ich habe die nacht zum 11. september mit einem freund und zwei gitarren am strand in valencia, spanien verbracht. wir wollten dort den sonnenaufgang überm meer erwischen (was nicht klappte, wie wir mit etwas mehr meteorologiekenntnis schon vorher gewußt hätten). nachdem es hell geworden war, sind wir den recht langen fußmarsch zur wohnung unserer freundin gelaufen und haben dort in zeitlupe und mit augenringen unseren tag verplant. unsere freundin war ein oder zwei wochen zuvor mit dem flieger in valencia gelandet, wo sie das nächste jahr arbeiten würde. und wir haben ihr mit dem auto den hausrat hinterhergebracht. wir, das waren ihr freund und seine zwei besten schulfreunde. einer davon logischerweise war ich.
die reise war sowas wie die letzte klassenfahrt in klein. es war klar, daß sich unsere wege zunehmend auseinander bewegen würden. das stück europa wollten wir noch einmal gemeinsam durchqueren. es war eine schöne reise, unvergeßlich nicht nur wegen des 11. septembers. aber natürlich auch deswegen.
die nachricht ereilte uns in gestalt eines anrufs. der vater der freundin war dran, das telefonat zwischen deutschland und spanien war teuer, die informationslage zum zeitpunkt auch noch sehr dünn. kurz nachdem also unsere freundin zum telefonieren in die küche verschwunden war, kam sie auch schon zurück. allerdings sehr bleich und mit einem leicht konfusen blick. ihre knappe zusammenfassung des telefonats war: "mein vater war dran, in new york und washington gab es anschläge, flugzeuge sind ins world trade center und aufs pentagon gestürzt. im nahen osten ist generalmobilisierung". ich weiß nicht, ob auch das wort "krieg" gefallen war. aber es fühlte sich für uns genauso an. es war krieg ausgebrochen.
rückblickend ist das kaum noch vorstellbar. man könnte meinen, mit etwas kühler überlegung hätten wir auch von selbst darauf kommen können, daß sofortiger und umfassender krieg doch ein recht unwahrscheinliches szenario war. doch abgeschnitten von der nachrichtenlage und anhand der atemlosen telegrammhaften information und nicht zuletzt wegen der grotesken meldung, gleich eine hand voll flugzeuge seien entführt und zu kamikaze-fliegern verwandelt worden, waren wir bereit alles zu glauben. ja, in unserer stillen-post-version marschierten nicht nur armeen des westens durch brennende ölfelder, sondern stürzten auch am laufenden band flugzeuge in amerikanische großstädte. nach ettlichem nachfragen, ob sich unsere freundin nicht verhört habe, rappelten wir uns auf und gingen raus auf die straße.
wir suchten ein internetcafé. auf dem weg dahin kamen wir an einem laden vorbei mit tv-gerät im schaufenster. dort sahen wir die bilder zum ersten mal. die türme standen noch (zumindest auf den fernsehbildern) und ständig flogen die flugzeuge da rein. es gab sofort ein eigentümliches déja-vu-gefühl, als hätte man das alles bereits schonmal gesehen. vielleicht lag es an der schleife, vielleicht auch an dem anruf, dessen wahrheitsgehalt nun zum teil bestätigt war. das befeuerte natürlich die angst, daß auch der andere teil stimmen würde. daß wir mitten in einem krieg stecken würden, dessen verstrickung auch an europa nicht vorbeigehen könnte. der politikwissenschaftler in mir
(es war die vorlesungsfreie zeit nach dem zweiten semester) meldete sich langsam, wenngleich nicht weniger ratlos.
im internetcafé angekommen und endlich mit zugang zum allgemeinen erkenntnisstand verschwand schließlich die drückende angst. mittlerweile waren die türme eingestürzt. aufgrund der chaotischen zustände mußten die todesopfer geschätzt werden. mit der zahl 40.000 im kopf und herzen sind wir damals zu bett gegangen. daß es insgesamt "nur" vier flugzeuge waren, daß die "generalmobilmachung" "nur" eine alarmbereitschaft war - das hat uns aufatmen lassen. die halbe stunde, die wir im netz verbrachten, hat sich mir ins gedächtnis gebrannt. mein elfter september war kein tag mit sich in zeitlupe vervollständigender nachrichtenberieselung. kein ich packe meinen koffer mit flugzeugunglück in ny, mit flugzeuganschlag in ny, mit flugzeuganschlag in ny und dc usw... mein elfter september war eine berg-und-tal-fahrt zwischen hastiger informationsbeschaffung und langen strecken voller grübelei. vielleicht habe ich deshalb noch einige kleine details in erinnerung, wie etwa das erste bekenntnis zu den anschlägen durch japanische rotarmeefraktion (
siehe hier). auch die spontanen und äußerst verstörenden anfeindungen in den kommentaren zum blog
(damals hieß das übrigens noch live-journal) einer virtuellen freundin, die sich erdreistete, die frage nach dem motiv von terroranschlägen gegen die usa nicht nur rhetorisch zu stellen, sondern auch eine antwort zu suchen, sind mir in erinnerung. heute kann jeder trottel ungestraft die übelsten antiamerikanismen pflegen, aber im angesichts des augenblicks schien die damals noch sehr junge bloggercommunity einen an hurrah-patriotismus grenzenden pietätsgedanken mit allen mitteln durchboxen zu wollen.
das dritte informationshäppchen nach telefonat und internetcafé war die zeitung am nächsten tag. wir erwischten am bahnhof tatsächlich eine deutsche ausgabe, ich glaube der süddeutschen. wenn mich nicht alles täuscht, wurde da schon al kaida als täter gehandelt. hier hatte ich dann auch das erste mal das gefühl, daß mein powi-studium doch einen bezug zur wirklichkeit hat. so aufgehoben in meinem grundwissen fühlte ich mich später kaum noch einmal. ich kannte damals bereits das talibanregime und auch al kaida auf dezent fachlicher basis, während meine freunde von all dem das erste mal überhaupt hörten. in den nächsten tagen haben wir viel über grundlegende dinge gesprochen. über politik, aber auch über religion, über werte und vorstellungen. aus dem unbeschwerten urlaub wurde sowas wie eine meditation über das gute und schlechte in der welt. der abstand vom alltag und auch von der einlullenden informationsberieselung war am anfang vielleicht noch beängstigend gewesen, entpuppte sich aber bald als segen. und rückblickend empfinde ich auch die irrtümliche erfahrung eines plötzlich über mich hereinbrechenden krieges als wichtigen punkt in meinem leben. ich hatte noch monate später alpträume, aber auch einen anderen blickwinkel auf die bedeutung von krieg und frieden mitbekommen. frieden ist für mich nichts selbstverständliches mehr.
einmal kam sie damals noch kurz zurück, die panik. auf dem heimweg wurden wir an der doch eigentlich offenen grenze zwischen spanien und frankreich plötzlich von uniformierten männern mit maschienengewehren und schnauzbärtigen gesichtern angehalten und skeptisch beäugt. das radio meldete eine explosion in toulouse. wir verstanden mit unserem radebrechenden französisch allerdings nur die reizwörter der spanischen nachrichtensendung. explosion, toulouse, terror. letzteres sicherlich im konjunktiv, aber für uns natürlich nicht zu ergründen. da auch die behörden über die ursache im dunkeln tappten (
siehe hier) wurden erstmal die grenzposten wieder besetzt. wir sahen aber wohl nicht arabisch genug aus und durften ohne das auto komplett leerräumen zu müssen weiterfahren. richtung toulouse, ins ungewisse.