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Unwort des Jahres 2011
Der Sprachgebrauch und seine Tücken

Unwort

4 Antworten zu diesem Thema

#1 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 17. Januar 2012, 10:48

Der im Zusammenhang mit den Morden an Migranten im letzten Jahr oft gehörte Begriff "Döner-Mord" ist das Unwort des Jahres 2011.
Aus der Begründung der aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten bestehenden Jury:

Zitat

Der Ausdruck steht prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert
wurde: Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen, wurde mit dieser Bezeichnung gestützt. Damit hat Döner-Mord(e) über Jahre hinweg die Wahrnehmung vieler Menschen und gesellschaftlicher Institutionen in verhängnisvoller Weise beeinflusst (Quelle) .

Ein Unwort, das den Namen wirklich verdient hat (obwohl man meiner Meinung nach auch gerne mal über das Wort "Unwort" und seine semantische Dimension reden könnte, naja). Der Begriff "Döner-Mord" zeigt, wie sehr Gesellschaft und Sprache in Wechselbeziehung miteinander stehen. Einerseits schlägt sich in der Wahl des Wortes bereits ein bestimmtes Weltbild nieder, andererseits unterstützt die Verwendung des Begriffes, wie in der Begründung der Jury genannt, die Verbreitung und Fundamentierung dieser menschenverachtenden Weltsicht.

Auch gerügt wurden die Wörter "Gutmensch" und "marktkonforme Demokratie". Zur Begründung kann in der Pressemitteilung nachgelesen werden.

Was meint ihr? Stimmt ihr der Jury zu oder hätten ganz andere Wörter die ersten Plätze verdient?

#2 berührung

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Geschrieben: 17. Januar 2012, 16:26

Hm da ist dann wohl erstmal die Frage was ist ein Unwort und was verbindet man damit. Wenn ich es mal für mich definiere, dass die Worte den Zusammenhang verdrehen oder eine versteckte Abwertung darstellen und Menschen in die Irre führen, dann würde ich sagen: Das haut schon hin, obwohl Gutmensch wohl immer mal wieder auftaucht. Ich glaube nicht so auf der Straße oder im Alltag aber in Internetforen sicherlich. Und Döner-Morde klingt so richtig nach BILD-Schlagzeile, da kann eh nichts gutes bei rauskommen.

Ob man aber die Verwendung solcher Begriffe unterbinden oder einschränken kann, in dem sie als "pfui pfui" und "böse böse" tituliert, kann ich jetzt nicht so beurteilen.

#3 An Chiardhuibh

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Geschrieben: 17. Januar 2012, 21:50

Beitrag anzeigenberührung schrieb am 17. Januar 2012, 16:26:

Ob man aber die Verwendung solcher Begriffe unterbinden oder einschränken kann, in dem sie als "pfui pfui" und "böse böse" tituliert, kann ich jetzt nicht so beurteilen.

Das ist die Frage. Führt der bewusste Eingriff in den Sprachgebrauch, der ja eher unreflektiert von Seiten der normalen Sprecher (Medien und andere, mit der Sprache arbeitende, Menschen mal ausgenommen) stattfindet, zu einer Veränderung? Und zwar nicht nur in der Wortwahl selbst, sondern auch in den Gedanken? Ich glaube ehrlich gesagt ja. Wenngleich man da auch nicht zu naiv sein darf, aber allein durch die Diskussion über ein Wort verändert sich etwas. Wer sich bisher keine Gedanken über einen Begriff gemacht hat, merkt zumindest, dass es sich nicht um ein 0815-Wort handelt. Wie auch immer er sich anschließend entscheidet, ob er das Wort nun erst recht benutzt, es vermeidet oder sich in die Diskussion einmischt, er hat sich Gedanken gemacht.
Man muss sicherlich nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und der Sprachwandel macht eben vor kaum einer Sprache halt, daran muss man sich gewöhnen. Wenn aber Wörter auftauchen, die sich auf Menschen beziehen und diese möglicherweise verletzen, sollte man schon genauer hinschauen. Ich halte dann auch nichts von der political-correctness-Heulerei, die hin und wieder losgeht, wenn ein Wort als problematisch identifiziert wird.

Das Wort "Unwort" mag ich aber irgendwie trotzdem nicht. Es suggeriert, dass ein Wort das Gegenteil von einem Wort sein kann, ein Nichtwort und das erscheint mir reichlich seltsam. Auf der anderen Seite ist es natürlich einprägsam. Hat jemand vielleicht eine Alternative?

#4 berührung

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Geschrieben: 17. Januar 2012, 23:01

Ich denke mal, dass das ganz unterschiedlich aufgenommen wird und verschiedene Effekte hat. Wenn ich mir vorstelle dass z.B. der Tagesschausprecher das in einer Meldung ausspricht, dann bekommt das ganze zumindest erstmal einen offiziellen Charakter. Das führt dann sicher dazu das Menschen darauf aufmerksam gemacht werden, die vorher nicht so darüber nachgedacht haben. Wie dann der Einzelne damit umgeht, ist dann wieder eine andere Sache. Die einen können damit umgehen und ändern ihr Verhalten oder werden zumindest achtsamer und die anderen fühlen sich vielleicht beschämt und grade dadurch im Recht und das provoziert dann vielleicht eher eine Reaktion aller "Jetzt erst recht, ich laß mir doch nicht den Mund verbieten." Oder es führt zu einer oberflächlichen political-correctness und hintenrum wird es weiter benutzt. Und grade die letzteren sind ja eigentlich die, die man wirklich erreichen will. Und da ist es wohl verschenkte Mühe. Aber ich denke auch nicht, dass man es deshalb lassen sollte. Vielleicht muss man auch nicht immer alle so in Watte packen und ein polarisierendes Wort wie "Unwort" ist dazu ganz gut geeignet.

#5 bogarnil limdal

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Geschrieben: 18. Januar 2012, 15:56

ich denke auch, daß der begriff unwort zwar selbst problematisch ist, aber eher den polarisierenden effekt hat. vielleicht sogar weniger, weil wir über den dem begriff innewohnenden zensurvorschlag stolperten, sondern weil das unwort anders als ein tabu stets ein wort ist, das in aller munde geführt wird. wenn ein solches wort zum unwort erklärt wird, dann ergibt sich daraus die spannung, die zum nachdenken anregt. natürlich lauert trotzdem die politische korrektheit, die als begriff ja leider auch schon von fundamentalistischen ideologen gekapert wurde - also nochmal: natürlich lauert trotzdem das lippenbekenntnis in form einer vermeidung des gekürten unwortes und einem ausweichen auf synonyme. dann wird das unwort zum tabu, während der dahinter steckende begriff munter weiterlebt. im fall der dönermorde ist das vielleicht nicht ganz so offensichtlich wie im fall der unwörter von 1991 (ausländerfrei), 1993 (überfremdung) und 2000 (national befreite zone), die im wesentlichen den variationenreichtum ein und desselben begriffs darstellen. auch jenseits der offiziellen unwörter kann man das beobachten. wenn etwa menschen über die jahre hinweg mal zuwanderer, migranten, umsiedler, einwanderer usw. heißen - immer so lang, bis sich die neue bezeichnung als begriff im ursprünglichen verständnis etabliert hat - negative konnotation inklusive.

aus diesem grund halte ich übrigens auch die sorgfalt bei geschlechtsneutraler formulierung zwar für einen guten diskussionsaufhänger, aber in der sache für den falschen ansatz. worte haben bedeutungen. und diese bedeutungen stecken nicht in den buchstaben, sondern in unseren köpfen. es geht um "the meaning of meaning" - um die bedeutung der bedeutung. was meinen wir, wenn wir etwas sagen?





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