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Medienmacht per Leserbrief
Die Hintertür zur 4. Gewalt steht sperrangelweit offen


9 Antworten zu diesem Thema

#1 bogarnil limdal

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Geschrieben: 13. Juli 2011, 13:12

Eingefügtes Bild
Es ist ein bißchen Klischee und ein bißchen Hoffnung im Spiel, wenn von der Presse als die Vierte Gewalt gesprochen wird. Wer kontrolliert die Institutionen des politischen und gesellschaftlichen Betriebs? Wer versorgt den Bürger mit den Informationen, ohne die seine Freiheitsrechte nicht genutzt werden können? Wer schließlich ist selbst die entscheidende Institution in Sachen Meinungsfreiheit? Natürlich die Presse.

Und wer kämpft gegen Auflagenschwund, gegen Sparzwänge im einkommensschwachen Onlinesektor, gegen den immer schneller getakteten Veröffentlichungsdruck? Dieselbe.

In einer Zeit, in der das Fact-Checking, das Überprüfen der im Artikel enthaltenen Tatsachenbehauptungen also, zunehmend unter die Räder gerät, lohnt es sich, ein altes Phänomen neu auf den Prüfstand zu heben: Den engagierten Leserbrief.

Ein Leserbrief fungiert als externer Kommentar, transportiert also in erster Linie Meinung. Und zwar eine von der jeweiligen Redaktion unabhängige, namentlich gekennzeichnete Meinung. Dennoch macht sich die veröffentlichende Redaktion in einem gewissen Umfang mit dem Leserbrief inhaltlich gemein, insofern dieser meist mehrere Hürden überwinden muß: 1. Die Veröffentlichung überhaupt; 2. Die vorbehaltliche Redigierung bzw. Kürzung; 3. Eine Einordnung in Kontext und Relevanz durch die Redaktion mittels Kommentar.

Der seperat veröffentlichte Leserbrief ist also gerade in Onlinemedien wesentlich näher am redaktionellen Inhalt der Zeitung, als etwa Leserkommentare unter Artikeln oder in Foren. Dies dürfte einen beträchtlichen Prestigegewinn mit sich bringen. Der Leserbrief ist gewissermaßen redaktionell zertifiziert.

Hier beginnt das Problem. Ein aktuelles Fallbeispiel: Herr Erich Lienhart aus Bühl schreibt einen Leserbrief. Es geht um den Anglizismus "Public Viewing" und eine deutsche Alternative, die 2008 dem Duden in einem Wettbewerb zugeführt wurde und deshalb von der Zeitung in Zukunft verwendet werden solle. Soweit so unspannend. Interessant ist jedoch die Einleitung des Briefes:

Zitat

Meine Freunde über dem großen Teich finden es amüsant und respektlos zugleich, daß wir die Übertragung von Großereignissen auf Großbildleinwänden als Public Viewing (öffentliche Leichenschau) feiern. Erfreulich, dass die Verballhornung nicht auf Dauer sein muss ...


Diese Freunde sind mutmaßlich erfunden, denn es gibt im englischen Sprachraum keine eineindeutige Verwendung im Sinne der Aufbahrung Toter. Der Begriff weist auf jegliche öffentliche Zurschaustellung hin und ist als urbaner Mythos der Leichenschau bereits seit Jahren Ärgerniss von Sprachexperten diesseits und jenseits der deutsch-englischen Sprachbarriere. Leider wird der Mythos durch fortlaufendes Wiederaufgreifen in den Medien am Leben gehalten, nicht nur in Leserbriefen, sondern auch in regulären Artikeln.

Public Viewing - Was soll's?!?

Leider ist die Angelegenheit nicht so trivial, wie sie im ersten Moment aussieht. Denn erstens steht sie als Beispiel für ein generelles Versagen des Fact-Checkings. Auch ein Leserbrief, der eine Tatsachenbehauptung enthält ist wegen dieser Tatsachenbehauptung presserechtlich anfechtbar. Eine falsche Tatsachenbehauptung genießt nicht mehr den Schutz der freien Meinung. Wir können als Leser und auch als Leserbriefschreiber nur hoffen, daß die Redaktionen bei brenzligeren Tatsachenbehauptungen sorgfältiger nachprüfen, ob das behauptete stimmt oder wenigstens stimmen könnte. Die Frage, ab wann es brenzlig wird, ab wann also der Abdruck einer falschen Tatsache in der Zeitung relevant für deren Qualität wird, dürfte ein spannender Diskussionspunkt sein.

Zweitens steckt hinter dem Beispiel eine verblüffende Geschichte. Besagter Leserbrief erschien nicht in einer Zeitung, sondern deutschlandweit.

Der Autor Erich Lienhart ist darüber hinaus nicht nur fleißiger Leserbriefschreiber zu Themen wie Schuldenkrise Griechenland, Euro-Währungsraum, deutsche Vertriebene, Minarettverbot oder Reinhaltung der deutschen Sprache (uvm.), sondern steht auch dem Verein "Freundeskreis für europäische Jugendarbeit" vor, den die Bundesregierung offenbar als Teil des rechtsextremen Netzwerkes einstuft (der Verein wird hier als "Freundeskreis europäischer Jugendarbeit" bezeichnet, als Ort ist jedoch Bühl angegeben).

Das Phänomen des instrumentalisierten Leserbriefs ist kein Einzelfall, wie die von BildBlog behandelten Fälle Reinhart Jahnke oder Birgit S. zeigen. Nicht immer aber decken sich Redaktionslinie und Agitationsziel der schattenhaften Massenkommentatoren. Im Fall Lienhart gelingt es dem Leserbriefschreiber konsequent das Radar der Qualitätsprüfung zu unterfliegen und kontinuierlich die breite Zeitungslandschaft als Bühne zu gewinnen. Eine bedenkliche Ressource an prestigeträchtiger Öffentlichkeit.

#2 bogarnil limdal

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Geschrieben: 13. Juli 2011, 13:17

hübsch auch zum thema prestige des leserbriefs wie auch zu einer weiteren dimension problematischer leserbriefe - dem fake - ist fred davids aufsatz "die meinungskracher" (themenbezug vor allem im letzten drittel).

#3 Spottdrossel

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Geschrieben: 13. Juli 2011, 15:04

Was für eine tolle Story.
Diesen Leserbrief habe ich auch gelesen und mich natürlich erst mal amüsiert.
Wie kommst du auf diese Geschichte?

#4 bogarnil limdal

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Geschrieben: 13. Juli 2011, 15:31

Beitrag anzeigenSpottdrossel schrieb am 13. Juli 2011, 15:04:

Was für eine tolle Story.
Diesen Leserbrief habe ich auch gelesen und mich natürlich erst mal amüsiert.
Wie kommst du auf diese Geschichte?

mir war die mediale langlebigkeit des sprachlichen irrtums schon bekannt und ich bin deswegen gleich über die dreistigkeit gestolpert, irgendwelche amerikanischen freunde als rhetorischen kniff ins spiel zu bringen. ich habe eine hießige qualitätszeitung darauf hingewiesen, daß die "freunde überm großen teich" irgendwie verdächtig sind und daß die behauptung vom scheinanglizismus nicht stimmt. als nichts passierte (bis heute übrigens) hab ich angefangen zu recherchieren.

die meisten zeitungen kriegen das nicht mit. und einige wenige halten es für eine lappalie. ich finde es hingegen wichtig. wir sind auf informationen angewiesen und vertrauenswürdigkeit wie auch qualität ist keine sache des großen maßstabs, sondern eine frage des details.

#5 Kerberos

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Geschrieben: 15. Juli 2011, 20:40

Leserbriefe sind subjektiv und der jeweilige Autor setzt dort seinen Namen drunter. Daher verstehe ich deine Anspannung hier nicht. Wichtig wäre es, das die Redaktion der Zeitung überprüft, ob es sich um Sockenpuppen handelt oder nicht. Das wäre dann schon alles.

#6 bogarnil limdal

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Geschrieben: 15. Juli 2011, 20:59

Beitrag anzeigenKerberos schrieb am 15. Juli 2011, 20:40:

Wichtig wäre es, das die Redaktion der Zeitung überprüft, ob es sich um Sockenpuppen handelt oder nicht. Das wäre dann schon alles.

das ist der punkt. wie gesehen wird diese kontrolle unterlassen. und in diesem falle habe ich sogar eine zeitung darauf hingewiesen und dennoch steht der leserbrief mitsamt falscher tatsachenbehauptung noch unkommentiert online. es ist also der normalfall.

die frage ist: sind leserbriefe pillepalle oder nicht? und damit hängt eng die zweite frage zusammen: kann man aus dem umgang mit leserbriefen bereits ein urteil über die allgemeine qualität einer zeitung ableiten?

#7 Tara

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Geschrieben: 17. Juli 2011, 19:57

Ich glaube die vierte Macht sind nicht die Medien, sondern eher der Bürger, der seine Meinung kund tut und zur Diskussion stellt. Eigentlich sollte es ja so sein, dass der mündige Bürger, über die Medien und Zeitungen in denen er sich organisieren oder einfach nur Leserbriefe schreiben kann, sein demokratisches Recht des Meinung Verkündens wahr nimmt.

Dass dieses in diesem Staat nicht so ganz funktioniert(siehe Meinungsmacher BILD) ist hier nicht das Thema.

Aber da wir hier ein abstraktes Thema haben stelle ich die einfache Frage: Wo ist das Problem? Jemand tut seine Meinung kund. Also gebt ihm doch Paroli! Stellt seine Meinung in Frage und widersprecht ihm. Genau wie es in diesem Forum Gottseidank getan wird. Wir sind die Demokratie und wir leben sie. Wir sind die vierte Macht. Der Bürger der ausdiskutiert was in diesem Staat richtig und was falsch läuft.

Dieses ist auch der Sinn dieses Forums auf Leipzig begrenzt.

Bearbeitet von Tara, 17. Juli 2011, 19:58,


#8 bogarnil limdal

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Geschrieben: 17. Juli 2011, 20:41

Beitrag anzeigenTara schrieb am 17. Juli 2011, 19:57:

Aber da wir hier ein abstraktes Thema haben stelle ich die einfache Frage: Wo ist das Problem? Jemand tut seine Meinung kund. Also gebt ihm doch Paroli! Stellt seine Meinung in Frage und widersprecht ihm.

wenn es nur um meinung ging, gäbe es kein problem. es geht aber um falsche tatsachenbehauptungen. um fehlerhafte fakten. um subtile manipulationen. der wolf im schafspelz, der professionelle ideologe hinter der maske des harmlosen leserbriefeschreibers.

angenommen ich habe genau dies getan: ich habe dem fakt widersprochen und ich habe den hintergrund recherchiert und es ist nichts passiert. das ist mein problem - die zeitungen interessieren sich nur noch für billigen content, nicht für qualitätskontrolle. ich hätte einen eigenen leserbrief einreichen können, aber der appell an journalistisches handwerk läuft ins leere. es ist nicht das erste mal, daß mir das begegnet ist.

was sind zeitungen wert? es ist nicht (nur) die bild mit ihrer ideologischen agenda. es sind auch die vielen zeitungen, die aus rein ökonomischen "zwängen" überhaupt keine qualität mehr bringen. das problem ist, daß es mittlerweile keine informationsplattform mehr gibt, der man ohne eigenrecherche noch trauen kann, weil grundsätzlich jedes medium sich instrumentalisieren läßt, wenn es kostenlose inhalte bringt.

#9 Zilpzalp

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Geschrieben: 17. Juli 2011, 21:56

Ich lese die Zeitung eigentlich nur noch aus nostalgischen Gründen,denn "meine"Zeitung begleitet mich faktisch schon mein Leben lang.Die News kann ich auch im Internet erfahren
und gute Artikel kann man mit der Lupe suchen.
Richtig journalistische Arbeit wird da fast nur noch auf der Kreisseite geleistet.
Leserbriefe sind selten.
Was den Inhalt von Leserbriefen betrifft sollte man wirklich nicht blauäugig sein,sondern kritisch damit umgehen.
Ein interessantes Schulfach wäre "Medienkunde" oder gibts das schon?
Volkshochschulen könnten das auch für Erwachsene anbieten.
Hatte man früher in der DDR ein Problem schrieb man einen Leserbrief an die "Wochenpost" und wenn man Glück hatte wurde es gelöst.(Das soll aber jetzt nicht ein Beitrag zum Thema "Früher war alles besser sein.Mir fällt da auch ein ,daß früher in den Zeitungen Fortsetzungsromane
abgedruckt wurden.Sollte man wieder einführen,an Stelle so manchen gedruckten Mists.Aber das ist ein anderes Thema. :) )

Bearbeitet von Zilpzalp, 17. Juli 2011, 21:57,


#10 bogarnil limdal

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Geschrieben: 18. Juli 2011, 09:06

ich finde auch ganz nebenbei interessant, daß in dem beispiel vom vermeintlichen scheinanglizismus der leserbrief einen recherchefehler weiterschreibt. die kette ging wohl so: 1. jemand schrieb einen ungenauen wikipediaeintrag (der recht schnell korrigiert wurde); 2. ein medium schrieb im ungünstigen moment von der wikipedia ab ohne die sachlage zu prüfen (ein blick ins wörterbuch hätte genügt); 3. viele andere medien schreiben vom ursprünglichen medium ab, entweder ohne die sachlage zu prüfen, oder mit prüfung der sachlage durch gegencheck anderer abgeschriebener medienberichte; 4. der leserbriefschreiber beruft sich auf einen oder mehrer dieser medienberichte, gibt die info jedoch als selbst recherchiert aus; 5. die zeitung druckt den leserbrief ab und schafft damit einen weiteren "beleg" für den vermeintlichen scheinanglizismus.

das ist ein ping-pong zwischen laien und profis, bei dem die laien sich auf die profis verlassen und die profis tatsächlich nur laienwissen verbreiten. und das schlimme ist, daß es absolut denkbar in jedem themenfeld ist. in den bereichen, in denen ich fachwissen habe, gerate ich regelmäßig in verzweiflung über sachlich falsche medienberichte. 90% der medienberichte, die ich konsumiere, haben aber gegenstände zum thema, in denen ich kein fachwissen habe.


das problem hat für mich also zwei dimensionen: erstens die fortschreibung falscher tatsachen. zweitens die instrumentalisierung renomierter medien durch dubiose "externe autoren". die zeitungen versagen offensichtlich bei der eindämmung beider phänomene.





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