Meinungsbildung in Zeiten des Internets
Fact-Checking, Quellenkritik und Recherchemethoden für zu Hause
#1
Geschrieben: 12. Juni 2011, 10:22
zum beispiel wird eine googlesuche zu einem thema tendenziell seiten ausspucken, die zu seiten passen, die wir zuvor bereits besucht haben. was als hilfestellung gedacht ist, wird schnell zur einseitigen information - ganz ohne bewußte zensur und ohne aktiven zensor. auch der strom an statusupdates bei facebook z.b. wird mittlerweile standardmäßig ausgedünnt - kontakte, denen man oft per like-button zustimmt oder die man in der jüngeren vergangenheit mit einem kommentar bedachte, werden bevorzugt angezeigt, andere werden ganz ausgeblendet. so wird man nicht nur in der eigenen meinungen gehäuft bestätigt, sondern auch bevorzugt nur noch mit themen konfrontiert, die man bereits kennt.
ich möchte gern gemeinsam mit euch methoden finden, solche vorsortierungen zu umgehen und wichtiger noch: selbst in der lage zu sein, eine kritische quellenanalyse vornehmen zu können, ganz gleich zu welchem thema und fachgebiet. laßt uns also probleme sammeln und lösungen finden!
#2
Geschrieben: 12. Juni 2011, 12:49
Ich suche im Netz nicht gezielt nach Argumenten für meinen Standpunkt, sondern lasse mich von ihnen anspringen wenn ich meine täglichen Runden drehe.
Ich folge bei Twitter oder Facebook naturgemäß keinen Neoliberalen, Christsozialen oder gar Nazi. Informationen, die mich anspringen kommen meist aus linken, grünen oder diversen Bürgerbewegungen und deren Publikationen.
Mit diesen Beitrag bin ich zum Beispiel neulich bei einem fanatischen proisraelischen Antideutschen angeeckt, mit anderen Beiträgen ecke ich hier an. Fakt ist, dass ich keine Meinungsäußerungen gegen meine Überzeugung tätige oder verbreite.
Die Alternative wäre lediglich mich überhaupt nicht mehr zu äußern.
#3
Geschrieben: 12. Juni 2011, 17:49
Spottdrossel schrieb am 12. Juni 2011, 12:49:
Die Alternative wäre lediglich mich überhaupt nicht mehr zu äußern.
es geht nicht um die weiterverbreitung, sondern um die vorherige prüfung. "diskurs reinigt präferenzen" - d.h. kritik (egal ob von außen herangetragen oder durch einen selbst durchexerziert) hilft zu erkennen, ob die tatsachen, auf die die meinungsäußerung aufbaut, stimmen oder nicht. es geht mir hier in diesem thread darum, die möglichkeiten auszuloten, wie man selbst kritik durchexerzieren kann. es soll hier also auch überhaupt nicht um inhalte gehen, sondern um formen.
z.b. habe ich mir zum google-problem der ans surf- und suchverhalten angepaßten trefferquote überlegt, daß es vielleicht besser ist, wenn es wirklich darauf ankommt, bei wikipedia zu suchen. damit meine ich nicht den wikipediaartikel an sich, sondern die referenzen. der vorteil ist nämlich, daß bei wikipedia ein anderer kanon anliegt. die auswahl der quellen dort ist breit und sachbezogen. sie liefern die tatsachen, die im artikel stehen, und oft sogar kann man bereits anhand dieser quellen eine kritik des wikipediaartikels vornehmen. mir ist schon oft passiert, daß die quellen den wikipediaartikel nicht stützten, sondern zitate aus dem zusammenhang gerissen waren. in diesen fällen konnte ich auch ohne fachwissen die wikipediaartikel verbessern. die methode ist also gut geeignet: 1. einen vermutlich neutralen (weil durch ein breites autorenkollektiv transparent erstellter und begleitend diskutierter) artikel lesen und 2. das so erworbene wissen direkt anhand der quellen prüfen.
ein möglicher dritter schritt kann dann die googlesuche sein. was man dort angezeigt bekommt, entspricht dem, was google glaubt, daß du es lesen willst. hier lohnt dann schon der vergleich mit der neutralen information. gibt es hier widersprüche? dann muß man weiterdenken. es ist immer gut, gleich die potentiellen gegenargumente im kopf zu haben (und noch besser, die eigene meinung oder das dazu passende fundstück aus dem netz damit zu "grillen" - was nicht taugt verbrennt und der rest wird knackig). dazu muß man die möglichen gegenargumente aber auch kennen.
das facebookproblem ist relativ leicht gelöst: man kann sich (im moment noch) einstellen, daß man alles angezeigt bekommt. das hat allerdings mitunter den nachteil, daß man viel schrott sieht. aber ich halte es für sinnvoller, selbt auszuwählen, was man zukünftig nicht mehr lesen will, als diese auswahl facebook zu überlassen.
#4
Geschrieben: 12. Juni 2011, 19:06
Zitat
Ich denke da ist eine ganz Grundlegende Sache, die man ja eigentlich schon in der Schule lernen sollte. Prinzipiell würde ich sagen, dass mit der Menge an Quellen auch die Glaubwürdigkeit bestimmter Aussagen steigt. Dann ist es gut erst einmal zu hinterfragen, was hinter einer bestimmten Publikation steht, welche Interessen ein Autor vertritt und/oder welcher politischen Richtung er zuzuordnen ist. Es ist sicher nich so leicht bei einer größeren Fülle an Informationen den Überblick zu behalten und nicht jeder bringt die Zeit dafür mit. Ansonsten würde ich sagen diverse Fremdsprachen zu beherrschen oder zumindest fließend Englisch verstehen zu können ist zusätzlich sehr hilfreich. So hat man die Möglichkeit sich auch in ausländischen Medien ein Bild über bestimmte Ereignisse zu machen, was oft eine ganz andere Perspektive ist.
Gut ist auch immer gegensätzige Medien auszuprobieren. Z.B. Atomausstieg: Vattenfall vs Greenpeace.
Und wenn man sich denn garnicht sicher ist. Im schlimmsten Fall sich auch mal die Zeit nehmen und zu einem Fachbuch greifen. Auch wenn es anstrengend sein kann. So kann man auch Internetfilter umgehen. Oder wie im Falle Thilo Sarrazin das umstrittene Werk selber durchlesen und sich dann ein Bild machen. Was ich da z.b. nie gemacht habe, weil mir der Typ zu unsympathisch war. Aber vielleicht hatte er irgendwo in seinen Thesen auch gute Ansätze. Ich werde es nie wissen, weil ich mich hier nur auf die Meinung dritter Verlassen habe und mich das Thema dann doch nicht so brennend interessierte.
#5
Geschrieben: 12. Juni 2011, 20:43
Als normaler Leser solcher Artikel muss man sich schon darauf verlassen, dass das Peer Review akzeptabel abläuft, dass es keine Mauscheleien gibt, dass eine angemessene Breite an Argumenten präsentiert wird. Eine kurze Recherche zum Autor, wie Berührung es oben schreibt, halte ich auch für sehr sinnvoll. Oft erfährt man da schon genug, um das Geschriebene einordnen zu können.
Ich suche mal in meinem alten Unikram nach den Aufzeichnungen des Seminars. Vielleicht finde ich ja noch die Liste der Kriterien, wer weiß.
#6
Geschrieben: 12. Juni 2011, 20:48
im internet hab ich unlängst ein video gesehen, in dem ein chemielehrer sich mit klimaskeptikern auseinandersetzt. er hatte einen sehr interessanten ansatz, nämlich nicht die leute selbst zu überzeugen, sondern ihnen einen leitfaden plausibel zu machen, welche quellen glaubwürdig sind und welche nicht. sein vorschlag - eine vertikale skala auf der in absteigender reihenfolge die glaubwürdigkeit abnimmt. sie sieht ungefähr so aus:
1. sehr glaubwürdig:
- fachlich kompetente wissenschaftliche körperschaften mit hoher reputation, die bereits sehr lang im geschäfft sind. grund: die diversität kompensiert die wahrscheinlichkeit, einer marginalen fachmeinungen aufzusitzen. einzelne forscher können kompetent oder inkompetent sein, richtig oder falsch liegen, beeinflußt oder unabhängig sein. eine ganze körperschaft (darunter kann man neben wissenschaftlichen instituten auch fachzeitschriften zählen) wird jedoch sehr wahrscheinlich keine extrempositionen einnehmen und auch keine statements abgeben, die die reputation beschädigen (weil sie zum beispiel unausgegoren sind).
- fachlich kompetente institutionen, die eine agenda haben, deren statement dieser agenda jedoch widerspricht. wenn beispielsweise der bund deutscher milchbauern einräumen sollte, daß ein zu hoher milchpreis negative auswirkungen auf die wirtschaft habe, dann ist die wahrscheinlichkeit eines irrtums wohl sehr gering (das beispiel ist fiktiv!).
- forschungsarbeiten, die von kollegen aus dem fachbereich gegengeprüft wurden (sogenanntes "peer review"). ich persönlich hätte das gefühlsmäßig auf die höchste stufe gesetzt, aber dagegen spricht, daß es leider auch unseriöse fachzeitschriften gibt, die im interesse einer lobby abhängige "wissenschaftler" fürs gegenseitige peer-review heranzieht. insofern muß man bei peer-review immer schauen, wer da die kontrollinstanz ist, was wiederum aufwand bedeuten kann.
- äußerungen von institutionen mit (möglicher) agenda. das sind je nach thema lobbygruppen, interessenverbände, parteien, betroffene, etc. pp.
- einzelne expertenstatements, die kein peer-review durchlaufen haben. der grund liegt auf der hand und ist auch der kern des threadthemas: ich als laie habe keine möglichkeit, die expertise selbst zu prüfen.
- äußerungen von jedermann, etwa in blogs, forenkommentaren, stammtischgesprächen usw.
das ist natürlich ein grobes raster. man kann dazwischen noch viele weitere stufen einbauen. wo zum beispiel sind zeitungen wie der spiegel einzuordnen? oder innerhalb des mediums zeitung: wiegen redaktionsartikel (ohne autorennennung) nach dieser logik mehr als artikel mit autorenkennzeichnung? wiegt eine vorgeblich objektive reportage mehr als ein kommentar mit transparenter agenda?
es ist also nicht der weisheit letzter schluß. aber trotzdem ein, wie ich finde, recht brauchbares instrument zum schnellen glaubwürdigkeits-check. wenn paule im schwimmbad fakt xyz erzählt, der experte in der talkshow das gleiche, und in der zeitung auch nichts widersprüchliches drinsteht, dann heißt das zwar nicht, daß es stimmt, aber es ist wahrscheinlicher, als wenn man auf diesen ebenen schon zwei oder gar drei verschiedene versionen gehört hat. besser aber, man versucht immer so weit wie möglich nach oben zu gehen, wenigstens beim nachrecherchieren.
#7
Geschrieben: 12. Juni 2011, 21:07
#8
Geschrieben: 13. Juni 2011, 17:34
Wenn ihr eine ganz ganz freie Suchmaschine braucht: Yacy (Muss man installieren, basiert auf p2p, jeder Peer indexed ein bisschen, um so mehr mitmachen um so besser werden die Suchergebnisse.)
#9
Geschrieben: 14. Juni 2011, 15:36
An Chiardhuibh schrieb am 12. Juni 2011, 21:07:
Das ist ein sehr schöner Einwand.
#10
Geschrieben: 14. Juni 2011, 16:50
An Chiardhuibh schrieb am 12. Juni 2011, 21:07:
in der tat ist das der knackpunkt. andererseits geht es ja nicht um eine letztgültige prüfung, sondern um einen leitfaden eigener plausibilitätseinschätzung. als max planck vor hundert jahren die quantentheorie begründete, war das auch marginal und wurde von vielen schwergewichten als falsch abgetan. der springende punkt: die wissenschaftskollegen hatten begründete einwände, gegen die sich das modell der quantentheorie behaupten mußte und anhand derer es schließlich geprüft und verbessert wurde, bis es zum neuen paradigma wurde. welche einwände hingegen hätte der damalige otto-normal-bürger haben können? dem laufen quantentheorie und relativitätstheorie dermaßen an der erfahrbaren realität vorbei, daß ihre ablehnung noch heute plausibler ist als ihre zustimmung. wenn dann noch von albert einstein als physikalische koryphäe zweifelnde zitate vorliegen, haben wir schon fast die problemkonstellation, die mir vorschwebt.
bevor eine neue idee zum paradigma wird, muß überzeugungsarbeit geleistet werden. das rückgrat dieser überzeugungsarbeit sind argumente. aber es ist unerläßlich, daß wir in irgend einer form nachvollziehen können, ob die damit verbundenen tatsachen stimmen, und daß wir von unserem hintergrundwissen her den argumenten folgen können. wo letzteres nicht gegeben ist, muß irgend ein erklärbär her. und das muß jemand sein, der es selbst verstanden hat und in der lage ist, selbst zu hinterfragen. dem müssen wir absolut vertrauen können. eine ziemlich große einschränkung. außerdem müssen wir sicherstellen, daß uns und dem ideenstifter nicht irgend eine tatsache entgangen ist, die vielleicht die idee ad absurdum führt.
kurzum: das neue soll nicht abgekanzelt werden. aber es muß sich einer kritischen auseinandersetzung stellen. denn das alte war auch mal neu und ist nicht ohne grund paradigma. das neue muß besser sein, d.h.:
- es muß mehr oder besser erklären können.
- es muß bekannte probleme des alten theoriegerüstes elegant lösen
- es darf dabei nicht bereits gelöste probleme neu aufwerfen.
besonders der letzte punkt wird von laien regelmäßig übersehen, schlicht, weil man als interessierter laie immer akutes problembewußtsein, jedoch selten forschungsgeschichtliches und fachspezifisches hintergrundwissen mit sich bringt. und laie ist jeder in 99% der themen, über die man sich den kopf zerbricht.
edit: was mir gerade noch eingefallen ist - meist haben wir es ja auch mit der situation "aussage gegen aussage" (oder in diesem fall auch "meinung gegen meinung") zu tun. zumindest in forendiskussionen. dann wird natürlich verlinkt, was das zeug hält. hierfür ist die skala interessant. eine außenseitermeinung kann natürlich evtl. trotzdem nicht gebührend würdigung erfahren, aber zumindest kann man hinweise finden, ob ihre quelle einigermaßen reputation hat oder esoterischer schwachsinn ist. im idealfall muß man sich ja auch nicht gegenseitig überzeugen, sondern erweitert sein wissen um mögliche szenarien/theorien. es ist ja bereits ein gewinn, von einer marginalen idee gehört zu haben bzw. zu erfahren, daß das eigene wissen selbst eigentlich in fachkreisen als außenseiterposition wahrgenommen wird.
#11
Geschrieben: 10. Juli 2011, 19:06
Zitat
(quelle)
meiner meinung sehr hilfreich.
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