählten mir letzte woche allerdings von einem fall, wo ein mann mit hiv seiner frau die krankheit verheimlichte, ebenso wie seinen geliebten. ich denk dann sollte man als arzt schon einschreiten. diese frage wurde auch in einer vorlesung meiner studenten diskutiert und der professor riet ihnen im zweifel bei einer ethikkommision nachzufragen.
#5
Geschrieben: 20. Juni 2011, 11:25
Ein spannender Artikel begegnete mir im Deutschen Ärzteblatt von kürzlich.
Autobiographisch berichtete ein etwa 35jähriger Chirurg von einem Dienststellenwechsel in dessem zeitlichen Umfeld er sich mit HIV infizierte.
Beim Bewerbungsgespräch für die neue Klinik wurde er bezüglich der routinemäßig anstehenden dienstärztlichen Einstellungsuntersuchung zu einem HIV-Test gedrängt, sollte er ihn - aus welchen Gründen auch immer - verweigern - entfiele seine Anstellung oder würde in der Probezeit grundlos beendet. Sicher stünde ihm das gleiche Schicksal bevor, käme sein positiver Test ans Licht. Bizarrerweise hatte er noch den letzten negativen Test parat, da sein letzte Screeninguntersuchung so kurz nach der Infektion geschah, daß der Test noch nicht anschlug. Er war damals also offiziell "negativ", tatsächlich aber bereits seropositiv. Dieser Testbogen wurde nicht akzeptiert, da anonym beim Gesundheitsamt erlangt.
Tatsache ist, ein Arbeitgeber darf weder nach einem Infektionsstatus fragen, noch eine Testung verlangen.
Zudem ist kein Arzt verpflichtet, Patienten über eine Infektion aufzuklären. Sie würden immer das Vertrauen verlieren und der Arzt wäre de facto arbeitsunfähig.
Wohl aber kann ein Patient einen Arzt verklagen, wenn er ihn trotz bestehender Infektion (auch unter Ausschöpfung aller Sicherheitsmaßnahmen) behandelt und den Patienten NICHT infiziert. Somit bleibt er Arzt wirklich arbeitsunfähig.
Welche Optionen hatte also der junge Arzt?
1) Testen oder Nicht-Testen und so oder so die neue Anstellung binnen 6 Monaten grundlos verlieren.
2) Das nächste Krankenhaus um Anstellung ersuchen und ggf. das gleiche Schicksal erleiden.
3) Sich privat niederlassen, dafür eine private Lebensversicherung zur Abdeckung notwendiger Kredite abschließen, hierfür eine Gesundheitsuntersuchung mit HIV-Test benötigen und somit daran scheitern.
4) Das neue Krankenhaus verklagen, kurzzeitig berühmt werden, Recht bekommen und nie wieder irgendwo als Arzt arbeiten.
Er nahm die 6 Monate als finanzielle Überbrückung vom einsichtigen, aber weisungsgebundenen Personalleiter an und wechselte in eine neue Stelle nach der neuen Stelle.
Autobiographisch berichtete ein etwa 35jähriger Chirurg von einem Dienststellenwechsel in dessem zeitlichen Umfeld er sich mit HIV infizierte.
Beim Bewerbungsgespräch für die neue Klinik wurde er bezüglich der routinemäßig anstehenden dienstärztlichen Einstellungsuntersuchung zu einem HIV-Test gedrängt, sollte er ihn - aus welchen Gründen auch immer - verweigern - entfiele seine Anstellung oder würde in der Probezeit grundlos beendet. Sicher stünde ihm das gleiche Schicksal bevor, käme sein positiver Test ans Licht. Bizarrerweise hatte er noch den letzten negativen Test parat, da sein letzte Screeninguntersuchung so kurz nach der Infektion geschah, daß der Test noch nicht anschlug. Er war damals also offiziell "negativ", tatsächlich aber bereits seropositiv. Dieser Testbogen wurde nicht akzeptiert, da anonym beim Gesundheitsamt erlangt.
Tatsache ist, ein Arbeitgeber darf weder nach einem Infektionsstatus fragen, noch eine Testung verlangen.
Zudem ist kein Arzt verpflichtet, Patienten über eine Infektion aufzuklären. Sie würden immer das Vertrauen verlieren und der Arzt wäre de facto arbeitsunfähig.
Wohl aber kann ein Patient einen Arzt verklagen, wenn er ihn trotz bestehender Infektion (auch unter Ausschöpfung aller Sicherheitsmaßnahmen) behandelt und den Patienten NICHT infiziert. Somit bleibt er Arzt wirklich arbeitsunfähig.
Welche Optionen hatte also der junge Arzt?
1) Testen oder Nicht-Testen und so oder so die neue Anstellung binnen 6 Monaten grundlos verlieren.
2) Das nächste Krankenhaus um Anstellung ersuchen und ggf. das gleiche Schicksal erleiden.
3) Sich privat niederlassen, dafür eine private Lebensversicherung zur Abdeckung notwendiger Kredite abschließen, hierfür eine Gesundheitsuntersuchung mit HIV-Test benötigen und somit daran scheitern.
4) Das neue Krankenhaus verklagen, kurzzeitig berühmt werden, Recht bekommen und nie wieder irgendwo als Arzt arbeiten.
Er nahm die 6 Monate als finanzielle Überbrückung vom einsichtigen, aber weisungsgebundenen Personalleiter an und wechselte in eine neue Stelle nach der neuen Stelle.
#6
Geschrieben: 13. September 2011, 16:22
Diverse Kommentatoren und Blogger sehen das zumindest mit HIV gar nicht so eng...
http://www.ondamaris.de/?p=27397
und
http://immunantwort.blogspot.com
Alles nicht so schlimm?
Alles behandelbar, überlebbar, heilbar?
http://www.ondamaris.de/?p=27397
und
http://immunantwort.blogspot.com
Alles nicht so schlimm?
Alles behandelbar, überlebbar, heilbar?
#8
Geschrieben: 18. November 2011, 09:24
Als ich mir die Links ansah, war ich ziemlich sprachlos: bewußtes Ansteckenlassen, damit man endlich ohne Kondom weitermachen kann, eine HIV-Infektion als Statussymbol und "Auszeichnung".
Na wenigstens machen sie sich ja ein Biohazard-Tattoo ;-)
Ich denke, jeder hat das Recht auf Selbstschädigung, egal ob es nun Rauchen oder ein riskantes Sexualleben mit Inkaufnahme einer unheilbaren Krankheit ist. (Kleine persönliche Anmerkung: DENNOCH müssen wir als Gesellschaft mit diesen Menschen solidarisch sein.)
Scheinbar achten "die Jungs" ja trotzdem darauf, dass sie niemanden weiter gefährden, wenn derjenige darauf Wert legt. Allerdings sehe ich die ganz große Gefahr einer Verharmlosung durch solches Verhalten, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, insbesondere, wenn man(n) einen solchen öffentlichen Erfahrungsbericht verfasst.
Aber wie will man dem denn begegnen? Die Klientel, die das betrifft, hat nur bedingt etwas mit schwul zu tun. in dem Fall können wir eigentlich dankbar sein, dass die einen solchen Kult darum machen und es so an die Öffentlichkeit zerren. Aber hier geht es um Leute, die gern ungeschützt Gruppensex haben und solche gibt es auch als Heteros. Die sind im Prinzip genauso gefährdet, nur glaube ich, haben die nicht so einen Drang, ihr Recht auf ihre Sexualität so öffentlich zu machen. Wahrscheinlich ist es da mit der Risikoeinschätzung ebenso dürftig bestellt.
Na und was hilft? Nur Aufklärung: wie geht es den Patienten mit HIV und zwar sowohl die Verbesserungen im Vergleich zu früher mit erklären als auch die noch immer bestehenden Probleme. Die Kommunikation darf nicht heißen: jeder Fremde steckt dich evtl. an, also hab keinen Sex.!, sondern: Mach alles, was Dir gefällt, nur schütze Dich dabei. Irgendwie, so habe ich den Eindruck, ist das nicht so angekommen in den Kampagnen.
Außerdem wird es irgendwann problematisch, wenn diese Sturm-und Drangphase vorbei geht. Was ist, wenn sich dann irgendwie ein Kinderwunsch einstellt?
Und dass es so "nicht schlimm" nicht ist, beweist letztlich der eine Bericht über die Parallelinfektion HIV und HepC. Über die würde ich mir momentan sogar etwas mehr Sorgen machen, die ist stark im Kommen und wird so gar nicht kommuniziert!
Na wenigstens machen sie sich ja ein Biohazard-Tattoo ;-)
Ich denke, jeder hat das Recht auf Selbstschädigung, egal ob es nun Rauchen oder ein riskantes Sexualleben mit Inkaufnahme einer unheilbaren Krankheit ist. (Kleine persönliche Anmerkung: DENNOCH müssen wir als Gesellschaft mit diesen Menschen solidarisch sein.)
Scheinbar achten "die Jungs" ja trotzdem darauf, dass sie niemanden weiter gefährden, wenn derjenige darauf Wert legt. Allerdings sehe ich die ganz große Gefahr einer Verharmlosung durch solches Verhalten, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, insbesondere, wenn man(n) einen solchen öffentlichen Erfahrungsbericht verfasst.
Aber wie will man dem denn begegnen? Die Klientel, die das betrifft, hat nur bedingt etwas mit schwul zu tun. in dem Fall können wir eigentlich dankbar sein, dass die einen solchen Kult darum machen und es so an die Öffentlichkeit zerren. Aber hier geht es um Leute, die gern ungeschützt Gruppensex haben und solche gibt es auch als Heteros. Die sind im Prinzip genauso gefährdet, nur glaube ich, haben die nicht so einen Drang, ihr Recht auf ihre Sexualität so öffentlich zu machen. Wahrscheinlich ist es da mit der Risikoeinschätzung ebenso dürftig bestellt.
Na und was hilft? Nur Aufklärung: wie geht es den Patienten mit HIV und zwar sowohl die Verbesserungen im Vergleich zu früher mit erklären als auch die noch immer bestehenden Probleme. Die Kommunikation darf nicht heißen: jeder Fremde steckt dich evtl. an, also hab keinen Sex.!, sondern: Mach alles, was Dir gefällt, nur schütze Dich dabei. Irgendwie, so habe ich den Eindruck, ist das nicht so angekommen in den Kampagnen.
Außerdem wird es irgendwann problematisch, wenn diese Sturm-und Drangphase vorbei geht. Was ist, wenn sich dann irgendwie ein Kinderwunsch einstellt?
Und dass es so "nicht schlimm" nicht ist, beweist letztlich der eine Bericht über die Parallelinfektion HIV und HepC. Über die würde ich mir momentan sogar etwas mehr Sorgen machen, die ist stark im Kommen und wird so gar nicht kommuniziert!
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